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Wahl in Amerika : „Wir stehen alle hinter Donald“

  • -Aktualisiert am

Ein weiter Himmel streckt sich über Ohio. Bild: Oliver Georgi

Ottawa County in Ohio hat bei den letzten 13 Wahlen immer den späteren Präsidenten gewählt. Die Begeisterung für Donald Trump in dem Bezirk ist groß – kann das ein Zeichen sein?

          Jill Stinebaugh weiß, dass es vielleicht doch noch eng werden kann, deshalb kämpft sie jetzt um jeden Mann. Es ist Mittwochnachmittag in Elmore, Ohio, ein paar Kilometer vor ihr liegt der Erie-See, dessen Wasser sich im ungewöhnlich warmen Wind des Herbsttages kräuselt, hinter ihr die weiten Felder unter einem wolkenlosen Himmel. Washington könnte nicht ferner sein. Doch für diese Schönheit hat die 68 Jahre alte Stinebaugh an diesem Tag keinen Blick, routiniert geht sie noch einmal das Blatt mit den Wählerregistrierungen durch, mit dem sie gleich von Haustür zu Haustür gehen wird, um auch noch den Letzten von Donald Trump zu überzeugen: eine lange Liste von Adressen, hinter denen „D“ oder „R“ vermerkt ist, demokratisch oder republikanisch. Jill interessieren nur die „R's“, die meisten Demokraten ließen sich kaum umstimmen, sagt sie. Doch „D's“ gibt es ohnehin nicht viele auf der Liste. In Ottawa-County, Ohio, wählt man republikanisch, so sieht das Jill, die Vorsitzende des „Ottawa Country Republican Women's Club“. „Wen außer Donald soll man denn schon wählen? Hillary etwa, diese Korrupte?“

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Schon beim ersten „R“ hat Jill Glück: eine alte Dame öffnet, Lois Lieske, 76. Jill hat eine Tüte für sie dabei, mit einem Erklärblatt, wie die Wahl funktioniert, vor allem aber mit einer Liste aller Republikaner, die am Dienstag zur Wahl stehen – nicht nur Donald Trump, sondern auch die Bewerber für einen Sitz im Senat oder als Richter am Supreme Court. Die alte Dame scheint erleichtert über die Hilfe, diese Wahl verwirrt sie. Lois hat schon immer republikanisch gewählt, und auch am Dienstag wird sie für Trump stimmen, wenn auch mit Bauchmerzen. „Ich mag seine Art nicht, aber Trump ist noch das bessere von zwei Übeln“, sagt sie entschuldigend und wiegt den Kopf. „Auch wenn es traurig ist, dass von so vielen Bewerbern ausgerechnet diese beiden übriggeblieben sind.“

          Wenn sich am Dienstag viele in Ottawa County so entscheiden wie Lois Lieske – ein Kreuz für Trump, selbst wenn es mit zugekniffenen Augen ist –, dann könnte das für den Wahlausgang womöglich große Bedeutung haben. Ohio gilt ohnehin als wichtiger Swing-State, Trump muss Clinton hier schlagen, wenn er ins Weiße Haus einziehen will. Ottawa County aber, dieser dünn besiedelte Landstrich mit rund 41.000 Einwohnern, ist so etwas wie der Präsidentenmacher: Wer in diesem Bezirk gewinnt, ist bislang auch immer ins Weiße Haus eingezogen, seit 13 Wahlen ist das so. „Bellwether County“ nennen die Amerikaner Ottawa deshalb, den „Leithammel-Bezirk“.

          Jill Stinebaugh ist sich sicher, dass das ein gutes Zeichen ist – für Donald Trump selbstverständlich. „Hier in Ottawa County ist die Unterstützung für Donald riesengroß, nicht nur bei uns Republikanern“, sagt die pensionierte Krankenschwester, als sie weiter zum nächsten Haus marschiert, wieder ein „R“. „Wir stehen alle hinter ihm.“ Damit meint Jill nicht nur alle 52 Mitglieder ihres ehrwürdigen „Country Clubs“, der unter anderem politische Veranstaltungen und Lesungen organisiert, sondern so ziemlich jeden Republikaner, den sie kennt – und das sind ziemlich viele. Auch das ältere Ehepaar, stramm republikanisch seit Ewigkeiten, dem sie kurz darauf die nächste Wahlhilfe-Tüte in die Hand drückt, will für Trump stimmen, weil er die Dinge „endlich mal etwas anders machen“ werde. „Hillary Clinton ist so böse und korrupt, aber Donald Trump weiß, was er tut“, findet Mary Jean Bockbrader, 87. „Er wird sich nicht über den Tisch ziehen lassen.“

          Wir gegen sie, das normale Amerika gegen das abgehobene Establishment: Der Widerstandsgeist ist im Ottawa County so groß wie das Misstrauen – selbst gegenüber der eigenen Partei. Als der republikanische Gouverneur von Ohio, John Kasich, sich vor einigen Wochen von Trump distanzierte und am Mittwoch schließlich verkündete, für John McCain zu stimmen, kochten sie in Elmore vor Wut über so viel Illoyalität. Für Jill Stinebaugh und ihre Freundinnen war sie nur ein weiteres Zeichen für die Überkommenheit der Macht, gegen die jetzt nur noch ein Donald Trump mit seiner „neuen Art der Politik“ ankommen könne. Dass Trump Politik wie einen Businessplan sieht, kommt an in einer Region, die mitten im „Rust Belt“ liegt, der ältesten und größten Industrieregion der Vereinigten Staaten, die noch immer mit dem Strukturwandel zu kämpfen hat. In Ottawa-County wählten die Menschen vor allem nach der Frage, wie es wirtschaftlich am schnellsten bergauf gehe, sagte die demokratische Bezirksvorsitzende Adrienne Hines vor einigen Monaten in einem Fernsehinterview. Und ein Einwohner, der ebenfalls gefragt wurde, fügte hinzu: „Wir wollen niemanden mehr, der andauernd neue Jobs verspricht. Sondern jemanden, der endlich welche schafft.“

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