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Wahlkampfhilfe des Präsidenten : Obamas Räuberleiter ins Weiße Haus

  • -Aktualisiert am

Bild: AP

Vor acht Jahren hatte sie für den Nachwuchspolitiker nur gute Ratschläge übrig. Inzwischen sind die Rollen anders verteilt – und es wird klar, wie wichtig Präsident Obama noch für Hillary Clinton im Rennen um das Weiße Haus werden könnte.

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          Gäbe es den Mitfahrdienst Uber für Präsidentschaften, wäre Air Force One wohl das geeignete Fahrzeug. Und wäre sie nicht schon zigfach im Flugzeug des amerikanischen Präsidenten mitgeflogen, könnte man denken, Barack Obama habe Hillary Clinton am Dienstag eine erste kleine Probefahrt gewährt in seinem Amtsflugzeug, in dem selbstverständlich sie bald öfter sitzen möchte.

          Einen Tag nach den landesweiten Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag der Vereinigten Staaten landeten Präsident Obama und die designierte demokratische Präsidentschaftskandidatin Clinton am frühen Nachmittag am Flughafen von Charlotte in North Carolina. Als ob er ihr Vortritt gewähren wollte, legte er ihr vorsichtig seine Hand auf den Rücken. Die Kameras auf dem Flugfeld klickten eifrig. Vielleicht ging es in diesem künstlich symbolgeladenen Moment um politische Augenhöhe, jedenfalls gingen beide im Gleichschritt die Treppe hinab. Stufe für Stufe, den riesigen Vogel Air Force One im Rücken. Ein Bild wie eine stille Mahnung, dass das Amt immer noch größer ist als die Person, die es bekleidet.

          Ein paar Stunden später, im Charlotte Convention Center, plärrt laute Popmusik durch die Lautsprecher, als die beiden Politiker die Bühne betreten. Es ist Clintons und Obamas erster gemeinsamer Auftritt in diesem Wahlkampf, rund vier Wochen nachdem sich der Amtsinhaber offiziell für seine Parteifreundin als Kandidatin ausgesprochen hatte.

          „Ich glaube an Hillary Clinton“

          Wie anders als schmeichelhaft sollten dann auch die Worte ausfallen, die der 44. amerikanische Präsident wählen würde, um Clinton hier an Ort und Stelle als 45. Präsidentin schmackhaft zu machen. „Ich nehme eigentlich jede Ausrede an, um nach North Carolina zu kommen“, sagte Obama gleich zu Anfang, „aber heute bin ich aus einem einfachen Grund hier: Ich glaube an Hillary Clinton, und ich will, dass Ihr ihr helft, die nächste Präsidentin der Vereinigten Staaten zu werden.“

          Sein absolutes Vertrauen in Clinton habe ihn nie getäuscht, fuhr Obama fort. „Sie gibt nicht auf, sie weicht nie zurück, egal wie schwierig die Herausforderung ist, egal wie tough der Gegner ist.“

          Mit dem Wort Gegner bezog er sich zwar auf die internationale Bühne, auf Terroristen oder aufmüpfige Staatschefs, was aber nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass erst noch ein ganz anderer Gegner auf Clinton wartet. Ihren parteiinternen, gedanklich längst abgeschriebenen Rivalen Bernie Sanders erwähnten beide namentlich nicht. Clinton hatte auch nur einen kleinen, verschleierten Nadelstich für ihn übrig, die eigentlichen Nadelstiche setzte sie gegen Donald Trump.

