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Vergeltung gegen Iran : Zehn Minuten vorher zieht Trump die Reißleine

Donald Trump hat einen Vergeltungsschlag gegen Iran angeblich 10 Minuten vor der Ausführung gestoppt. Bild: AP

Donald Trump hat einen Vergeltungsschlag gegen Iran in letzter Minute abgeblasen. Für die Zukunft ist eine militärische Reaktion der Amerikaner aber noch nicht vom Tisch.

          Die Entscheidung, die der amerikanische Präsident am Donnerstagabend im Oval Office traf, überraschte selbst seine engsten außen- und sicherheitspolitischen Berater. Eigentlich hatte Donald Trump schon seine Zustimmung zu einem begrenzten Militärschlag gegen Iran gegeben. Der Abschuss einer amerikanischen Drohne über internationalem Gewässer, wie Washington es darstellt, könne nicht unbeantwortet bleiben – so hatten es ihm jene Vertrauten gesagt, die sich seit Wochen für eine schärfere Gangart gegenüber dem Regime in Teheran aussprechen.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Der Vergeltungsschlag sollte nach iranischer Zeit am Freitag in den frühen Morgenstunden ausgeführt werden, um das Risiko zu begrenzen, dass Zivilisten und Militärs zu Schaden kommen. Der Einsatz befand sich schon in der letzten Vorbereitungsphase: Kampfflugzeuge waren in der Luft und Kriegsschiffe in Position. Doch kurz bevor die Marschflugkörper abgeschossen wurden, blies Trump den Einsatz ab.

          Am Freitagmorgen bestätigte der Oberbefehlshaber auf Twitter entsprechende Medienberichte: Die Waffen seien schon „geladen“ gewesen, um drei Ziele anzusteuern, als er gefragt habe: „Wie viele werden sterben?“ „150 Leute, Sir“, habe die Antwort eines Generals gelautet. „Zehn Minuten vor dem geplanten Schlag habe ich ihn gestoppt“, so Trump. Die Opferzahl sei als Reaktion auf den Abschuss einer unbemannten Drohne „unverhältnismäßig“. Er habe keine Eile. Die amerikanischen Streitkräfte, ohnehin die besten der Welt, seien durch ihn auf Vordermann gebracht worden. Die Sanktionen gegen Iran, die am Donnerstag noch einmal ausgeweitet worden seien, wirkten. Der für seine Impulsivität bekannt Trump machte seine engste Umgebung baff.

          Dass der Präsident schon den ganzen Donnerstag mit sich gerungen hatte, ließ sich in den Stunden zuvor im Weißen Haus beobachten, in denen er binnen kurzer Zeit mehrere sich widersprechende Botschaften verbreitet hatte. Kurz vor einem Treffen mit Justin Trudeau, dem kanadischen Premierminister, hatte er auf Twitter eine Warnung geäußert: „Iran hat einen sehr großen Fehler gemacht.“ Dann, beim Empfang Trudeaus im Weißen Haus, relativierte er das gleich wieder: Er rede davon, dass er das Gefühl habe, „jemand“ in der Kommandokette des Regimes habe einen Fehler begangen; dieser „jemand“ habe womöglich „unkontrolliert“ und „dumm“ gehandelt. Er habe seine Zweifel, dass der Abschuss am Mittwoch „mit Absicht“ erfolgt sei. Auf die Frage nach möglichen Reaktionen, erwiderte er: Das werde man bald sehen.

          Ein unabsichtlicher Fehler einer Einzelperson? Eine solche Erklärung würde plausibel klingen, wenn Teheran den Beschuss geleugnet hätte. Doch das Regime leugnet lediglich, dass es die Drohne im internationalem Luftraum abgeschossen habe. Außenminister Dschawad Zarif äußerte zur gleichen Zeit, als Trump sich in Washington äußerte, die Drohne habe iranischen Luftraum verletzt, Teile davon habe man in iranischen Gewässern gefunden. Sein Land wolle keinen Krieg, werde sich aber „mit Eifer verteidigen“ – zu Land, zu Wasser und am Himmel. Das klang nicht nach einem Fehler einer Einzelperson, aus welchen Motiven auch immer.

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