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Vorwahlen in Amerika : Deshalb ist der „Super Tuesday“ super

Wer als Präsident ins Weiße Haus einziehen will, muss den „Super Tuesday“ überstehen. Bild: AFP

Nach den ersten vier Vorwahlen in Amerika blicken alle Wähler und Beobachter auf den „Super Tuesday“. Doch warum ist er eigentlich so super und was steht für die Kandidaten auf dem Spiel?

          3 Min.

          Der „Super Tuesday“ ist der erste Tag im aktuellen amerikanischen Vorwahlkampf, an dem mehrere Staaten gleichzeitig abstimmen. Während seit dem ersten Februar Iowa, New Hampshire, South Carolina und Nevada nacheinander ihre Delegierten für die beiden Parteien bestimmt haben, geht es nun auf die nationale Ebene.

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          In welchen Staaten wird abgestimmt?

          Beide Parteien veranstalten in Alabama, Arkansas, Georgia, Massachusetts, Minnesota, Oklahoma, Tennessee, Texas, Vermont und Virginia Primaries. In Alaska veranstalten die Republikaner einen Caucus und in Colorado die Demokraten. Außerdem bestimmen die Demokraten in Amerikanisch Samoa ihren Kandidaten. Vom ersten bis zum siebten März dürfen zudem die demokratischen Wähler im Ausland ihre Stimmen abgeben.

          Wie viele Delegiertenstimmen werden verteilt?

          Bei den Demokraten werden am „Super Tuesday“ gut 1000 der rund 4700 Delegierten bestimmt, bei den Republikanern sind es rund 600 von gut 2500. Bei den Demokraten muss ein Kandidat mindestens 2382 Delegierte auf sich vereinen, um die Nominierung der Partei zu erringen. Der republikanische Kandidat braucht 1237 Delegierte.

          Wie ist die Lage bei den Demokraten?

          Da am „Super Tuesday“ vor allem in Südstaaten mit großen afroamerikanischen Bevölkerungsanteilen gewählt wird, wird ein Vorteil für Hillary Clinton gegenüber ihrem innerparteilichen Rivalen Bernie Sanders erwartet. Die Vorwahlen in Nevada und South Carolina haben gezeigt, dass sich Clinton auf diese Bevölkerungsgruppe verlassen kann.

          Die beiden Kandidaten kämpfen jedoch nicht nur um die Afroamerikaner, sondern auch um die Unterstützung der latinoamerikanischen Bevölkerung. Das gilt insbesondere für Texas, wo 222 Delegiertenstimmen verteilt werden. Dass Clinton sich nicht hundertprozentig sicher sein kann, die Stimmen der Latinos zu bekommen, hat Nevada gezeigt, der einzige Staat, der in den Vorwahlen bisher einem nennenswerten Anteil an Latino-Wählern zu verzeichnen hat. 19 Prozent der demokratischen Wähler gaben am 20. Februar in Nachwahlbefragungen an, Latinos zu sein. 53 Prozent dieser Gruppe entschieden sich für Clinton, 45 Prozent für Sanders.

          Sanders sieht hingegen einem sicheren Sieg in seinem Heimatstaat Vermont entgegen. Aggregierte Umfragedaten der Analyseseite „Real Clear Politics“ zeigen, dass er einen Vorsprung von mehr als 70 Prozent gegenüber Clinton hat. Außerdem kann Sanders sich Hoffnungen auf einen Erfolg im benachbarten Massachusetts machen. Den Umfragen zufolge liegt dort keiner der beiden Kandidaten mit einem entscheidenden Vorsprung vorne.

          Wie ist die Lage bei den Republikanern?

          Bei den Republikanern bestimmt die Frage, wie Donald Trump abschneidet, den Wahltag. Der Immobilen-Magnat aus New York führt in fast allen Staaten die Umfragen an und darf auf viele Delegiertenstimmen hoffen. Sein bislang hartnäckigster Rivale Marco Rubio steht hingegen unter Druck, endlich einen Staat zu gewinnen. Möglich wäre das den Umfragen zufolge in Minnesota, wo Rubio einen kleinen Vorsprung vor Trump hat.

