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Wahl in Amerika : Fußvolk in den Schlachtfeldstaaten

Warten auf den großen Augenblick: Obama-Anhänger auf einer Kundgebung des Präsidenten in Bristow am Sonntagabend Bild: REUTERS

In Amerikas Ballungsräumen findet der Wahlkampf-Endspurt fast nicht statt. Die Parteien konzentrieren ihre Kräfte auf Bundesstaaten wie Virginia, das lange als eine Hochburg der Republikaner galt.

          Zara Hussein und Jasmina Protsik frieren, da helfen auch Schal, Mütze und Handschuhe nicht. Es hat kaum fünf Grad, und die beiden jungen Frauen, beide Ende zwanzig, sind seit dem Morgen auf den Beinen: Sie haben im Landkreis Fairfax im Norden Virginias an Türen geklopft, Wählerlisten abgehakt, hier und da noch einen Aufkleber oder Button verteilt. Und jetzt warten sie in einem Freilufttheater auf Auftritte Bill Clintons und Barack Obamas.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Zara und Jasmina gehören zu den Truppen des „Bodenkrieges“, die von den beiden Parteien in die Schlacht um Wählerstimmen in den sogenannten Schlachtfeldstaaten (Battleground States) geworfen wurden. Das sind jene neun bis elf Staaten, in denen die Präsidentenwahlen entschieden werden, weil dort die Mehrheiten wechseln. Es gehört zu den Merkwürdigkeiten des amerikanischen Wahlsystems, dass in den Ballungsräumen an der Ost- und der Westküste sowie im Süden des Landes der nationale Wahlkampf gar nicht stattfindet.

          Kalifornien und New York wählen Obama, das ist klar

          In den bevölkerungsreichsten Bundesstaaten Kalifornien, Texas und New York wird im Wahlkampf allenfalls noch um Sitze im Senat und im Repräsentantenhaus, auch über Posten in der Legislative und Exekutive des Staates, der Landkreise und der Kommunen gerungen. Aber alle Welt weiß lange vor dem Wahltag, dass in den Hochburgen der Demokraten Kalifornien und New York Präsident Barack Obama die meisten Wählerstimmen und damit die 55 beziehungsweise 29 Wahlmännerstimmen erhalten wird.

          Die Wahl entscheidet sich in den neun Staaten, in denen der Wahlausgang noch offen ist.

          Texas und seine 38 Wahlmännerstimmen dagegen sind dem republikanischen Herausforderer Mitt Romney schon jetzt sicher. Wer die Mehrheit im Wahlmännergremium erringen will, muss also in den Schlachtfeldstaaten mit wechselnden Mehrheiten siegen. Zu dieser Gruppe gehört heute auch der Staat Virginia. Der konservativ geprägte „Old Dominion“ war bei Präsidentenwahlen jahrzehntelang ein verlässlicher Lieferant von Wahlmännerstimmen für republikanische Kandidaten. 1964 gewann der texanische Demokrat Lyndon B. Johnson knapp in Virginia, bei den folgenden zehn Präsidentenwahlen siegten jeweils Republikaner. Doch deren Vorsprung schmolz, denn Virginia hat sich verändert.

          2008 konnte Obama in Virginia als erster demokratischer Präsidentschaftskandidat seit Johnson gewinnen

          Die Landkreise Fairfax, Arlington und Loudoun im Norden des Staates vor den Toren der Hauptstadt Washington verzeichneten seit 1990 ein schnelles Bevölkerungswachstum. Angestellte von Bundesbehörden und Verwaltungen, Rüstungs- und Technologieunternehmen bevölkern am Reißbrett geplante Mittelklasse-Siedlungen, die aus dem einstigen Ackerboden gestampft werden. Dazu ziehen immer mehr Latinos und Asiaten in den prosperierenden Speckgürtel am Südufer des Flusses Potomac. Dass Barack Obama 2008 als erster demokratischer Präsidentschaftskandidat seit Lyndon B. Johnson in Virginia gewinnen konnte - er schlug den Republikaner John McCain mit 53 zu 46 Prozent der Wählerstimmen -, verdankte er vor allem seinem deutlichen Vorsprung im neuen Ballungsraum im Norden Virginias: Dort lag er mit 59 zu 40 Prozent vor McCain, der diesen Rückstand mit seiner Stimmenmehrheit im konservativen Hinterland im Süden und Südwesten nicht wettmachen konnte.

          Um diese „Brandmauer“ der Demokraten im Norden von Virginia gegen die nicht nur im Süden wiedererstarkten Republikaner und deren Kandidaten Mitt Romney zu verteidigen, haben die örtlichen Wahlkampfstrategen Obamas abermals die Infanterie mobilisiert: Es sind Freiwillige wie Jasmina Protsik aus Fairfax und Zara Hussein, die zur Unterstützung aus dem benachbarten Bundesstaat Maryland herübergekommen ist. Mehr als 60 Wahlkampfbüros haben Obamas Leute in Virginia eingerichtet, Romney hat es nur auf halb so viele gebracht.

          „Für mich sind Frauenrechte, vor allem gleiche Bezahlung, das wichtigste Thema im Wahlkampf“, sagt Jasmina, die im Februar ihr erstes Kind erwartet. Zara, die vor elf Jahren mit ihren Eltern aus Marokko eingewandert ist, nennt die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Außenpolitik als wichtigste Gründe, für Obama zu stimmen. „Mitt Romney hat keine Ahnung von der Welt“, sagt sie: „Er wäre ein Desaster.“ Sie sind erschöpft, aber siegesgewiss. Was ein Wahlsieg von Mitt Romney für sie und ihr Land bedeuten würde, wollen sie sich erst gar nicht vorstellen. „Schlimm, ganz schlimm“, sagt Zara, die seit 2009 die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt und dieses Jahr zum ersten Mal an einer Präsidentenwahl teilnehmen darf.

          Letztendlich wird die Wahl in neun Bundesstaaten entschieden

          Die jüngsten Umfragen zeigen Obama in Virginia mit einem leichten Vorsprung, im ganzen Land liegt er mit Romney gleichauf. Zum Abschluss eines Tages voll hektischer Betriebsamkeit für den Kandidaten und seine Helfer ist Präsident Barack Obama in die „Jiffy Lube Arena“ nach Bristow im Norden Virginias gekommen. Etwa 24000 Anhänger füllen die Ränge um die Freiluft-Konzertbühne - und frieren. Der Sänger Dave Matthews versucht sich als Einheizer mit Gitarre, doch erst als der frühere Präsident Bill Clinton an das Mikrofon tritt, springen die Menschen von ihren Sitzen und jubeln.

          Als Bill Clinton auftritt, jubeln die Menschen

          Clinton ist von seinen vielen Wahlkampfauftritten für Obama heiser und krächzt: „Ich habe meine Stimme im Dienst für meinen Präsidenten gegeben!“ Die Menge johlt. Clinton lobt, was Obama angesichts einer katastrophalen Wirtschaftslage zum Zeitpunkt seines Amtsantritts vom Januar 2009 inzwischen erreicht habe.

          Und Obama, der anschließend von der Menge bejubelt wird, verspricht in einer zweiten Amtszeit so etwas wie eine Wiederkehr der guten Zeiten unter Bill Clinton: das gleiche starke Wirtschaftswachstum, die gleiche niedrige Arbeitslosequote, die etwas höheren Steuern für die Reichen. Und dann ist die Veranstaltung auch schon vorbei. Clinton und Obama aber eilen in die nächsten „Schlachtfeldstaaten“, nach Iowa und Wisconsin, nach Ohio und Pennsylvania.

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