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Andreas Ross (anr.)

Waffen-Kommentar : Alte Argumente, neue Hoffnung?

  • -Aktualisiert am

Seit dem Massaker in Florida ist in Amerika die Diskussion um schärfere Waffengesetze entbrannt. Bild: dpa

Das Massaker in Florida hat in Amerika eine Debatte über Waffen in Gang gesetzt. Ihre Emotionalität macht es schwer, über das Wesentliche zu streiten: Über den Sinn und Unsinn bestimmter Gewehre.

          Das Schulmassaker in Florida haben die Amerikaner nicht so schnell abgehakt wie die Massenmorde zuvor. Mitschüler und Angehörige der 17 Toten von Parkland haben dem Land eine intensive Debatte über Waffen aufgezwungen; sogar Präsident Trump fordert beherzte Reformen. Trotzdem ist es fraglich, ob die Gesetze spürbar verschärft werden. Im alten Streit geht die größte Gemeinsamkeit unter, das Entsetzen über Massaker. Wenn in Schulen, Universitäten, Kirchen und Kinos, auf Sportplätzen und Konzerten Unschuldige erschossen werden, sind Jäger vom Lande genauso erschüttert wie Banker in den Großstädten. Im Amerika der Gegenwart ist das der Rede wert.

          Zu viele Linke stempeln Sportschützen und Jäger zu Komplizen von Amokläufern und Terroristen. In einer Fernsehdebatte setzte ein Schüler den Republikaner Rubio mit dem Attentäter von Parkland gleich. Der Schüler war traumatisiert, doch warum schritt kein Demokrat ein, um die Debatte zu erden? Warum wiesen Republikaner nicht die Waffenlobby NRA zurecht, als die den protestierenden Schülern und deren Gönnern ein Komplott zur Auslöschung aller bürgerlichen Freiheiten unterstellte? Die Fürsprecher strengerer Waffengesetze „scheren sich keinen Deut um Amerikas Schulkinder“, giftete NRA-Chef LaPierre. Seine Sprecherin sekundierte, viele Medien sehnten Schulmassaker herbei, „weil weinende weiße Mütter Quotengold sind“.

          Für viele Amerikaner ist die NRA eine Hüterin der Freiheit

          So fällt es schwer, über das Wesentliche zu streiten: Über den Sinn und Unsinn bestimmter Gewehre und die Intention der Verfassungsväter, die 1791 das „Recht des Volkes, Waffen zu besitzen“ damit begründet hatten, dass „eine wohlgeordnete Miliz für die Sicherheit eines freien Staates nötig ist“. Über die Banalisierung oder Verherrlichung von Gewalt in Filmen, Liedern und Videospielen. Über Therapien für psychisch Kranke, Schutzvorkehrungen an Schulen und Vollmachten für Polizisten gegenüber Gefährdern. Viele Millionen Amerikaner sehen in der NRA keine Lobby der Waffenhersteller, sondern eine Hüterin der Freiheit. Gern lassen sich Waffennarren einreden, sie ließen den Geist der Revolution weiterleben, wenn sie sich am Schießstand oder auf der Ranch mit Kriegswaffen vergnügten. Die wenigsten denken darüber nach, wie die Skepsis über ein staatliches Gewaltmonopol aus dem Jahre 1791 ins 21. Jahrhundert passt.

          Darüber wird ohnehin kaum geredet, denn die Waffendebatte ist nur noch eine Hülle. Dahinter verbirgt sich der Streit über die Frage, was die richtige, wahre amerikanische Art zu leben ist. Von dieser Überhöhung lebt die NRA – mit Hilfe ihrer Gegner. So hatte Barack Obama im Vorwahlkampf 2008 über weiße Arbeiter gesagt: „Sie werden bitter, klammern sich an Waffen, an Religion, an Antipathien gegen Leute, die anders sind als sie.“ Damals hatte Hillary Clinton das als „elitär“ verurteilt und Aufkleber mit der Parole „Ich bin nicht bitter“ drucken lassen. Acht Jahre später aber steckte Clinton Dutzende Millionen Amerikaner in einen „Korb der Beklagenswerten“. Sie sprach dabei nicht von Waffen, aber dieselben Leute fühlten sich verunglimpft.

          Der Boykott mindert den Druck, seriös zu argumentieren

          Deswegen könnte letztlich auch die Boykottbewegung der Waffenlobby in die Hände spielen. Fluggesellschaften, Hotels, Autovermieter, Software-Firmen und Banken haben jetzt Rabatte für NRA-Mitglieder gestrichen – und bestätigen einen Großteil der NRA-Klientel in dem Argwohn, Unternehmen in New York oder im Silicon Valley hätten sich gegen „einfache Amerikaner“ verschworen. Das mindert den Druck auf die NRA und Konsorten, sich seriös mit dem Argument auseinanderzusetzen, mehr Mordwaffen machten mehr Morde möglich.

          Große Hoffnungen ruhen auf den Schülern aus Parkland. Sie führen keinen politischen Ballast mit sich; das macht sie stark. Deshalb diskreditieren Radikale auf der Gegenseite die neuen Aktivisten mit der Behauptung, sie seien bezahlte Schauspieler. Das ist von Bedeutung, weil Millionen Amerikaner sich nur noch über Medien „informieren“, die derlei Lügen als Tatsachen präsentieren. Freilich wird die Diffamierung dadurch erleichtert, dass sich die Schüler von den „üblichen“ Waffengegnern umarmen lassen. Darunter sind Gruppen, die ihre Statistiken über Waffengewalt aufbauschen. Die Schüler haben auch dadurch an Glaubwürdigkeit verloren, dass sie Spenden von Stars wie George Clooney oder Oprah Winfrey bekamen – Mäzenen der Demokraten.

          Und Donald Trump? Der Präsident hat sich jetzt in ungeahnter Weise von der NRA distanziert. Plötzlich sieht auch er klaffende Schlupflöcher bei der Überprüfung von Waffenkäufern, das Mindestalter will er auf 21 Jahre erhöhen. Die Demokraten haben Grund zur Skepsis. Auch in der Migrationspolitik hatte Trump kurz den Versöhner gemimt, um sogleich wieder die harte Rechte zu umwerben. Widerstand aus dem Weißen Haus ist der NRA zwar nicht neu, doch Trump ist nicht Obama. Ihn kann die NRA nicht so leicht zum Feind von Waffen und aller Patrioten auf dem Lande erklären. Andererseits ist Trump besessen von der Idee, Lehrer zu bewaffnen. Eine Mehrheit gibt es dafür nicht. Niemand will Massaker, doch in Washington ist der gemeinsame Nenner noch kleiner.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

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