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Vor Amtseinführung : So arrangiert sich Washington mit Trump

  • Aktualisiert am

Blick auf das Capitol bei Tageseinbruch: Trump will den Sumpf trocken legen. Bild: dpa

Für Trumps Amtseinführung wird in Washington mit heftigem Protest gerechnet. Warum sich die Stadt trotz allem mit den neuen Nachbarn arrangieren werden.

          WASHINGTON, 18. Januar

          Normalerweise zieht sich Stephanie Green schicker an, wenn sie ihren neuen Lieblingsort in Washington aufsucht. Schließlich schreibt sie für „Vanity Fair“ und „Vogue“ über Mode, Lifestyle und Kultur. Doch an diesem Morgen behält die Mittdreißigerin ihre Häkelmütze auf dem Kopf, als sie sich in der Lobby des Trump International Hotel auf ein stahlblaues Designersofa fallenlässt. „Ich gehe gleich zum Yoga“, erklärt sie. Green kam 2001 in die amerikanische Hauptstadt und trieb in ihrem ersten Job Spenden für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Kerry ein. Sie liebt abstrakte Kunst, verpasst keine Oper im Kennedy Center und zählt zu ihren Freunden selbstverständlich einige der Schwulen und Lesben, die im Hauptstadtbezirk „District of Columbia“ zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen. Wer aus New York oder San Francisco kommt und die Beamtenstadt mit ihren Monumenten, Ministerien und Morton’s-Steakhäusern als spießig abtut, blitzt bei Green ab. „Nur Langweiler finden D.C. öde“, urteilt sie.

          Erst im vorigen Jahr fühlte sich Stephanie Green in ihrer Wahlheimat manchmal nicht ganz wohl. Denn sie setzte auf Donald Trump. Sobald sie sich bei Vernissagen oder Empfängen zu Trump bekannte, gaben ihr fremde Leute Kontra. „Sehr unhöflich“, rügt die junge Frau. „Ich habe mich dann einfach abgewandt.“ In ganz Washington sollten im November außer Green nur 12722 Mitbürger ihr Kreuz bei Donald Trump setzen. Der New Yorker Baulöwe musste sich mit 4,1 Prozent der Stimmen in der Stadt begnügen, deren berühmtester Einwohner er diese Woche wird. Trump hat versprochen, den Sumpf trockenzulegen, für den er Amerikas Kapitale hält. Die meisten Washingtonians verabscheuen diese abgestandene Metapher – auch wenn es stimmt, dass die Hauptstadt-Baumeister vor zwei Jahrhunderten manches Grundstück erst einmal entwässern mussten und dass die Schwüle Washingtons Einwohner jeden Sommer mit Schwärmen von Stechmücken in die Flucht treibt. Stephanie Greens lokalpatriotische Gefühle hat Trump nicht verletzt. Bis heute bewundere sie John Kerry, sagt sie. „Aber natürlich war er wie alle Politiker in der Hand seiner Spender. Washington ist eine Stadt, die einfach ab und zu ausgepumpt werden muss.“ Das freilich ist leichter versprochen als getan: Gerade weil die Republikaner einen radikalen Wandel versprechen, erlebt die Lobby-Branche einen Boom. Seit Trumps Sieg stellen die großen Firmen auf der KStreet massiv Personal ein, um den Umbruch zu beobachten und zu steuern.

          Unter den Kronleuchtern im Trump-Hotel serviert eine vor kurzem aus Äthiopien eingewanderte Schwarze einen wässrigen Espresso für elf Dollar und fragt: „Ist dies nicht der tollste Ort der Welt?“ Stephanie Green hat hier im Wahlkampf alle Fernsehdebatten verfolgt. In dem Hochglanzmagazin „Washingtonian“ beschrieb sie die Bar später als ihre „Schutzzone“ und erläuterte: „Das Hotel fühlte sich im Blitzkrieg der Medien wie ein Bombenschutzbunker an.“ Hier knipste Green auch ein Selfie mit der künftigen First Lady Melania Trump, das ihr auf Facebook ätzende Kommentare einbrachte. „Ich musste einige Leute entfreunden, obwohl das nicht nur Facebook-Freunde waren, sondern richtige aus der echten Welt.“ Am Morgen des 9. November fand sich Green voller Verblüffung auf der Gewinnerseite wieder. Am liebsten würde sie jetzt im Weißen Haus arbeiten. Und in Washington heißt es, die Ballsäle und Suiten im Trump-Hotel seien vorerst ausgebucht. Allerlei ausländische Regierungen wollten sich mit teuren Reservierungen die Gunst des neuen Präsidenten erkaufen.

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