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Wahl in Amerika : Wer sich auf Umfragen verlässt, ist verlassen

  • -Aktualisiert am

Die Umfrageergebnisse im Rennen um das Weiße Haus können oft ein Trugbild sein. Bild: AFP

Im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf schmücken sich beide Kandidaten gerne mit ihren Umfragewerten. Dabei haben sie so gut wie keine Aussagekraft, was den Ausgang der Wahl angeht — und eigentlich einen ganz anderen Zweck.

          Wer sich den Twitter-Account des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump anschaut, der könnte meinen, die Wahl sei schon entschieden. In sämtlichen Umfragen scheint der Immobilienmogul vorne zu liegen - zumindest bis vor der Veröffentlichung eines zehn Jahre alten Videomitschnitts mit Prahlereien Trumps über seine sexuellen Übergriffe auf Frauen.

          Laut dem Fernsehsender Bloomberg liegt er zwei Prozentpunkte vor seiner demokratischen Gegnerin Hillary Clinton, Fox News zufolge drei Punkte. Die erste Debatte habe er mit einem Vorsprung von 20, 30, gar 60 Prozent, für sich entschieden, zitiert Trump aus verschiedenen Artikeln. Im Bundesstaat Virginia liege er fünf Punkte vor Clinton, in Pennsylvania vier, in Arizona zwei, in Iowa sieben, in Georgia seien es ganze 13 Prozentpunkte. Daneben postet Trump Bilder von sich, beide Daumen nach oben. „Wahlsieg“ schreit sein Profil dem Besucher entgegen. Trump scheint siegessicher.

          Nicht nur für den Republikaner, sondern auch für viele Amerikaner und Journalisten ist „in den Umfragen vorne liegen“ inzwischen zum Synonym geworden für „die Präsidentenwahl gewinnen“. Dabei sind die Umfrageergebnisse, die täglich als Schlagzeile bei CNN über den Bildschirm laufen oder den Smartphone-Bildschirm als Eilmeldung aufleuchten lassen, gespalten wie das Land selbst. Sie prognostizieren mal einen Sieg Trumps, dann zwei Tage später eine Präsidentin Clinton. Meist sind sie nicht mehr als ein schwacher Fingerzeig dahin, wer beim Volk gerade beliebter ist.

          Für alles andere – und oft sogar selbst dafür – sind die prozentualen Unterschiede zwischen Clinton und Trump zu minimal und die Stichproben der Umfragen oft zu klein. Die Differenz zwischen Clinton und Trump in einer gemeinsame Umfrage der „Los Angeles Times“ und der University of Southern California kommt beispielsweise seit Monaten nicht über den eigenen Fehlerbereich hinaus. Das heißt, der Unterschied zwischen den beiden Kandidaten könnte schlichtweg ein statistischer Zufall sein – kaum verwunderlich bei einer Stichprobe von weniger als 3000 Menschen.

          Fehlerbereich bedeutet, wenn ein Umfrageinstitut telefonisch zehn Leute zur amerikanischen Präsidentenwahl befragt, und davon alle zehn für Clinton sind, sieht das zwar auf den ersten Blick nach einer hundertprozentigen Gewinnchance für die Demokratin aus. Allerdings könnte es sein, dass das Institut zufälligerweise nur Clinton-Unterstützter am Hörer hatte. Die Wahrscheinlichkeit, dass das der Fall ist, lässt sich berechnen — und wäre in diesem Fall ziemlich hoch. Sie wird geringer, je größer die Stichprobe ist. Doch selbst bei 3.000 befragten Menschen liegt der Fehlerbereich Jill Darling, der Leiterin des Bereichs Meinungsumfragen an der University of Southern California, zufolge noch zwischen fünf bis sechs Prozentpunkten. Trumps relativ geringer Vorsprung in den Umfrageergebnissen der „Los Angeles Times“ könnte somit also schlichtweg Zufall sein.

          „In einem Wahljahr interessiert der Fehlerbereich niemanden auch nur einen Deut“, sagt Darling. So rutscht diese Angabe in Artikeln regelmäßig in den letzten Absatz, auf den Twitter-Profilen von Trump und Clinton sucht man gar vergeblich danach. Für die Fernsehsender sind Umfragen die immer verlässliche Schlagzeile, für die Präsidentschaftskandidaten ein Selbstbedienungsladen.

          Aber wie genau kann eine Prognose sein, wenn die nächste Umfrage das komplette Gegenteil voraussagt? Während die Umfrage der „Los Angeles Times“ Trump etwa vier Prozentpunkte vor Clinton sieht (ein Unterschied, der deutlich im Fehlerbereich liegt), kommt die CNN-Umfrage auf einen Vorsprung für Clinton von etwa fünf Prozentpunkten (ebenfalls im Fehlerbereich). Der Befragungszeitraum ist der selbe.

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