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Vorwahlen in Amerika : Drei Stunden Wüten und Wehklagen

  • -Aktualisiert am

Ein Hetzer mit Bubigesicht: Steve Deace in seinem Studio Bild: Mark Gorman

Rechte Radiomoderatoren werfen in Amerika mit Halbwahrheiten und kruden Verschwörungstheorien um sich. Einer mit einem rundlichen Babyface kann das besonders gut: Steve Deace aus Iowa.

          Vor rund zwei Wochen malte der Radiomoderator Steve Deace seinen Hörern ein Schreckenszenario aus. „Nehmen wir an, Hillary Clinton verliert die Präsidentenwahl, und Barack Obama sagt sich: ,Von unserer Verfassung ist ja nicht mehr viel übrig, worüber ich mich noch nicht hinweggesetzt hätte. Also gehe ich jetzt den letzten Schritt und bleibe im Amt!‘“ Deace machte eine Kunstpause, wippte in seinem Bürostuhl vor und zurück, wie er es jeden Abend im Studio tut, drei Stunden lang im Sekundentakt, mehr als zehntausendmal, vom ersten Jingle seiner Talkshow bis zum Schlusswort. Dann fügte er hinzu: „Allzu weit hergeholt ist das nicht, finde ich.“

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Vermutlich hat Obama „The Steve Deace Show“ nie gehört, obwohl man die Sendung des evangelikalen Kommentators inzwischen auch in Washington empfangen kann. Doch Deace, den man im Amerikanischen wie „Dayce“ ausspricht, ist nicht allein. Tausende rechte Kommentatoren in Radio, Fernsehen und Internet legen dem Land eine parallele Wahrheit zurecht, und das hat der Präsident kürzlich zu einem amerikanischen Grundübel erklärt. Allerdings ging es Deace in seiner Sendung gar nicht um Obama. Von dem „tyrannischen Marxisten“ im Weißen Haus erwartet sein Publikum sowieso nichts Gutes.

          Die Hörer sollten vielmehr eine Frage beantworten: Würden sich die Republikaner in die Schlacht stürzen, sollte Obama sich weigern, das Weiße Haus zu verlassen? Deace gab sich skeptisch. „Wir wissen ja, dass sie nicht kämpfen, wenn Obama dem iranischen Terrorregime eigenmächtig mit vielen Milliarden Dollar hilft, sein Atomarsenal auszubauen. Wir wissen auch, dass sie ihre Budgethoheit nicht nutzen, um die Gesundheitsreform auszumerzen. Und wir wissen, dass sie den Betrug mit der Amnestie (für illegale Einwanderer) am Ende nicht nur nicht verhindern, sondern sogar finanzieren werden.“

          Deaces’ Zuhörer gaben ihm recht. Zum Beispiel Gino aus der Bronx. In schönstem Goodfellas-Englisch erklärte er, es reiche doch schon, wenn Nordkorea, China oder Iran demnächst eine Atomrakete in eine amerikanische Großstadt jage. Dann würden sich „diese gottlosen Republikaner-Frettchen“ im Kongress dem Appell der Medien beugen, Obama im Amt zu belassen. Oder George aus Rhode Island. Obamas Handlanger würden vor der Wahl zum Präsidenten einfach Millionen illegaler Einwanderer zu Aufständen aufwiegeln, prophezeite er. Dann könnte Obama die Wahl gleich abblasen. „Ich wünschte, ich könnte sagen, dass das übertrieben ist“, sagte Steve Deace. „Aber wie könnte ich das?“

          Er klettert in der Beliebtheitsskala

          Hunderttausende hören seine Talkshow, jeden Werktag, stundenlang. Viele lassen sich im Auto zwischen den Maisfeldern und Schweinefarmen des Mittleren Westens beschallen. Ehepaare stellen zum Abendessen das Küchenradio ein oder gehen mit Deace ins Bett. Tausende Fans laden sich außerdem den Podcast herunter und lauschen dem Weltendeuter ihres Vertrauens im Fitnessstudio oder Mähdrescher. Deace charakterisiert seine Hörer so: „Es sind Fußball-Mamas, Trucker und Geschäftsführer.“

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