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TV-Duelle : Von Kennedy lernen, heißt siegen lernen

  • -Aktualisiert am

Richard Nixon (l.) und John F. Kennedy bei einer TV-Debatte im Jahr 1960 Bild: Picture-Alliance

Donald Trump trifft heute auf Hillary Clinton. Aus diesem Fernseh-Schlagabtausch vor Millionen ist eine regelrechte Wissenschaft geworden. Kaum ein Zuschauer weiß, welche Dinge ihn dabei wirklich beeinflussen.

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          Das Format ist einfach und bewährt: Zwei Menschen streiten sich, viele andere sehen dabei zu. Die Fernseh-Duelle der amerikanischen Präsidentschaftskandidaten sind wohl die höchste Form dieses rhetorischen Gefechts – und prägende Momente vieler Wahlen. Die Wähler treffen ihre Kandidaten, und die Kandidaten aufeinander. Zahllose politische Handlungs- und Prinzipien-Fragen werden am Ende auf die eine reduziert: Wer gewinnt?

          Beim ersten dieser Fernseh-Duelle 1960 waren sich die Kommentatoren schnell einig: Kennedy besiegte Nixon im ersten von vier Aufeinandertreffen, weil er frischer und agiler aussah. Nixon schwitzte stark, wirkte unrasiert und hatte sich noch nicht gänzlich nach einem Krankenhausaufenthalt erholt. Solche Äußerlichkeiten sollen letztlich den Ausschlag gegeben haben, meinten damals viele.

          Doch ob das auch die restlichen Zuschauer direkt nach der Debatte so sahen, wird in der Medienforschung heute bezweifelt. Bei den Duellen geht es längst nicht nur um Oberflächlichkeiten. Die Bewerber können ihre Wähler ungefiltert ansprechen und viele Unentschlossenen erreichen. Studien zeigen, dass im Durchschnitt rund fünf Prozent der Zuschauer nach TV-Duellen ihre Wahlentscheidung ändern. Das Duell Kennedy-Nixon verfolgten etwa 40 Prozent der damals rund 180 Millionen Amerikaner im Fernsehen und im Radio.

          Fakten verlieren, das Vage gewinnt

          Während Nixon noch bis kurz vor der Debatte Wahlkampf machte, bereitete sich Kennedy intensiv darauf vor. Heute ist so ein Training selbstverständlich, der Aufwand zur Vorbereitung groß. Die Kampagnen-Teams stellen Fernseh-Studios nach, in denen die Kandidaten mit Übungspartnern diskutieren. Die Argumente, die später zum Einsatz kommen, sind meist schon in unzähligen Wahlkampf-Auftritten erprobt und bis zur Vollendung feingeschliffen. Echtzeitmessungen, in denen Zuschauer den Eindruck der Kandidaten von Moment zu Moment bewerten, zeigen, was wirklich beeindruckt: „Die Kandidaten punkten am meisten, wenn sie es schaffen, ihre politischen Maßnahmen mit grundlegenden Wertvorstellungen der Menschen oder ihren Alltagserfahrungen zu verbinden“, sagt der Politikwissenschaftler Professor Thorsten Faas von der Universität Mainz.

          Hingegen zeigt die Forschung auch, dass in den amerikanischen Fernsehduellen meistens die Kandidaten verlieren, die viele konkrete Zahlen und Fakten präsentieren. Erfolgreich sind oft die Aussagen, die besonders vage formuliert oder so selbstverständlich sind, dass sie von allen Zuschauern geteilt werden. Mit einer klaren Kante kann man dagegen die eigenen Wähler mobilisieren.

          Der vierfache Rubio

          Dieses Wissen der Kommunikations-Forschung haben natürlich auch die Wahlkampfteams. So legen sich die Kandidaten ganze Absätze zurecht, die auswendig gelernt und im richtigen Moment abgefeuert werden sollen. Doch dass so etwas auch nach hinten losgehen kann, zeigte sich ein einer Fernseh-Debatte der republikanischen Vorwahlen im Frühjahr dieses Jahres. Senator Marco Rubio geriet darin so unter Druck, dass er nicht merkte, wie er viermal die gleichen vorformulierten Sätze sagte und sich so zum Gespött von Zuschauern und Kontrahenten machte.

          Wenn es nach Allen Carrier geht, dann ist der Kampf um das mächtigste Amt der Welt, vor allem ein Kampf der Geschichten. Da gab es etwa die des Sohnes einer weißen Mutter aus Kansas und eines Vaters aus Afrika. Ein Mann, der das Gesicht des neuen Amerika sein und das zerrissene Land einen wollte (Barack Obama). Eine andere Geschichte ist die eines Mannes, der antritt, um die Wahrheit zu sagen, der sich zu unfassbarem Reichtum verhalf und dasselbe für sein Land tun werde (Donald Trump). Dieser Geschichte glauben viele – und genauso viele fürchten sich vor ihr. Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf ist voll von solchen Erzählungen, sagt Carrier. Denn nur, wer eine gute Geschichte darüber erzählt, wer er ist, und warum ihn das für das Höchste empfiehlt, wird die Wähler verzaubern – und am Ende Präsident.

          Allen Carrier hat unter anderem den früheren amerikanischen Präsidenten Bill Clinton in Medienfragen beraten. Sein Spezialgebiet ist der Auftritt vor der Kamera. Das Wichtigste in jedem Aufeinandertreffen der Kandidaten, sagt er, ist nicht nur seine Botschaft rüberzubringen, sondern sie mit der eigenen Vita zu verweben. Daraus entspinnt sich die Geschichte eines Kandidaten. Sie ist seine erzählerische DNA und wird immer wieder in die Antworten geflochten. Wann immer Donald Trump kann, verweist er auf seine erfolgreiche Vergangenheit als Unternehmer und seine Unabhängigkeit zur politischen Elite. Hillary Clintons stärkstes Argument ist ihre große Erfahrung als Politikerin. Im Land der großen Filme und Geschichten ist diese Komponente nicht zu unterschätzen.

          Der Einfluss der Kommentatoren

          Aber keineswegs nur der Auftritt der Kandidaten entscheidet darüber, wer aus einer Debatte als gefühlter Sieger hervorgeht. Schon kurz nach den Duellen kommen die ersten Kommentatoren zu Wort. In anschließenden Talk-Runden wird das Duell auseinander genommen.

          Zeitungsberichte beleuchten Aspekte und ordnen ein. Untersuchungen zeigen, dass die Bewertungen, die dort gemacht werden, die Meinung darüber, wer wohl als Sieger hervorging, genauso stark beeinflussen wie das Duell selbst. Denn die Zuschauer passen ihre Meinung über das Gesehene oft der herrschenden Meinung an. Dieser Effekt wird umso stärker, je einhelliger der Tenor in den Medien zu einer Debatte ausfällt.

          Und manchmal bleibt von einer Debatte auf lange Sicht sogar nicht mehr, als ein unwichtiges Detail: Denn wer kann sich heute aus dem Duell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück noch an mehr erinnern, als an die „Deutschland-Kette“ der Kanzlerin?

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