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Rede zur Lage der Nation : Und Bernie Sanders kratzt sich am Kinn

  • -Aktualisiert am

Bernie Sanders bei der Rede zur Lage der Nation Bild: Reuters

Wie war Donald Trumps Rede zur Lage der Nation? Manchmal verrät ein Gesichtsausdruck mehr als tausend Worte. Ein Stimmungsbild unter politischen Freunden und Feinden aus dem Kapitol.

          Am späten Nachmittag, dreieinhalb Stunden vor Donald Trumps Rede zur Lage der Nation, standen zwei herrenlose Plastiktonnen auf einem Flur in den Hallen des amerikanischen Kapitols herum, randvoll mit Holzscheiten. In einigen Büros des mehr als 200 Jahre alten Gebäudes macht man es sich an einem Abend wie diesem wohl immer noch gemütlich und setzt sich vor die Feuerstelle, um dem Präsidenten zuzuschauen, wie er sich das kommende Regierungsjahr vorstellt. Bloß kam nie so richtig knisternde Kaminzimmerstimmung in Trumps rund anderthalbstündiger Ansprache auf.

          Der gut heruntergekühlte Saal des Repräsentantenhauses, in dem der Präsident traditionell seine Rede hält, um die Abgeordneten von seiner Vision zu überzeugen, füllte sich gegen 20.20 Uhr allmählich, vierzig Minuten vor Trumps Auftritt. Auf der rechten Seite des Podiums standen diverse Gruppen von Demokratinnen zusammen und machten Selfies.

          Sie hatten sich fast ausnahmslos in weiß gekleidet, in Gedenken an alle Frauen, die über Jahrzehnte hinweg um das weibliche Wahlrecht gekämpft hatten. In dem sie umgebenden See aus grau-blau-schwarzen Anzügen stachen ihre weißen Blazer, Hosen und Kleider heraus wie Ketchup-Flecken auf einer gebleichten Tischdecke. Von der Gästetribüne aus betrachtet wirkten die weißen Tüpfelchen in den Sitzreihen – sprich die weiblichen Abgeordneten – wie eine Mahnung: dass sie immer noch eine deutliche Minderheit unter den vielen Anzug- und Krawattenträgern darstellen.

          Die Erfinderin des Begriffs „alternative facts“

          Diese Szene, das große Hallo unter den Frauen, es hätte auch ein zehnjähriges Abiturtreffen sein können, bei dem die Schülerinnen den Lehrerinnen in den Arm fielen. Nur dass diese Frauen sich wohl erst zehn Wochen lang kennen – seit ihren erfolgreichen Kandidaturen bei den Midterm-Wahlen im vergangenen November.

          In der Mitte des Saals, direkt vor dem Podium, stand Kellyanne Conway, Donald Trumps ranghöchste Beraterin im Weißen Haus und Erfinderin des Begriffs „alternative facts“. Niemand schien ihr das Solidaritätsmemo vorab geschickt zu haben; sie trug ein rotes Kleid. In der linken Hand hielt sie eine schwarze Clutch, lachte, schüttelte Hände, auch von weiß gekleideten Demokratinnen, die den Raum kreuzten, im Vorübergehen Halt machten, Nettigkeiten austauschten und weiter eilten. „She’s working the room“, wie die Amerikaner sagen.

          Die fünfzehn, vielleicht zwanzig Minuten, bevor der Präsident eintrifft, in denen die Fernsehkameras und Objektive schon längst auf das Gesehen gerichtet sind, muss man sich wie analoges Facebook vorstellen: Wer kennt wen, wer ist wie verbunden „Darf ich vorstellen?“; „Ach, hallo!“; „Schön, dich zu sehen“, „Wir müssen mal wieder“, „Na klar, bis bald!“

          Man drückt sich, man grüßt sich, man schüttelt Hände, man winkt. Subtil sind diese etwas übertrieben freundlichen Macht- und Sympathiegesten keineswegs, aber um ein bisschen Einfluss vorzugaukeln, reicht es allemal. Oder man macht es wie Bernie Sanders: Der Senator aus Vermont kam kurz vor Anpfiff, ging schnurstracks auf seinen Platz, schüttelte nur die nötigsten Hände und versank in seinem Stuhl.

          Loben, loben, loben – und an das Volk denken

          Der, der wohl wirklich Einfluss hat und den sie den mächtigsten Mann der Welt nennen, erschien um 21.02 Uhr durch die Haupttür und bahnte sich seinen Weg durch ein Spalier aus Schulterklopfern und Händeschüttlern. Donald Trump kam nur langsam voran, wie ein Lionel Messi auf dem Weg zu einer Siegerehrung – umringt von Gratulanten verlangsamte sich der Gang. Trump grinste. Daumen hoch. Hier ein Nicken, da eine Hand, die auf eine Schulter klopft. Er begrüßte Brett Kavanaugh, den umstrittenen Richter am Supreme Court, den er selbst für dieses Amt nominiert hatte, dann die Generäle in Uniform in der ersten Reihe.

          Eine Faustregel für die Rede zur Lage der Nation geht so: Die erste Hälfte ist ausnahmslos eine Ehrenrunde, egal wie mies die Geschäfte laufen. Loben, loben, loben und an das Volk denken. „Millionen Bürger sehen auf uns herab“, sagte Trump, „in der Hoffnung, dass wir nicht als zwei Parteien regieren, sondern als eine Nation.“ Es war der Moment, in dem Demokratin Nancy Pelosi, ranghöchste Politikerin im Repräsentantenhaus und somit Hausherrin des Abends, aufstand und Trump applaudierte.

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