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Schwerkranker Republikaner : Die schnelle Wandlung des John McCain

John McCain am Dienstag im Senat noch gezeichnet von einer Operation. Bild: AFP

Bis zuletzt wurde der schwerkranke John McCain noch mit freundlichen Genesungswünschen überhäuft. Nun wird er scharf kritisiert. Das hat mit seinem Verhalten im Senat zu tun.

          Es hat nur rund eine Woche gedauert bis John McCain vom meistgelobten zum bestgehassten Mann Amerikas geworden ist, zumindest in den sozialen Medien. Am vergangenen Mittwoch wurde bekannt, dass der amerikanische Senator an einem Hirntumor erkrankt ist. Daraufhin ergossen sich Mitleidsbekundungen aus allen Ecken über den 80 Jahre alten McCain. Parteifreunde aus der Republikanischen Partei, aber auch Demokraten und andere Bürger wünschten McCain viel Erfolg in seinem Kampf gegen den Krebs und rühmten den Kampfesmut des ehemaligen Jagdbomberpiloten.

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          Jetzt, nur sechs Tage später, gibt es Sätze wie diesen: „Möge er in der Hölle schmoren.“ Was ist passiert, dass in nicht einmal einer Woche die Emotionen so umgeschlagen sind? Die Antwort: McCain wandte dem Krankenlager den Rücken zu und kehrte in die Politik zurück. Seine Stimme war entscheidend, dass im amerikanischen Senat ein Vorschlag des Mehrheitsführers Mitch McConnell angenommen wurde, der es den Senatoren ermöglicht, über die Abschaffung der Gesundheitsreform des früheren Präsidenten Barack Obama, genannt Obamacare, zu debattieren.

          Kritik an eigener Partei

          Der Auftritt McCains im Senat war besonders von den Republikanern sehnlich erwartet worden, fehlte ihnen doch eine Stimme, um zumindest die Debatte über die Abschaffung von Obamacare in Gang zu bringen. Da schon zwei republikanische Senatoren angekündigt hatten, gegen das Vorhaben zu stimmen, hatten sie keine Mehrheit mehr. McCains Stimme brachte sie immerhin auf ein Unentschieden von 50 zu 50 Stimmen. Vizepräsident Mike Pence lieferte dann die entscheidende Stimme, die das Unentschieden in einen kleinen Sieg verwandelte.

          Dieses Engagement kreideten viele Bürger McCain, der seit 1982 im Senat sitzt, an. Der Washingtoner Matthew Yglesias schrieb auf dem Kurznachrichtendienst Twitter: „Es ist inspirierend zu sehen, wie McCain seine Gesundheit riskiert, damit eines Tages Millionen die einzigartige Freiheit erleben können, keine Versicherung zu haben.“

          Die Enttäuschung über McCain rührt aber nicht nur daher, dass er die Debatte über Obamacare ermöglichte, sondern auch von einer wahrgenommenen Diskrepanz zwischen seinen Worten und seinen Taten. Nach seiner Stimmabgabe trat McCain ans Mikrofon und ließ eine Rede vom Stapel, wie sie viele der Anwesenden wohl noch nie gehört hatten. McCain beschwerte sich über die tiefe Spaltung des Senats, darüber dass es keine Anstrengungen mehr gebe, mit dem politischen Gegner zusammenzuarbeiten. Auch seine eigene Partei kam nicht gut weg. Scharf kritisierte er den Mehrheitsführer McConnell, der wichtige Gesetzesvorhaben hinter verschlossener Tür nur mit Vertrauten erarbeite und die Arbeit nicht, wie vorgesehen, in den Ausschüssen stattfinden lasse. Der Senat bekomme deshalb nichts auf die Reihe: „We get nothing done“, sagte McCain.

          Auch sich selbst ließ der Republikaner nicht aus. Er habe auch zu der Spaltung beigetragen, sagte McCain. „Manchmal hat mein Temperament über meine Vernunft gesiegt. Manchmal habe ich es durch ein harsches Wort an einen Kollegen schwieriger gemacht, eine gemeinsame Position zu finden.“ Die vielen netten Dinge, die über ihn in der vergangenen Woche gesagt worden seien, hätten in ihm den Verdacht geweckt, die Menschen hätten ihn mit jemand anderem verwechselt.

          Gesetzesvorschlag abgeschmettert

          Einer, der solch nette Worte über McCain fand, war der amerikanische Präsident Donald Trump. Vor einer Woche wünschte er McCain, der unter den Republikanern als wortmächtiger Gegner Trumps aufgefallen ist, und seiner Familie alles Gute. Nach dem Auftritt McCains im Senat feierte er ihn auf Twitter. „Es ist so großartig, dass John McCain für die Abstimmung zurückgekommen ist. Mutiger – amerikanischer Held! Danke John!“, schrieb der Präsident. Noch im Wahlkampf hatte das anders ausgesehen. Da bezeichnete er McCain, der im Vietnamkrieg in Gefangenschaft geraten und gefoltert worden war, als Verlierer. Auch sprach er ihm den Status als Kriegsheld ab. Er sei nur ein Held, weil er gefangengenommen worden sei. Er möge Leute, die nicht in Gefangenschaft geraten seien, erklärte Trump auf einer Wahlkampfveranstaltung.

          Im Gegensatz zu seinen Worten stand dann aber McCains tatsächliches Verhalten – und zwar in der nächsten Abstimmung. Dabei ging es um die Abschaffung und den Ersatz von Obamacare. McCain stimmte dem Vorhaben zu – obwohl er vorher noch gesagt hatte, er werde das nicht tun, da dieser Entwurf nur „die Hülle eines Gesetzes“ sei. Zwar wurde der Vorschlag nicht angenommen, da sich zusammen mit den Demokraten auch neun Republikaner verweigerten; doch empfanden viele Kommentatoren sowohl in den sozialen als auch den traditionellen Medien dieses Verhalten als Verrat an den vorhergegangenen Worten.

          Er rechtfertigte sich mit dem Hinweis, er habe die Sache erst einmal ins Rollen bringen wollen, um dann zu sehen, was passiert. Er selbst ist gegen eine einfache Abschaffung von Obamacare, er will aber einen Ersatz oder zumindest eine Verbesserung. Er sei auch bereit dafür mit den Demokraten zusammenzuarbeiten, sagte er. Seine Rede schloss McCain mit dem Satz: „Ich habe fest vor, wieder hierher zurückzukehren und ihnen allen Grund zu geben, ihre freundlichen Worte zu bereuen.“ Viele Amerikaner tun das jetzt schon.

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