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Vorwahlen in Amerika : Die Wut der Wähler

  • -Aktualisiert am

Die Anhänger von Bernie Sanders fordern nichts weniger als eine Revolution. Bild: Reuters

Ob Bernie Sanders oder Donald Trump: im Vorwahlkampf in den Vereinigten Staaten bekommen radikale Außenseiter die meisten Stimmen. Manche ihrer Wähler sogar Hass in die Wahllokale.

          4 Min.

          Wäre Wut eine Farbe, dann käme der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf ziemlich eintönig daher. Kontraste entstünden allein durch Schattierungen. Manche Amerikaner treibt Zorn, sogar Hass zu Kundgebungen und in Wahllokale. Im Malkasten hieße ihr Töpfchen Dunkelwut. Am anderen Ende des Spektrums stünden die abgeklärt Frustrierten. Sie sind genervt vom politischen Stillstand und suchen nach einem Kandidaten, der sich in der Washingtoner Schlangengrube halbwegs behaupten könnte. Das wäre Hellwut.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Zwischen diesen Extremen verdichtet sich ein diffuses Unbehagen über schleichende Veränderungen in der Gesellschaft zu konkreten Ängsten, insbesondere vor Terrorismus und sozialem Abstieg. Die Bangigkeit wiederum schlägt in Verachtung für eine politische Klasse um, in die bedarfsweise auch Wirtschaftsbosse oder Journalisten eingemeindet werden.

          Die Vorwahlen haben eben erst begonnen, aber die Wut scheint ihre absolute Mehrheit schon sicher zu haben. Mehr als eine halbe Million Menschen nahmen an den Vorwahlen im kleinen New Hampshire teil, und gut 300.000 von ihnen setzten das Kreuz bei erklärten Feinden (oder „Rettern“) des Systems. Im Demokraten-Lager demütigte der Sozialist Bernie Sanders mit einem Resultat von 60 Prozent seine Rivalin Hillary Clinton. Zuletzt hatte in New Hampshire 1960 John F. Kennedy die demokratische Konkurrenz so drastisch deklassiert.

          Bei den Republikanern erhielt der Populist Donald Trump gut ein Drittel der Stimmen – deutlich mehr als das Doppelte des zweitplazierten John Kasich. Und hinter den anderen radikalen Outsider-Kandidaten Ted Cruz, Carly Fiorina und Ben Carson versammelte sich insgesamt ein weiteres Fünftel der Wähler. Schon in Iowa hatten sich am 1. Februar mehr als 60 Prozent aller Vorwähler beider Parteien für Bewerber entschieden, die einen radikalen Neuanfang versprechen.

          Gegen das System

          Man hätte trotzdem nicht viel davon, das Bild der Vorwahlen nur in Wuttönen zu malen. Denn man verlöre aus dem Blick, dass die erbosten Amerikaner ihr Heil bei äußerst unterschiedlichen Kandidaten suchen. Wer Kundgebungen von Trump und Sanders besucht, erfasst das auf den ersten Blick. Die Veranstaltungen erscheinen wie spiegelverkehrte Abbilder. Bei Sanders feiert eine junge, allzeit verbrüderungsbereite, kreative, begeisterte Menge einen knurrigen Antihelden, der mürrisch-verbissen Ungerechtigkeiten anprangert und Umverteilung verlangt.

          Donald Trump heizt seinen Anhängern mit seiner Wut auf das „System Washington“ ein.

          Bei Trump warten viele Anhänger mit verschränkten Armen und wortkarg auf den schrillen Star aus dem Reality-TV, der seine Auftritte sichtlich genießt und grandiose Versprechungen mit grenzenloser Selbstliebe vermengt. Beide Politiker legen ihren Anhängern überzeugend dar, dass alle anderen Kandidaten an der Leine von Lobbyisten hingen. Dennoch ist der atmosphärische Unterschied alles andere als eine Oberflächlichkeit.

          Denn Sanders’ Suada gegen das System mündet immer in die Bemerkung, dass er auch als Präsident die Dinge nicht allein ins Lot bringen könnte. Er will eine Bewegung starten und meint es ernst, wenn er eine Revolution verlangt. Trump verspricht das Gegenteil: Er gelobt ganz allein Garant dafür zu sein, dass Amerika in der Welt wieder respektiert werde. Er steht mit seinem über Jahrzehnte modellierten Markennamen dafür ein, dass es rechtschaffenen Amerikanern an nichts fehlen werde.

          Bernie Sanders in einer für ihn typischen Pose.

          Es ist kein Zufall, dass Trump seit Monaten verkündet, er werde gut mit Wladimir Putin auskommen. Es ist auch nicht allzu schwer, auf seinen Kundgebungen Bewunderer des russischen Präsidenten zu finden. Amerikaner, die Präsident Barack Obama im Chor mit konservativen Wortführern wegen diverser Dekrete als Verfassungsfeind und Tyrannen abstempeln, entdecken in sich auf einmal eine Sehnsucht nach dem „guten Diktator“ – und sie glauben oder hoffen, ihn in Trump gefunden zu haben. Diese Leute lachen verächtlich, wenn Reporter oder Konkurrenten Trump vorwerfen, er habe kein Programm. Trump ist das Programm.

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