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Vorwahlen in Amerika : Wettkampf der Alten

Wettstreit der Senioren: Joe Biden (links) und Bernie Sanders bei einer Fernsehdebatte am 14. Januar in Des Moines, Iowa Bild: AFP

Der eine ist 77, der andere 78. Joe Biden und Bernie Sanders führen das Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten an. Sind sie noch belastbar genug für den Job?

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          „Hier ist der Deal, Leute!“ Wer Joe Biden bei seinen Auftritten beobachtet, merkt schnell, dass er immer die gleichen Formulierungen und Satzmuster benutzt. Erst ein kurzer Abriss eines Themas oder Problems, dann der eingangs zitierte Ausruf, aus dem hervorgehen soll, dass er eine Antwort auf das Problem habe, stets endend mit der sogar in der amerikanischen Provinz inzwischen etwas verstaubt anmutenden Adressierung „Leute“ (engl.: „folks“). Dann folgen die jeweiligen politischen Rezepte, gegliedert in „Punkt eins“, „Punkt zwei“ und „Punkt drei“, wobei der 77 Jahre alte frühere Vizepräsident Barack Obamas schon beim zweiten Punkt oft wieder bei einem anderen Thema angelangt ist. Einige Zuschauer tauschen dann irritierte Blicke aus, bevor sie Biden wieder wohlmeinend nickend zu folgen versuchen. Wie einem liebenswerten Großvater, der beim Erzählen halt manchmal den Faden verliert.

          „Das amerikanische Volk hat die Nase voll davon!“ Wenn Bernie Sanders diese Worte sagt, brodelt es im Publikum. Ja, die Amerikaner hätten von vielen Sachverhalten die Nase voll. Das zumindest behauptet der Senator aus Vermont gerne und lässt seinen ausgestreckten Zeigefinger wild durch die Luft kreisen. Sanders Auftritte sind voller Wucht, Wut und Ärger. Kein Wunder, schließlich ruft er in seinen Reden immer wieder zur „politischen Revolution“ auf. „Bernie, Bernie“ jubeln seine meist jungen Anhänger aufgekratzt. Okay, hin und wieder scheint ihr 78 Jahre altes Idol, das sich bereits zum zweiten Mal um den Posten im Weißen Haus bewirbt, vielleicht etwas zu leidenschaftlich bei der Sache. Aber gerade das mögen sie ja an ihm. Wenn Biden wie der nette Opa erscheint, so kommt Sanders als der lärmende Großonkel rüber, dem man zurufen möchte, es mit fortgeschrittenem Alter doch vielleicht mal etwas ruhiger angehen zu lassen. Auch wenn man sich zugleich freut, dass es mit ihm immerhin nicht langweilig wird.

          Glaubt man den jüngsten Umfragen, dann haben Biden und Sanders die mit Abstand besten Chancen auf die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten. Fest steht: Sollte einer der beiden am Ende tatsächlich das Rennen machen, würde Donald Trump, der bei Amtsantritt mit 70 Jahren bisher älteste Präsident in der Geschichte des Landes, gegen einen Mann antreten, der bereits an seinem ersten Arbeitstag älter wäre als Ronald Reagan an seinem letzten. Reagan dankte 1989 nach zwei Amtszeiten mit 77 Jahren ab. Kein amerikanischer Präsident im Oval Office war bislang älter.

          Ab wann aber ist man zu alt, um eine Supermacht zu führen? Diese Frage wird in der amerikanischen Öffentlichkeit gerade wieder vermehrt diskutiert. Denn Biden hinterlässt in der ein oder anderen Fernsehdebatte einen seltsam fahrigen Eindruck. Und Sanders machte kürzlich publik, dass er im Herbst im Vorwahlkampf einen Herzinfarkt hatte und ihm zwei Stents eingesetzt werden mussten.

          Um Präsident der Vereinigten Staaten werden zu können, muss man mindestens 35 Jahre alt sein. Sollte man also vielleicht auch über ein Höchstalter für Bewerber nachdenken? Geht es nach dem früheren Präsidenten Jimmy Carter, wäre das eine gute Idee. „Mit 80 Jahren hätte ich die Pflichten, die ich während meiner Amtszeit kennengelernt habe, nicht erfüllen können“, erklärte Carter bereits vor einigen Monaten. Ein deutlicher Seitenhieb in Richtung Biden und Sanders. Ihrer Popularität tut das den Umfragen zufolge allerdings offenkundig keinen Abbruch.

          Sind alte weiße Männer die richtige Antwort auf Donald Trump? Die Demokraten scheinen diese Frage derzeit mit ja zu beantworten. In Bezug auf die diesjährige Präsidentschaftswahl ist vom „vielfältigsten Bewerberfeld aller Zeiten“ nicht viel übrig geblieben. Mit Amy Klobuchar und der auch schon 70 Jahre alten Elizabeth Warren sind noch zwei Frauen im Rennen, die sich aber derzeit nur Außenseiterchancen ausrechnen können. Pete Buttigieg, der gerade 38 Jahre alt gewordene schwule Bürgermeister aus Indiana, könnte zwar in Iowa oder New Hampshire für eine Überraschung sorgen. Er dürfte aber in Staaten wie South Carolina, Texas oder Kalifornien schlecht abschneiden, da gerade Schwarze und Latinos ihm offenbar wenig vertrauen.

          Die erfahrenen Biden und Sanders scheinen unterdessen erkannt zu haben, dass sie vor allem den jeweils anderen besiegen müssen. Der Ton zwischen ihnen wird rauer. Während Sanders dem Mainstream-Mann Biden zuletzt vorwarf, für unsoziale Politik zu stehen, versucht der frühere Vizepräsident den linken Senator als Träumer darzustellen, der nicht wisse, wie all seine Versprechen bezahlt werden sollen. Er habe ja nicht gedacht, dass man als Politiker „sowohl zu alt als auch zu naiv“ sein könne, witzelte Biden bei einem Wahlkampfauftritt in dieser Woche mit Blick auf seinen Konkurrenten. Das Publikum lachte und klatschte, dankbar für eine der wenigen Pointen, die Biden an diesem Tag gelang.

          Sanders, der gerade wegen des Amtsenthebungsverfahrens als Senator viel Zeit in Washington verbringen muss, versucht es bei seinen wenigen verbleibenden Wahlkampfveranstaltungen in Iowa, wo am 3. Februar die erste Abstimmung des Vorwahlmarathons ansteht, zumindest noch einmal so richtig krachen zu lassen. Für dieses Wochenende hat er den Filmemacher Michael Moore, die junge Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez sowie eine Rockband aus Alaska zur Unterstützung eingeladen.

          Sollte Biden in den kommenden Wochen an Boden verlieren, könnte das übrigens vor allem einem Präsidentschaftsbewerber helfen, der mit großer Verspätung erst noch in den Vorwahlprozess einsteigen muss: Michael Bloomberg, Milliardär  und einst Bürgermeister der Stadt New York, sieht sich wie Biden als Mann der Mitte und als perfekte Wahl für unentschlossene Pragmatiker. Am 14. Februar feiert er seinen 78. Geburtstag.

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