          Die meisten Delegierten, mehr als in allen Vorwahlen bislang zusammen, werden am Super Tuesday in Texas verteilt, was wiederum Ted Cruz in die Karten spielt. Der Senator aus dem Südstaat wird versuchen, seinen Heimvorteil zu nutzen und sich möglichst viele Delegierte zu sichern. Das könnte jedoch schwieriger werden als gedacht. In einigen Umfragen hat Trump schon zu ihm aufgeschlossen. Gute Chancen hat der erzkonservative Cruz hingegen in Arkansas.

          Die beiden übrigen Kandidaten Ben Carson und John Kasich können am Super Tuesday nur auf wenige Delegiertenstimmen hoffen.

          Ist das Rennen nach dem „Super Tuesday“ entschieden?

          Da die Delegierten proportional zum Stimmenanteil verteilt werden, ist es unwahrscheinlich, dass sich einer der Kandidaten am Super Tuesday schon einen entscheidenden Vorteil erarbeiten kann. Bei den Demokraten könnte es Hillary Clinton insgesamt jedoch reichen, sich einen Vorsprung von hundert Stimmen gegenüber Bernie Sanders zu sichern. Diesen könnte er bis zum Nominierungsparteitag höchstwahrscheinlich nicht mehr wettmachen.

          Das republikanische Rennen wiederum wird auch nach dem Super Tuesday noch offen sein. Auch wenn Trump in allen Staaten gewinnen sollte, könnte er von seinen Konkurrenten noch überholt werden. Bei einem schlechten Abschneiden müssten sich John Kasich und Ben Carson aber ernsthafte Gedanken machen, ob sie noch im Rennen blieben wollen.

          Wie geht es weiter?

          Nach dem „Super Tuesday“ geht es im Rhythmus Dienstag – Samstag mit den Vorwahlen weiter. Ein weiterer besonderer Brocken wartet dabei zwei Wochen später, am 15. März, wenn in Florida und Ohio die Vorwahlen stattfinden, zwei Staaten mit vielen Delegiertenstimmen. Bei den Demokraten werden nach dem Tag 50 Prozent aller Delegiertenstimmen verteilt sein, bei den Republikanern sogar 61 Prozent.

          Bei den Demokraten wird Bernie Sanders hoffen, dass er beim „Super Tuesday“ Hillary Clinton das Leben so schwer wie möglich machen kann und in den westlichen und nördlichen Staaten, die danach folgen, Siege einfahren kann.

          Der Republikaner John Kasich, Gouverneur von Ohio, setzt seine Hoffnungen ebenfalls auf die liberaleren Staaten. Als größte Konkurrenten von Donald Trump werden aber weiter Marco Rubio und Ted Cruz gelten müssen. Je länger sich kein weiterer Kandidat aus dem Rennen verabschiedet, desto besser sind Trumps Chancen, die nötigen Stimmen für die Nominierung einzusammeln. Sein schärfster Rivale Rubio wird spätestens am 15. März seinen Heimatstaat Florida gewinnen müssen, will er noch eine Chance haben. Das wird aber schwer, da Trump bislang in den Umfragen vor ihm liegt.

          Als Besonderheit kommt bei den Republikanern hinzu, dass nach dem 15. März die Staaten dazu übergehen, dem Sieger sämtliche Delegierten zuzusprechen. Donald Trump könnte also selbst bei einem geringen Vorsprung Stimmen einfahren, wenn sich seine Konkurrenten weiterhin gegenseitig blockieren sollten.


          So funktionieren die Vorwahlen in Amerika

          © AP

            In den Vereinigten Staaten haben die Vorwahlen für die Präsidentenwahl begonnen. Die Bewerber müssen sich den Voten der Wähler in den Bundesstaaten stellen. Doch wie funktionieren die Vorwahlen eigentlich?

