https://www.faz.net/-gpf-8m7d8

Vor der zweiten TV-Debatte : Endspiel für Trump

  • -Aktualisiert am

Letzte Chance: Donald Trump muss in der zweiten Fernsehdebatte in St. Louis ein Wunder vollbringen. Bild: AP

In ihrem zweiten Fernsehduell debattieren Hillary Clinton und Donald Trump heute Nacht im beliebten „Town-Hall-Format“. Für den durch ein Skandal-Video schwer angeschlagenen Trump ist das die wohl allerletzte Wahlkampf-Chance. Wenn überhaupt.

          Ihr Kandidat werde locker bleiben und ganz befreit aufspielen, denn unter Druck stehe schließlich nur seine demokratische Kontrahentin Hillary Clinton. Kaum zu glauben, dass diese Ankündigung von Donald Trumps Kampagnenteam noch nicht einmal zwei Wochen her ist. Damals, kurz vor dem ersten Fernseh-Duell zu Anfang der letzten Septemberwoche, sah die Welt für Trumps Team noch hoffnungsvoll aus. Jetzt stehen der Kandidat und seine Berater mit dem Rücken zur Wand.

          Ein vergeigte Debatte vor mehr als 80 Millionen Fernsehzuschauern, Enthüllungen über vermeintliche Steuertricksereien, nächtliche Twitter-Tiraden gegen eine ehemalige Schönheitskönigin belasteten Trump schon bis zum Freitag. Doch ein von der Washington Post veröffentlichtes Video, in dem Trump (wenn auch schon vor elf Jahren) auf äußerst obzöne Weise über Frauen herzieht und seine eigenen  Eroberungskünste preist, die sich eher wie eine Definition des Tatbestandes der sexuellen Belästigung anhören, lässt all dies wie Kleinigkeiten aussehen. Das sind zu viele Negativschlagzeilen selbst für einen Kandidaten, dem Wahlkampf-Beobachter einst den Spitznamen „Teflon“ gaben, weil kein Skandal an ihm haften zu bleiben schien. Nun folgt Kratzer auf Kratzer im Image des Selfmade-Milliardärs, der sich selbst für unzerstörbar hält.

          Am Samstagabend laufen in diversen amerikanischen Sendern weitere neu entdeckte Aufnahmen rauf und runter, in denen immer wieder die Stimme des Kandidaten zu hören ist.

          Es sind über Jahre hinweg aufgezeichnete Gespräche mit dem Talkradio-Moderator Howard Stern, in denen Trump etwa in langen und nicht jugendfreien Sequenzen über seinen Frauengeschmack spricht, aber auch von der Figur seiner Tochter Ivanka schwärmt. Passagen, in denen Trump sich über angebliche sexuelle Vorlieben des Golfprofis Tiger Woods auslässt, sind derart drastisch formuliert, dass CNN sie nicht im Fernsehprogramm, sondern nur auf seiner Webseite veröffentlicht.

          Belästigungsvorwürfe tauchen auf

          Andere amerikanische Medien hatten nach Bekanntwerden des Videos am Freitag zudem von zahlreichen Belästigungsvorwürfen gegen Trump berichtet. Die immer neuen Enthüllungen lassen die ohnehin sehr halbherzig formulierte Entschuldigung Trumps von Freitagnacht („Jeder, der mich kennt, weiß, dass diese Worte nicht wiedergeben, wer ich bin“), mit der er auf die Video-Enthüllung der Washington Post reagierte, noch unglaubwürdiger erscheinen.

          Jetzt steht in St. Louis im Bundesstaat Missouri am Sonntagabend (3 Uhr am Montagmorgen deutscher Zeit) die zweite von insgesamt drei geplanten Debatten gegen Hillary Clinton an. Für Trump wird das Duell am Mississippi zum Endspiel, wobei es auch zahlreiche Stimmen gibt, die ihm schon jetzt mit Blick auf die Wahl im November keine Chance mehr einräumen. „Er ist erledigt“, ist eine Aussage, die auch am Tag Eins nach dem Tsunami des jüngsten Skandals immer wieder fällt. In Scharen wenden sich führende Republikaner von Trump ab, immer lauter werden die Forderungen, dass er seine Kandidatur zurückziehen solle. Die beiden noch ausstehenden TV-Duelle scheinen selbst viele Trump-Anhänger inhaltlich schon abgehakt zu haben.    

