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Vorwahl in Florida : Die Sprache des Kandidaten Romney

Mitt Romney spricht am Montag vor Anhängern im Pioneer Park in Dunedin, Florida Bild: AFP

Mitt Romney hat vor der Vorwahl in Florida an diesem Dienstag besonders die Latinos umworben. Spanisch spricht er zwar nicht, er vertraut anderen Argumenten - die er von seinem Sohn Craig vortragen lässt.

          Dieser Sohn eines Immigranten aus Mexiko, der das Weiße Haus erobern will, spricht kein Spanisch. Die Geschichte vom Vater, der als mittelloser Einwanderer aus Mexiko in die Vereinigten Staaten gekommen ist, um hier den amerikanischen Traum zu verwirklichen, erzählt er dieser Tage vor den spanischsprachigen Latinos in Florida dennoch unentwegt - auf Englisch.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Mitt Romney, der aussichtsreichste Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner, der mit einem Sieg bei den Vorwahlen im "Sunshine State" an diesem Dienstag einen großen Schritt zur Nominierung als Herausforderer von Präsident Barack Obama tun könnte, ist freilich kein gewöhnliches Einwandererkind.

          Gewiss, der Vater George Romney kam 1912 im Alter von fünf Jahren mit seinen Eltern aus Mexiko in die Vereinigten Staaten. Eltern und Kinder brachten kaum mehr mit, als sie auf dem Leibe trugen und in ein paar Karren verstauen konnten. Die Romneys waren freilich keine Mexikaner, sondern Amerikaner, die vor Verfolgung ins südliche Nachbarland geflohen waren und auch kein Spanisch sprachen. Grund für die Flucht vieler mormonischer Familien nach 1875 war die in Amerika geächtete Polygamie, die von Joseph Smith, der die Religion 1830 gegründet hatte, sowie von den ersten Generationen der Mormonen praktiziert worden war.

          Rentner und Romney-Fans in Lake Sumter Landing

          In den mormonischen Kolonien in der Sierra Madre im Norden Mexikos blieben die polygamen Familien unbehelligt. Wie ihre Glaubensbrüder in Amerika schworen freilich auch die mormonischen Kolonisten in Mexiko und anderswo 1890 der Polygamie ab. Seither sind die Mormonen monogam. Familien sind nach dem Glaubensdogma der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" seit aller Ewigkeit und für alle Zeiten aneinander "gesiegelt".

          Mitt Romneys Großeltern jedenfalls flohen vor den Wirren der 1910 in Mexiko ausgebrochenen Revolution ins Mutterland Amerika. Und George Romney stieg vom Jungen, der in Idaho in bitterarmen Verhältnissen aufgewachsen war, dank Fleiß und Ehrgeiz zum steinreichen Geschäftsmann auf. Später wurde er Gouverneur von Michigan, erfolgloser republikanischer Präsidentschaftskandidat von 1968 und schließlich Wohnungsbauminister von Präsident Richard Nixon. Jetzt soll Sohn Mitt gelingen, was Vater George versagt war: der Einzug ins Weiße Haus.

          Hialeah, die „republikanischste Stadt“ Floridas

          Im Restaurant "Casa Marin" an der Palm Avenue in Hialeah hat Mitt Romney ein Heimspiel. Bürgermeister Carlos Hernández begrüßt den Wahlkämpfer und seine Familie herzlich "in der republikanischsten Stadt im ganzen Land". Das ist womöglich nicht übertrieben, denn in Hialeah bei Miami sind drei Viertel der gut 220.000 Einwohner Exil-Kubaner oder die Nachfahren von kubanischen Immigranten, und die sind seit eh und je republikanische Stammwähler. Insgesamt stellen Latinos etwa elf Prozent der republikanischen Wähler in Florida, und von ihnen sind 32 Prozent Kubaner und 28 Prozent Puerto Ricaner; nur neun Prozent stammen aus Mexiko. Weil Exil-Kubaner im Schnellverfahren die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten und die Einwohner von Puerto Rico ohnedies Amerikaner sind, ist für diese Wählergruppe die Frage nur von geringer Bedeutung, wie man mit den rund elf Millionen illegalen Einwanderern im Land umgeht.

          Gegen jede Form von Amnestie für illegale Immigranten

          Romney ist, anders als sein innerparteilicher Konkurrent Newt Gingrich, gegen jede Form der Amnestie für illegale Immigranten und auch gegen ermäßigte Studiengebühren für die Kinder illegaler Immigranten. Diese harte Haltung mag Anstoß erregen bei den mexikanischstämmigen Wählern, die im ganzen Land 60 Prozent der Latino-Wähler stellen und vor allem in Kalifornien Stammwähler der Demokraten sind; bei Kubanern und Puerto Ricanern in Florida findet Romneys Position dagegen Zustimmung.

