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Vorwahlen in Amerika : Der nächste Test

Wahlkämpfer Jon Huntsman: „Er kann das Land zusammenbringen, statt es weiter auseinanderzudividieren“ Bild: dapd

In New Hampshire findet an diesem Dienstag die zweite Runde der Vorwahlen der Republikaner statt. Für Jon Huntsman ist diese Wahl besonders wichtig, Mitt Romney liegt weiter vorn.

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          Heidi und Jason Cole empfangen Jon Huntsman mit einer netten Geste zu ihrer Party: „Reserviert für den nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten, Gouverneur Jon Huntsman“ steht auf einem handgeschriebenen Schild, das sie vor die Einfahrt zu ihrem Grundstück an der Hitching Post Lane in Bedford gestellt haben. Bedford ist eine Stadt mit etwa 20.000 Einwohnern im Süden von New Hampshire. Sie liegt nur wenige Kilometer westlich von Manchester, dem Wirtschafts- und Handelszentrum des neuenglischen Bundesstaates.

          Einfahrt für den „künftigen Präsidenten“

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Einst ein verschlafener Vorort der Metropole Manchester, wächst die dynamische Kleinstadt mit Einkaufszentren, Schulen und stattlichen Anwesen immer weiter in die umliegenden Wälder hinein. Die Leute in New Hampshire gelten als eigensinnig, ja als widerspenstig. Hier, im Landkreis Hillsborough, wählt man seit Jahr und Tag republikanisch - jedoch sind es Republikaner der neuenglischen Art: wohlhabend und weltoffen, strikt gegen Steuern und Schulden, nicht aber gegen die Homosexuellenehe und das Recht auf Abtreibung.

          Heidi und Jason Cole, die Gastgeber der Feier am Sonntagabend, sind Mitte dreißig, erfolgreiche Anwälte, Eltern einer zwei Jahre alten Tochter und entschlossene Anhänger von Jon Huntsman. „Er kann das Land zusammenbringen, statt es weiter auseinanderzudividieren“, sagt Heidi Cole. Die Tische in der Küche und den Fluren ihres großen Hauses biegen sich unter Keksen, Gemüsehäppchen, Obst und Erfrischungsgetränken. Rund 200 Personen haben sich bei den Coles eingefunden. Jon Huntsman und seine überschaubare Entourage, auch seine Frau Mary Kaye ist dabei, kommen fast pünktlich zur Party. Die schwarzen Geländewagen seines Konvois, von denen die meisten die Autokennzeichen von Huntsmans Heimatstaat Utah tragen, parken ordnungsgemäß in der Einfahrt für den „künftigen Präsidenten“.

          Frieden, Freiheit oder gar Revolution

          Huntsman ist sichtlich guter Laune und strahlt Dynamik aus. An diesem Dienstag findet in New Hampshire die zweite Runde der Vorwahlen der Republikaner statt - und sein Auftritt bei der letzten Kandidatendebatte, die am Vorabend der Feier bei den Coles direkt im Fernsehen übertragen wurde, ist von den Zuschauern und den Medien überaus positiv aufgenommen worden. In manchen Umfragen ist er dem Spitzenreiter Mitt Romney, der mit 36 bis 40 Prozent Zustimmungsquoten führt, mit 17 Prozent immerhin deutlich näher gerückt als noch vor wenigen Tagen und hat Aussicht auf den zweiten Rang. Den braucht er auch, um seine Wahlkampagne am Leben zu halten, denn Huntsman hat die „Caucus“-Vorwahlen in Iowa vom vergangenen Dienstag ausgelassen und setzt nun in New Hampshire alles auf eine Karte.