            Warum gibt es überhaupt Vorwahlen?

            Die Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten wird zwar erst im November stattfinden, doch schon jetzt beginnt die heiße Phase. Anders als etwa in Deutschland üblich werden die Kandidaten der jeweiligen Partei nicht von der Parteiführung oder einem Parteitag bestimmt, sondern in Vorwahlen. In jedem Bundesstaat finden sogenannte „Caucuses“ und „Primaries“ statt. Die dort gewählten Delegierten fahren dann zum jeweiligen Parteikongress. Die Demokraten veranstalten diesen vom 25. bis zum 28. Juli in Philadelphia, die Republikaner vom 18. bis zum 21. Juli in Cleveland. Erst dort werden die jeweiligen Präsidentschaftskandidaten gekürt.


            Wie funktioniert ein „Caucus“?

            Ein „Caucus“ ist eine Wahlversammlung auf Bundesstaatsebene, deren Teilnehmer über die Kandidaten diskutieren und schließlich abstimmen. „Caucuses“ werden oft als besonders demokratisch gelobt, da es einen direkten Austausch der Wähler über die Kandidaten gibt. Als Nachteil wird genannt, dass die Versammlungen oft an Arbeitstagen stattfinden und lange dauern – und damit in der Regel nur solche Wähler kommen, die ohnehin politisch engagiert sind. In der Vergangenheit war die Beteiligung an den „Caucuses“ deshalb oft geringer als an den „Primaries“. Sowohl die Demokraten als auch die Republikaner veranstalten in diesem Jahr 17 solcher Versammlungen.

            Um in den Vereinigten Staaten wählen zu können – und auch, um an den Vorwahlen teilnehmen zu können – müssen sich die Wahlberechtigten bei den Behörden ihres Bundesstaates registrieren lassen. In einigen Staaten müssen sie dabei ihre Parteipräferenz angeben, werden also als Demokrat, Republikaner oder Unabhängiger geführt. An einem geschlossenen „Caucus“ dürfen nur registrierte Wähler der jeweiligen Partei teilnehmen. An einem offenen „Caucus“ dürfen auch registrierte Wähler der jeweils anderen Partei sowie Unabhängige teilnehmen – allerdings darf jeder Wähler nur zu einem „Caucus“. Welches Prozedere angewendet wird, entscheidet die Partei des jeweiligen Bundesstaates.


            Was ist eine „Primary“?

            Die „Primaries“ sind ähnlich organisiert wie die Präsidentschaftswahlen. Jeder Bundesstaat legt ein Datum fest, an dem die Wähler in ihrem Wahllokal abstimmen können. Der Bundesstaat organisiert auch die Auszählung der Stimmen. Beide Parteien tendierten in den vergangen Jahrzehnten zu „Primaries“, da sie diese im Gegensatz zu den „Caucuses“ nicht selbst organisieren und finanzieren müssen.

            Auch bei den „Primaries“ gibt es mehrere Varianten. Bei geschlossenen „Primaries“ dürfen nur die registrierten Wähler einer Partei abstimmen. Unabhängige Wähler dürfen nicht teilnehmen. Bei halboffenen „Primaries“ können sich Unabhängige bei einer der beiden Parteien beteiligen. In einer offenen „Primary“ darf sich jeder Wähler an der Abstimmung der Partei seiner Wahl beteiligen. Welche Form genutzt wird, entscheidet der Bundesstaa.

            In diesem Jahr finden 40 „Primaries“ statt. Zusammen mit den „Caucuses“, kommt man auf 57 Wahlen, obwohl Amerika nur 50 Bundesstaaten hat. Das kommt daher, dass auch im District of Columbia abgestimmt wird, die Briefstimmen von amerikanischen Bürgern im Ausland als eigene Wahl zählen und auch die Bürger in den Überseeterritorien der Vereinigten Staaten, Amerikanisch Samoa, Guam, Nördliche Marianen, Jungferninseln und Puerto Rico, über die Kandidaten der Parteien abstimmen – obwohl sie nicht an der eigentlichen Präsidentenwahl teilnehmen dürfen.