          Bei den Präsidentenwahlen 2008 konnte Obama in Florida noch mehr als die Hälfte der Latino-Stimmen erringen, was wesentlich zu seinem Sieg über den Republikaner John McCain dort beitrug. In diesem Jahr dürfte es für ihn bei den Latinos in Florida und überall im Lande schwieriger werden. Die versprochene umfassende Reform der Einwanderungspolitik hat der Präsident nicht zustande gebracht, und auch für die Latinos, die am schnellsten wachsende Wählergruppe, ist die Wirtschaftskrise das wichtigste Thema. Bei Latinos liegt die Arbeitslosenquote landesweit fast drei Prozentpunkte höher als die nationale Durchschnittsquote von 8,5 Prozent.

          Die Familie Romney in Hialeah: Mitt und seine Frau Ann mit ihrem spanischsprechenden Sohn Craig (rechts) und Enkelsohn Parker

          Nach der Begrüßung von Bürgermeister Hernández auf dem Parkplatz vor dem "Casa Marin", wo sich rund 250 Menschen drängen, ergreift Mitt Romneys jüngster Sohn Craig das Wort. Er hat seinen für jeden jungen Mormonen obligatorischen Missionarsdienst in Chile geleistet und spricht fließend Spanisch. "Mi papá no habla español, pero si habla el idioma de la economía", sagt Craig: Papa spreche zwar kein Spanisch, dafür aber die Sprache der Wirtschaft. Die Menge klatscht. Und dann versichert Mitt Romney, welche "außerordentliche Quelle der Vitalität" die Einwanderer für Amerika schon immer gewesen seien, und preist den hohen Stellenwert der Familie zumal bei den Immigranten aus Lateinamerika. Zudem habe er sich als Geschäftsmann, Gouverneur und Manager bewiesen und wisse, welche Voraussetzungen die Wirtschaft brauche, um wieder Jobs zu schaffen.

          Der große Preis im Süden

          Der Weg ins Weiße Haus führt über Florida: Nicht erst seit dem Auszählungsdrama zwischen Al Gore und George W. Bush bei den Präsidentenwahlen 2000 gilt dieser Grundsatz in der amerikanischen Politik. Damals gewann Bush in Florida mit 537 Stimmen Vorsprung vor Gore und damit auch den Kampf ums Weiße Haus - bei mehr als sechs Millionen abgegebenen Stimmen und nachdem das Oberste Gericht in Washington die Nachauszählung umstrittener Stimmzettel in Florida gestoppt hatte.

          Ganz so knapp ging es bei den anschließenden Präsidentenwahlen nicht mehr zu, aber der Sieger im „Swing State“ Florida gewann jeweils auch die Wahlen insgesamt. Bei seiner Wiederwahl 2004 siegte der Republikaner Bush in Florida mit 52 zu 47 Prozent gegen seinen demokratischen Herausforderer John Kerry, während sich 2008 der Demokrat Barack Obama mit 51 Prozent gegen den Republikaner John McCain mit 48 Prozent durchsetzte.

          Seit 1930, als Florida ein dünnbesiedelter Riesensumpf mit gerade einmal 1,5 Millionen Menschen und vier Sitzen im Repräsentantenhaus in Washington war, hat der Staat im Südosten stetig an Einwohnern und damit an politischem Gewicht gewonnen. Heute leben in Florida fast 19 Millionen Menschen; nur Kalifornien, Texas und New York haben mehr Einwohner. Im neuen Kongress wird Florida über 27 Abgeordnete verfügen, im Wahlmännerkollegium für die Präsidentenwahl stellt es 29 der 438 Stimmen.

          Die Politik in der Hauptstadt Tallahassee bestimmen die Republikaner: Sie stellen mit Rick Scott den Gouverneur und beherrschen beide Kammern des Parlaments. Auch im Kongress in Washington haben die Republikaner die Oberhand: Derzeit sind im Repräsentantenhaus 19 Abgeordnete aus Florida Republikaner, sechs sind Demokraten; die Senatoren aus Florida sind der Demokrat Ben Nelson und der erst 40 Jahre alte Republikaner Marco Rubio, in dem viele einen künftigen Präsidenten sehen.

          Florida wurde seit 2008 von der Rezession und vor allem von der Krise auf dem Immobilienmarkt hart getroffen. Die Arbeitslosenquote liegt mit 9,9 Prozent über dem nationalen Schnitt von 8,5 Prozent. Nur in Kalifornien und Nevada wurden mehr Häuser zwangsversteigert als in Florida. Latinos stellen mehr als 22 Prozent der Einwohner, Schwarze gut 15 Prozent, Weiße knapp 58 Prozent. Bei den republikanischen Vorwahlen von 2008 unterlag Mitt Romney noch mit 31 Prozent dem späteren Kandidaten John McCain mit 36 Prozent. (rüb.)

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