          Spitzenreiter Mitt Romney: 36 bis 40 Prozent Zustimmungsquoten

          Andere Umfragen zeigen Huntsman mit 13 Prozent in einem knappen Wettrennen mit dem libertär-isolationistischen Abgeordneten Ron Paul aus Texas, der vor allem unter jungen Wählern eine enthusiastische Gefolgschaft hat. Pauls Anhänger haben Dutzende von Brücken über den Autobahnen von New Hampshire mit Plakaten bestückt, auf denen neben dem Namen Ron Paul jeweils nur ein Wort steht: Frieden, Freiheit oder gar Revolution. Der inzwischen 76 Jahre alte Paul, der sich schon 1988 als Kandidat der Libertären Partei um die Präsidentschaft beworben hatte und 2008 zur Kandidatenschar der Republikaner gehörte, will alle amerikanischen Truppen aus dem Ausland zurück nach Amerika holen und kritisiert die Sanktionen Washingtons gegen Teheran wegen des iranischen Nuklearprogramms als völkerrechtswidrigen Kriegsakt.

          Er ist zwar auch dagegen, dass sich das Regime in Teheran Nuklearwaffen beschafft, sieht in einer Atommacht Iran aber keine besondere Bedrohung der amerikanischen nationalen Sicherheitsinteressen. Viele Republikaner fürchten, Paul könnte sich abermals zur Präsidentschaftskandidatur für eine dritte Partei entscheiden und damit dem republikanischen Herausforderer von Präsident Barack Obama entscheidende Stimmen wegnehmen. Paul hat sich auf die Sprachregelung festgelegt, er habe derzeit keine Absicht, den Republikanern den Rücken zu kehren, er sei aber prinzipiell gegen kategorische Äußerungen.

          „Das Heimatland an die erste Stelle“

          Jon Huntsman, der von Anfang 2005 bis August 2009 Gouverneur von Utah war, ehe er dem Ruf von Präsident Barack Obama folgte und den amerikanischen Botschafterposten in Peking übernahm, ist mit 51Jahren der jüngste unter den verbliebenen sechs Kandidaten der Republikaner. In einer Fernsehdebatte hat er die Ansicht geäußert, er könne sich kaum vorstellen, einem Kandidaten Paul die Stimme zu geben, sollte dieser gegen alle Erwartung die Nominierung seiner Partei zum Präsidentschaftskandidaten erreichen.

          Sportlicher Wahlkampf: Christie wirbt für Romney (links)

          Aber in außen- und sicherheitspolitischen Fragen ist er Paul näher als den „Falken“ unter seinen innerparteilichen Konkurrenten - dem texanischen Gouverneur Rick Perry, dem früheren Senator aus Pennsylvania Rick Santorum, dem einstigen „Sprecher“ des Repräsentantenhauses Newt Gingrich und auch Mitt Romney.

          In seiner kurzen und präzisen Rede im Haus der Coles verteidigt er sich abermals gegen Mitt Romney, der ihm in der Fernsehdebatte vorgeworfen hatte, als Botschafter Obamas lasche China-Politik vertreten zu haben, statt sich entschlossen gegen Pekings Diebstahl von amerikanischen Patenten und die Währungsmanipulationen zu stellen. „Um Himmels willen, ist es heute bei uns nicht mehr vorstellbar, dass man seinem Land dient und nicht nur seiner Partei?“, ruft Huntsman. Romney sage, er glaube an Amerika, doch dies sei eine leere Floskel, wenn man nicht „das Heimatland an die erste Stelle“ setze. Die Menge klatscht.

          „Präsident Obama hat euch angestachelt!“

          Huntsman feuert seine Anhänger an, ihn gerade jetzt zu unterstützen: „Wir spüren den Schwung für uns, von Stunde zu Stunde.“ 170 Veranstaltungen hat er hier in New Hampshire bestritten, und erst an den letzten Tagen vor der Vorwahl sind jeweils mehr als eine Handvoll Leute gekommen.

          Doch das Momentum für den gemäßigten Mormonen Huntsman, der als Wunschkandidat vieler unabhängiger Wechselwähler und auch von Demokraten gilt, die von Präsident Obama enttäuscht sind, könnte zu spät kommen. Am gleichen Abend, kaum zwei Stunden später, lässt sich an der Highschool von Exeter, etwa 30 Kilometer östlich von Manchester, die vorherrschende Stimmung im Land beobachten: Mitt Romney hat Chris Christie, den Gouverneur von New Jersey, als Einpeitscher mitgebracht. In der überfüllten Turnhalle versuchen Mitglieder der Occupy-Protestbewegung die Veranstaltung zu stören. „Mitt vernichtet Jobs“, rufen sie, und „Christie vernichtet Jobs!“