            Nach welchem Prinzip werden die Delegiertenstimmen verteilt?

            In den Vorwahlen der Demokraten gilt das Verhältnisprinzip, ein Kandidat bekommt für den Parteikongress also die Anzahl an Delegiertenstimmen zuerkannt, die der Prozentzahl seiner Wählerstimmen entspricht. Erhält ein Kandidat 60 Prozent der Wählerstimmen, bekommt er auch 60 Prozent der Delegiertenstimmen des jeweiligen Bundesstaats. In fast allen Staaten gibt es dabei ein Hürde: Ein Kandidat bekommt nur Delegierte zugesprochen, wenn er eine bestimmte Prozentzahl – meist 15 Prozent – der Wählerstimmen erringen konnte.

            Die Republikaner verfahren in vielen Bundesstaaten ebenfalls nach diesem System. In einigen ist es jedoch möglich, dass der Kandidat mit den meisten Stimmen alle Delegierten erhält. In anderen Staaten bekommt ein Kandidat sämtliche Wahlmänner zugesprochen, wenn er mehr als 50 Prozent der Wählerstimmen erhält.


            Wie viele Delegierte gibt es pro Bundesstaat?

            Die Parteien legen fest, wie viele Delegierte ein Staat zum Nominierungsparteitag entsenden darf. Bei den Demokraten beruht die Anzahl auf zwei Faktoren: Zum einen darauf, wie viele Stimmen der demokratische Präsidentschaftskandidat der vergangenen drei Wahlen aus dem jeweiligen Staat bekommen hat und zum anderen darauf, wie viele Wahlmänner der Staat ins Gremium zur Wahl des Präsidenten schickt.

            Die Republikaner bestimmen je Wahlbezirk drei Delegierte. Hinzu kommen für jeden Staat mindestens zehn weitere – abhängig unter anderem davon, ob der Staat einen republikanischen Gouverneur hat, eine republikanische Mehrheit im Staatsparlament und wie viele republikanische Abgeordnete im Kongress in Washington.

            In Iowa zum Beispiel, dem Staat, in dem die Vorwahlen beginnen, wählen die Demokraten 44 Delegierte, die Republikaner 30. Die wenigsten Delegierten gibt es bei den Demokraten in Amerikanisch Samoa mit vier, bei den Republikanern haben alle Überseeterritorien bis auf Guam neun Delegierte. Die meisten Delegierten bringt in beiden Parteien das bevölkerungsreiche Kalifornien ein. Die Republikaner vergeben dort 172 Stimmen und die Demokraten 476.


            Was wird von den Delegierten erwartet?

            Die in den „Caucuses“ und „Primaries“ bestimmten Delegierten sind beim jeweiligen Parteikongress daran gebunden, für den Kandidaten zu stimmen, für den sie gewählt wurden. Es gibt bei den Parteitagen jedoch auch unabhängige Delegierte, die frei abstimmen dürfen. Das hat strategische Gründe: Bei unklaren Verhältnissen sollen sie für das aus Parteisicht bessere Ergebnis sorgen. Die unabhängigen Delegierten werden von der Partei bestimmt – meist sind es aktuelle oder ehemalige Amtsträger.


            Wie viele Delegiertenstimmen brauchen die Kandidaten?

            Um die Nominierung der Partei zu erringen, braucht ein Kandidat mindestens die Stimmen der Hälfte der Delegierten plus einen. Bei den Demokraten entspricht das in diesem Jahr voraussichtlich 2026 Delegiertenstimmen. Der republikanische Bewerber muss wahrscheinlich 1051 Delegiertenstimmen auf sich vereinen.



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