          Trump nennt Bill Clinton „Vergewaltiger“

          Trump selbst scheint es zumindest versuchen zu wollen und gibt sich vor dem Aufeinandertreffen mit Clinton selbstbewusst und angriffslustig zugleich. „Wir sehen uns bei der Debatte“, ließ er bereits zum Ende seiner Entschuldigungsbotschaft verlauten. Unmittelbar nachdem er in knappen Worten sein Bedauern über seine sexistischen Entgleisungen von 2005 zum Ausdruck gebracht hatte, nahm er sich seine politischen Gegner vor und kündigte an, mehr darüber reden zu wollen, dass der frühere Präsident und Kandidatinnen-Gatte Bill Clinton „tatsächlich Frauen missbraucht“ habe und Hillary dessen Opfer „schikaniert, attackiert, beschämt und eingeschüchtert“ habe. Am Samstagabend sorgt auf Trumps Twitter-Account ein Re-Tweet des Kandidaten für neuen Wirbel, in dem Bill Clinton als „Vergewaltiger“ bezeichnet wird.

          Die Zeichen stehen also auf Schlammschlacht, wobei das Format, in dem die Debatte ausgetragen wird, einen allzu aggressiven Schlagabtausch der Kandidaten untereinander eigentlich verhindern müsste. Im Gegensatz zur ersten und dritten Debatte, in denen die Diskussionen ausschließlich von Moderatoren geleitet werden, werden in St. Louis die Fragen nämlich größtenteils vom Publikum gestellt. „Town hall debate“ nennen die Amerikaner diesen Rahmen, der Kandidaten und Wähler miteinander ins Gespräch kommen lässt und die Politiker unmittelbar mit den Problemen und Sorgen der Bürger konfrontiert. „Die alten Griechen haben uns die Demokratie und das Theater geschenkt“, so die Journalistin Brenna Williams. „Die Town-Hall-Debatten vereinen das beste von beidem, dazu kommt eine Portion rhetorischer Kampfsport.“

          Town-Hall-Debatte als Königsdisziplin

          Für amerikanische Politiker sind die Town-Hall-Debatten eine Art Königsdisziplin. Es geht dabei schließlich nicht nur darum, dem Bürger eine zufriedenstellende Antwort zu geben, sondern auch durch Gesten und Körpersprache zu signalisieren, dass man die Fragesteller und ihre Lebenswelt ernst nehme. Verständnisvolles Nicken sowie das Wiederholen des Vornamens des Fragenden sind die klassischen Skills.

          Town-Hall-Großmeister wie Ohios Gouverneur John Kasich, der im Vorwahlkampf schon mal den ein oder anderen Fragesteller in den Arm nahm, schaffen es zudem, (vermeintlich) echte Gefühle zu zeigen. Die Kritik, dass es dabei vor allem um gespielte Nähe gehe, ist nicht von der Hand zu weisen, ändert aber nichts an der Tatsache, dass sich das Format in den Vereinigten Staaten sowohl bei Medien als auch Wählern größter Beliebtheit erfreut.

          Für Donald Trump ist die Tatsache, dass dieses womöglich entscheidende Duell im Town-Hall-Format ausgetragen wird, Fluch und Segen zugleich. Der milliardenschwere Steueroptimierer mit dem Sexismus-Skandal im Schlepptau, muss beweisen, dass er vielleicht doch ein aufrichtiger Mensch ist, der sich, wie zuletzt von ihm immer wieder beteuert, seit elf Jahren charakterlich geändert habe. Es könnte keinen passenderen Rahmen für einen solchen selbst vollzogenen Imagewechsel geben.

          Trump könnte durch kritische Fragen provoziert werden

          Gleichzeitig birgt sein Auftritt für ihn große Gefahren. Trump, der sich gerne bei Journalisten über angeblich ungerechte Fragen beklagt und bei seinen programmatischen Antworten oftmals im Unklaren bleibt, könnte von kritischen Wählern geradezu vorgeführt werden, zumal ihn Clinton wie schon im ersten Duell mit gezielten Provokationen zur Unbeherrschtheiten verführen könnte. „Es ist ein Format, dass fast dazu geschaffen wirkt, nahezu jede Charakter- und Temperamentsschwäche des republikanischen Kandidaten offenzulegen“, schreibt das Magazin „Politico“.

          Clinton, die bei Town-Hall-Debatten auch nicht gerade als Naturtalent gilt und vor allem versuchen dürfte, nicht allzu oberlehrerhaft zu wirken, soll sich in einem Hotel in New York akribisch auf ihren Auftritt vorbereitet haben. Die größte Gefahr für sie dürfte sein, dass nicht Trumps Frauenfeindlichkeit, sondern ihre Wall-Street-Freundlichkeit zum zentralen Thema des Abends wird.