          Ohne Frage wirkt ein Angriff gegen den designierten Präsidentschaftskandidaten der Republikaner ungleich effektiver, wenn er vom amerikanischen Präsidenten persönlich kommt. Nicht allein aufgrund seiner unaufgeregten, entspannten Art am Rednerpult, die ihr fehlt. Sondern weil die Fallhöhe des Arguments schlicht eine andere erreicht als bei ihr. „Jeder kann twittern“, erinnerte Obama die etwa 3000 Anhänger im Convention Center an Trumps inzwischen notorische Kurzmitteilungsausbrüche, „aber niemand hat auch nur einen Schimmer, wie es ist, diesen Job zu machen, bis man tatsächlich im Oval Office hinterm Schreibtisch sitzt.“

          Macht = Timing + Erwartungen

          Nicht alles, was er sich für seine beiden Amtszeiten vorgenommen hatte, konnte Obama in acht Jahren in die Tat umsetzen. Versprechen, wie die Schließung von Guantanamo, blieb er schuldig. Auch deshalb ist das Wahlkampfteam Clinton/Obama für beide gewissermaßen ein Gewinn: Durch seine Unterstützung macht er ihr die Räuberleiter ins Amt so gut es geht, damit sie dort sein politisches Vermächtnis fortführen kann.

          Dieser politische Gleichschritt, den sie in North Carolina an den Tag legten, sah dabei einmal ganz anders aus. 2008, als beide sich zum ersten Mal um das Amt des Präsidenten bemühten, hatte sie für den Nachwuchspolitiker aus Illinois nur ein müdes Lächeln und ein paar gute Ratschläge übrig. „Mit Verlaub, wenn man von sechs bis zehn in Indonesien gelebt hat, zählt das nicht als außenpolitische Sachkenntnis“, sagte sie damals über Obama, der auch in Jakarta aufwuchs.

          Wollte sie ihn damals kleinhalten, dürfte ihr heute klar sein, wie sehr er ihr im Wahlkampf nützlich sein kann. In den letzten Monaten seiner Amtszeit hat der Präsident seine Beliebtheitswerte noch einmal hochgeschraubt. Seit 2011, nach der Tötung Usama bin Ladins, hatte er keinen höheren Wert mehr als momentan. Und das, keine Frage, soll im Wahlkampf auf Clinton abstrahlen, deren Beliebtheitswerte im gleichen Zeitraum abgesackt sind.

          Bricht man es auf eine krude Formel herunter, funktioniert Politik in Washington nach einer einfachen Gleichung. Macht = Timing + Erwartungen. Wer ganz oben sein will, muss den richtigen Augenblick erwischen und dabei die politischen Erwartungen erfüllen. Wer dieses Spiel beherrscht, hat gute Karten für höhere Würden. 2008 musste Clinton bekanntlich zurückstecken und Obama den Vortritt lassen.

          FBI zur E-Mail-Affäre: „keine kriminelle Absicht“

          Acht Jahre später scheint die Zeit gekommen. Er kenne niemanden, sagt Obama neben ihr auf der Bühne, der so geeignet sei für dieses Amt, wie Hillary Clinton. Vielleicht hat sie auf ihrer Wahlkampftour bislang noch nie so viel Szenenapplaus und „Hillary-Hillary-Hillary!“-Zwischenrufe bekommen wie an diesem Nachmittag während Barack Obamas Rede. Clinton, die wie eine Schülerband vor dem Hauptact Obama nach ihr Reden ließ, wurde so auch nicht müde, ihre Freundschaft zu betonen, die aus einer engen politischen Partnerschaft über die Jahre gewachsen sei.

          Dass ihr ein paar Stunden zuvor FBI-Direktor James Comey „keine kriminelle Absicht“ im Umgang mit ihrem privaten E-Mail-Server als amerikanische Außenministerin bescheinigt hatte, ließ sie unerwähnt. Zu schön und wirkungsmächtig sind solche Bilder mit dem Präsidenten, der sie nach seiner Rede auf der Bühne auf die Wange küsste, in den Arm nahm, und anschließend ihren Arm in die Höhe riss. Und wieder „Hillary-Hillary-Hillary!“-Rufe. Perfektes Timing sowie ein weiterer Beweis für das bemerkenswerte Gespür für politische Schachzüge der Clintons.

          Draußen, 32 Grad, hohe Luftfeuchtigkeit, braute sich in der Zwischenzeit ein schwaches Gewitter zusammen. An diesem Nachmittag der Eintracht vielleicht der einzige Fingerzeig, dass noch nicht alles eitel Sonnenschein ist.

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