          Romney versucht den Störern höflich zu begegnen, während die Polizei die ersten Demonstranten abführt. Dann ergreift Christie das Mikrofon: „Präsident Obama hat euch angestachelt!“, ruft Christie. „Er will das Land spalten, er hetzt euch auf, weil seine Botschaft von Hoffnung und Wandel sich als hohl erwiesen hat.“ Die Menge im Saal johlt. Romney aber werde das Land wieder einigen, sagt Christie. Und dann wendet er sich an eine junge Frau, die besonders laut gerufen hatte: „Hier mag heute Abend etwas verloren gehen“, ruft Christie und setzt seine beträchtliche Leibesfülle hinter seine Worte: „Aber es werden gewiss keine Jobs sein, Schätzchen!“ Die Menge lacht und johlt noch lauter.

          New Hampshire: winzig, aber wichtig

          Der neuenglische Bundesstaat New Hampshire, dessen martialisches Motto „Live Free or Die“ (Lebe frei oder sterbe) auf jedem Autokennzeichen prangt, repräsentiert mit seinen 1,3Millionen Menschen nicht einmal ein halbes Prozent der inzwischen 313 Millionen Einwohner Amerikas. Und doch spielt der kleine Staat seit 1920 eine besondere Rolle bei Präsidentenwahlen: Die erste echte Vorwahl (Primary) des Wahljahres findet hier statt (nur Iowa mit seiner „Caucus“ genannten Urwahl bei Parteiversammlungen ist noch früher). Und obwohl in New Hampshire nur vier der 538 Stimmen im Wahlmännergremium zur Präsidentenwahl im November zu vergeben sind, ist der Staat wegen seiner Signalwirkung für jeden Kandidaten eine Pflichtstation.

          Bei den Präsidentenwahlen 2008 gewann Obama hier 54 Prozent der Stimmen, der Republikaner John McCain kam auf 45 Prozent. McCain aber hatte mit seinem überraschenden Sieg bei den Vorwahlen im Januar den Grundstein für seinen späteren Triumph über seine innerparteilichen Konkurrenten gelegt. Bei den Präsidentenwahlen 2000 bescherten die Wähler in New Hampshire dem Republikaner George W. Bush mit 48 zu 47 Prozent einen hauchdünnen Sieg über Al Gore, vier Jahre später gewann der Demokrat John Kerry im sogenannten „Granite State“ mit 50 zu 49Prozent ebenso knapp gegen Bush. Gouverneur in der Hauptstadt Concord ist seit Januar 2005 der Demokrat John Lynch. Er wurde zuletzt 2010 wiedergewählt. Nur in New Hampshire und im benachbarten Vermont beträgt die Amtszeit der Gouverneure zwei statt der in den anderen 48 Staaten üblichen vier Jahre.

          Seit Anfang 2010 sind in New Hampshire außerdem auch gleichgeschlechtliche Ehen legal. In Meinungsumfragen äußern sich weiterhin knappe Mehrheiten für die Homosexuellenehe, im Parlament von Concord gibt es aber Initiativen, die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe wieder rückgängig zu machen. Seinem Ruf als „Swing State“ mit wechselnden Mehrheiten wurde New Hampshire bei den Kongresswahlen 2010 gerecht: Beide Sitze im Repräsentantenhaus gingen von den Demokraten an die Republikaner, dazu nahmen sie den Demokraten noch einen Posten im Senat ab. Obwohl die Arbeitslosenquote in New Hampshire - dank eines starken Dienstleistungs- und Hochtechnologiesektors mit fast zwei Dritteln aller Beschäftigten - mit 5,2 Prozent unter dem Landesdurchschnitt von zuletzt 8,5 Prozent liegt, bestimmen die Wirtschaftslage, die Steuerpolitik und vor allem Schuldenberg und Haushaltsloch in Washington die Wahlentscheidung der „New Hampshirites“. Von ihnen sind gut 92 Prozent Weiße, Schwarze stellen gerade einmal ein Prozent, Latinos nur knapp drei Prozent der Bevölkerung.

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