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Machtübergabe in Amerika : 72 Tage bitterer Vorgeschmack

  • -Aktualisiert am

Die Souvenirs liegen längst bereit im Schaufenster eines Ladens in Washington Bild: EPA

Knapp zweieinhalb Monate nach der Präsidentschaftswahl zieht Donald Trump am Freitag ins Weiße Haus ein. Hinter ihm und seinem Land liegt eine äußerst turbulente Übergangszeit. Die Mehrheit der Amerikaner bewertet sie negativ.

          Schon klar: Wenn man allen Umfrageergebnissen uneingeschränkt Glauben schenken könnte, hätte Donald Trump niemals amerikanischer Präsident werden können. Trotzdem dürfte es dem 70 Jahre alten Milliardär, dem seine eigenen Popularitätswerte ja bekannterweise sehr wichtig sind, durchaus missfallen, dass die Mehrheit seiner Landsleute zuletzt offenbar ziemlich unzufrieden mit ihm war.

          Laut Gallup-Institut stehen nur 44 Prozent der Amerikaner den Aktivitäten – und Entscheidungen – in Trumps präsidialer Vorbereitungszeit positiv gegenüber, 51 Prozent bewerten sie hingegen negativ. Das sind historisch schlechte Werte. Barack Obama hatte 2009 eine Zustimmung von 83 zu 12 Prozent. George W. Bush – wie Trump ein Präsident, der landesweit keine Mehrheit der Stimmen auf sich vereinen konnte – wusste nach der Wahl 2001 immerhin noch 61 Prozent der Amerikaner hinter sich, nur 25 Prozent sahen ihn negativ. Selten also war die amerikanische Bevölkerung auch nach (!) einer Präsidentschaftswahl so gespalten wie dieses Mal.

          Zehn Wochen sind seit der historischen Wahlnacht, als Donald Trump im Midtown Hilton in Manhattan seinen überraschenden Sieg feierte, vergangen. Danach ist viel passiert. Was für ein Präsident wird Trump sein? Die turbulente „transition period“ liefert einige interessante Erkenntnisse.

          Trump, der Schüler

          Es war ein überraschendes Bild. Andächtig nickend saß Donald Trump nicht einmal 48 Stunden nach der Wahl neben Barack Obama im Weißen Haus und ließ die Welt wissen, wie sehr er den scheidenden Präsidenten schätze und wie viel er bereits in diesem einem Gespräch von ihm gelernt habe, etwa über Obamas Gesundheitsreform. Ja, er denke sogar darüber nach, „Obamacare“ in Teilen zu erhalten, sagte Trump.

          Für einen Moment sah es tatsächlich so aus, als habe der politische Quereinsteiger Trump, der sich im Wahlkampf noch als allwissender Experte inszeniert hatte, so etwas wie eine gesunde Ehrfurcht vor seinem neuen Amt entwickelt. Ja, der President-elect verbringe viel Zeit damit, sich in Themen und Sachfragen einzuarbeiten, versichern seine Berater bis heute. Manch ein Beobachter attestiert ihm gar eine „steile Lernkurve“.

          Trump, der Spieler

          Schnell wurde allerdings klar, dass Trump trotz aller zur Schau getragenen Wissbegierde auch ein Spieler geblieben ist. Obamacare werde natürlich komplett abgeschafft, lässt er zum Ende der Übergangszeit wissen; das Verhältnis zu seinem Amtsvorgänger hatte sich da bereits wieder deutlich abgekühlt. Auch andere politische Gegner, auf die Trump nach der Wahl zunächst ein paar Schritte zugegangen war, wurden öffentlich abgewatscht.

          Hauptsache, die Show stimmt! Wie sehr der Reality-TV-Veteran es genießt, im Rampenlicht zu stehen, bekamen gerade die Bewerber auf die zu vergebenen Kabinettsposten zu spüren. Die Auswahl der Minister wurde zu einer Castingshow, wobei Trump und seine Leute den in der goldenen Lobby des Trump-Towers wartenden Journalisten immer gerade so viele Informationsbrocken hinwarfen, um die Gerüchteküche brodeln zu lassen. Ob Mitt Romney, der Trump im republikanischen Vorwahlkampf noch massiv kritisiert hatte, sich wirklich Chancen ausrechnete, zum Außenminister ernannt zu werden, werden wir wohl nie erfahren. In jedem Fall scheint Trump sein Spiel mit ihm genossen zu haben.

          Trump, der Boss

          Vor allem eines schien Trump in den letzten Wochen sein zu wollen: der Boss. Das verwundert nicht sonderlich, schließlich hat er diese Rolle jahrzehntelang hauptberuflich ausgefüllt. Wenig verwunderlich ist auch, dass er in seiner ersten Pressekonferenz als gewählter Präsident über seine Firma redete und seinen Söhnen drohte, dass er sie, sollten sie die „Trump Organization“ in seiner Abwesenheit nicht erfolgreich führen, in acht Jahren mit den legendären Worten „You're fired“ vor die Tür setzen werde.

          Verwundert dürften allerdings die Spitzen der amerikanischen Geheimdienste gewesen sein, als sich Trump auch ihnen gegenüber wie ein gereizter Chef verhielt. Er schwänzte geheime Briefings, machte sich über Erkenntnisse in Bezug auf mögliche russische Hacker-Angriffe lustig. Zuletzt warf er den Diensten sogar Nazi-Methoden vor.

          Trump wäre aber nicht Trump, wenn er sich als zukünftiger „Boss der Nation“ nicht immer wieder auch als erfolgreicher Macher inszenieren würde. Er verspricht Milliardeninvestitionen, feiert sich als Arbeitsplatzretter und droht ausländischen Unternehmen mit Strafzöllen. Als Präsident werde er liefern, das ist seine Botschaft.

          Trump, das Sensibelchen

          Der bereits erwähnte Streit um Geheimdienst-Erkenntnisse zur russischen Einmischung in den amerikanischen Wahlkampf brachte allerdings auch einmal mehr eine offenkundige Charaktereigenschaft Trumps hervor, die selbst wohlmeinende Beobachter und Berater zunehmend mit Sorge erfüllt – seine Dünnhäutigkeit. Ob von Journalisten, Fernseh-Komödianten, Bürgerrechtlern oder ausländischen Staatschefs: Trump scheint sich auch nach seinem Wahlsieg permanent provoziert zu fühlen. Und pöbelt dann, wenig präsidial, am liebsten via Twitter zurück.

          Schüler, Boss oder Racheengel: Welche Rolle wird Donald Trump als Präsident ausfüllen?

          Austeilen, ohne einstecken zu können: Ob „Sensibelchen“ Trump damit, wenn überhaupt, vor allem sich selbst oder auch seinem Amt oder gar seinem Land schaden werde, darüber streiten die Amerikaner in diesen Tagen leidenschaftlich. Viele, auch das zeigen die eingangs erwähnten Zahlen des Gallup-Instituts, sind bereits peinlich berührt angesichts ihres neuen Präsidenten, bevor dieser überhaupt die Amtsgeschäfte von seinem Vorgänger übernommen hat.

          Trumps offizielle Reaktion auf die aktuellen Umfrageergebnisse hätte übrigens kaum typischer ausfallen können: „Dieselben Leute, die die falschen Wahlumfragen gemacht haben und sich so geirrt haben, führen nun diese Popularitäts-Ratings durch“, schimpft Trump auf Twitter. Die einen Zahlen seien genauso „gefälscht“ wie die anderen.

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