          Die Enthüllungsplattform Wikileaks hatte erst kürzlich damit begonnen, Auszüge aus angeblichen Reden Clintons vor großen Finanzunternehmen publik zu machen, aus denen hervorgehen soll, wie eng das Vertrauensverhältnis der ehemaligen Außenministerin zur Branche gewesen sei und wie stark sie zum Beispiel kompromisslose Freihandelspositionen unterstützt habe. Clinton hatte die Veröffentlichung der Vorträge, für die sie bestens bezahlt wurde, bisher stets verweigert. 

          Ob Trump in den turbulenten letzten beiden Tagen noch Zeit gefunden hat, seinen nächsten Debattenauftritt zu trainieren, ist unklar. Dass er keine detaillierte Vorbereitung nötig habe, hatte der 70 Jahre alte Trump zuletzt immer wieder zu Protokoll gegeben – das dürfte sich angesichts der aktuellen Ausgangslage allerdings geändert haben. Am Donnerstag hatte Trump in New Hampshire, offiziell ausdrücklich nicht zu Übungszwecken, ein kurzes Town-Hall-Treffen abgehalten, das jedoch von vielen Beobachtern belächelt wurde, weil das handverlesene Publikum ausschließlich zahme Fragen stellte und der dem Kandidaten wohlgesonnene Moderator offenbar sowieso nicht vorhatte, an entscheidenden Stellen nachzuhaken. Das dürfte in St. Louis anders werden, wenn mit CNN-Anchorman Anderson Cooper und ABC-Starmoderatorin Martha Raddatz zwei gestandene journalistische Persönlichkeiten mit auf der Bühne stehen.

          Eine Frage zumindest hat Trump bereits sehr klar beantwortet, nämlich die, ob er gedenke, seinen Wahlkampf vorzeitig zu beenden: „Die Medien und das Establishment wollen mich unbedingt aus dem Rennen haben. Ich werde niemals aus dem Rennen aussteigen, ich werde meine Unterstützer niemals im Stich lassen“, lässt Trump am Samstag über diverse Social-Media-Kanäle verlauten, wobei der zweite Teil der Botschaft in Großbuchstaben geschrieben ist. Klar ist: Seine Partei kann Trump nicht zwingen, seine Kandidatur aufzugeben. Nur wenn er selbst seinen Rücktritt erklärt, könnte die republikanische Führung sich auf die Suche nach einem neuen Kandidaten machen. Federführend wäre, da ein Parteitag wohl so schnell nicht mehr zu organisieren wäre, in diesem besonderen Fall das 168-köpfige „National Committee“. Das Chaos wäre dann perfekt – mehr noch als ohnehin bereits.

          Weitere Themen

          Scholz lässt seine Pläne offen Video-Seite öffnen

          Bewerbung auf SPD-Vorsitz : Scholz lässt seine Pläne offen

          „Ganz klar ist, wir müssen in Deutschland vorankommen mit unserem Land. Wir müssen dafür sorgen, dass der Zusammenhalt besser wird“, sagte Bundesfinanzminister Olaf Scholz nach Bekanntwerden seiner Kandidatur für die SPD-Spitze.

          Man nennt es Meinungsfreiheit

          Trump gegen Google : Man nennt es Meinungsfreiheit

          Ohne das Internet wäre Donald Trump wohl nicht amerikanischer Präsident geworden. Jetzt beschwert er sich über politische Ideologisierung bei Google. Aus dem Silicon Valley schallt es zurück.

          Topmeldungen

          Finanzminister Olaf Scholz hat sich gegen das von Wirtschaftsminister Peter Altmaier vorgelegte Konzept zur vollständigen Abschaffung des Solis ausgesprochen.

          Finanzminister : Scholz gegen komplette Soli-Abschaffung

          Finanzminister Olaf Scholz kritisiert das von Wirtschaftsminister Altmaier vorgelegte Konzept zur vollständigen Soli-Abschaffung als „Steuersenkung für Millionäre“. Der SPD-Politiker möchte vorerst nur 90 Prozent der Steuerzahler entlasten.
          Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, warnt die Parteien davor, eine Koalition mit der AfD einzugehen.

          Zentralrat der Juden : „AfD schürt Klima auch gegen Juden“

          Zentralratspräsident Josef Schuster warnt: Die AfD sei enger mit dem Rechtsextremismus verwoben, als sie es nach außen darstellt. Im Vorfeld der Wahlen in Sachsen und Brandenburg hält Schuster einen dringlichen Appell an alle Parteien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.