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Keine Punkte gegen Trump : Amerikas Demokraten in der Krise

  • -Aktualisiert am

Die demokratische Senatorin Elizabeth Warren protestiert mit Anhängern vor dem Weißen Haus gegen die Abschaffung von Obamacare. Bild: AFP

Amerikas Demokraten wundern sich: Warum profitieren sie nicht von Donald Trumps Skandalen? Dabei hat Hillary Clintons einstiger Gegenkandidat Bernie Sanders vorgeführt, was die Partei jetzt braucht.

          Das Hudson Valley nördlich von New York ist ein beliebtes Ausflugsziel. Familien und begüterte junge Leute aus Brooklyn fahren hier gern hin, um Äpfel zu pflücken, Tiere zu streicheln – oder auch, um in Scheunen zu heiraten und nach Zweitwohnsitzen Ausschau zu halten. Die Dörfer sind hübsch hergerichtet, die Besucher geben ihr Geld in Galerien, Cafés und Boutiquehotels aus.

          In dieser Gegend wollte Zephyr Teachout, eine Juraprofessorin aus Manhattan, im vergangenen Jahr Kongressabgeordnete der Demokraten werden – und scheiterte. Sie war, wie so viele andere New Yorker, gerade erst zugezogen. Aber die Städter, die hier ihre Wochenenden verbringen, wählen natürlich in Manhattan und Brooklyn. Das Hudsontal ist einerseits immer noch eine ländliche, in Teilen strukturschwache Region mit hoher Arbeitslosigkeit – und andererseits wohnen hier alteingesessene, wohlhabende und eher konservative Familien.

          Feindbild: Ostküsten-Intellektueller

          Teachout und ihr Parteikollege Jon Ossoff, der es am Dienstag nicht schaffte, bei der Nachwahl in Georgia einen Kongressbezirk zu erobern, haben einiges gemeinsam: Beide sind jung, idealistisch und haben die besten Universitäten besucht. Ossoff ist eher liberal und wollte Innovation und junges Unternehmertum fördern, Teachout gehört zum linken Flügel der Partei. Beide wurden von einer Welle der Begeisterung getragen, die es schwer machte, die Schwächen ihrer Kampagnen zu erkennen. Und beide verkörpern damit auch die Krise der Demokraten, die sich zurzeit fragen, warum sie durch Donald Trumps Skandale nicht mehr Rückenwind bekommen.

          Ein Schlüssel zum Verständnis der Misserfolge ist die soziale und kulturelle Spaltung des Landes. Teachout war in Yale, Ossoff an der Georgetown-Universität. Die Ausbildung an den Elite-Universitäten des Landes, wo Generationen von Demokraten ihre politischen Ideale geformt haben, kostet jedes Jahr Zehntausende Dollar – und vielen Menschen ist die Welt, in der ihre Absolventen leben, fremd. Konservative haben den „Ostküsten-Intellektuellen“ auf dem Land über Jahrzehnte hinweg erfolgreich zu einem Feindbild gemacht.

          Karen Handel, die republikanische Siegerin der Kongress-Nachwahl in Georgia, artikulierte die modernste Variante dieses Feindbildes, indem sie Jon Ossoff entgegenhielt: „Ihre Werte sind dreitausend Meilen von Georgia entfernt. Ihre Werte liegen in San Francisco.“ Damit spielte sie auf die junge Tech-Elite an. Andere Küste, anderes Set von hoch ausgebildeten jungen Menschen – aber ein Angriff auf dieselbe offene Flanke der Demokraten: den Abstand zum normalen Bürger auf dem platten Land.

          Verlust der alten Wählerbasis

          Wer wissen will, warum die demokratische Partei Schwierigkeiten hat, kann auch nach Macomb blicken, einen Bezirk im Norden von Detroit. Wahlforscher untersuchen dort seit Jahrzehnten die Entwicklung der Partei. Stanley Greenberg, Politikwissenschaftler aus Yale, begleitete hier mehrere Präsidentenwahlen. Er lädt die Bewohner von Macomb in Gruppen ein, diskutiert mit ihnen über den Zustand des Landes. Denn der Bezirk gilt in vielem als repräsentativ.

          In Macomb konnten Arbeiter und die weiße Mittelklasse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehr komfortabel leben – hier feierte der „New Deal“ Erfolge und der Boom der Autoindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg garantierte Jobs. Investitionen in Arbeitsplätze und Infrastruktur machten sich direkt im Geldbeutel der Familien bemerkbar und führten zu Rekordergebnissen für die Demokraten. John F. Kennedy gewann hier die Präsidentenwahl 1960 mit 63 Prozent der Stimmen.

          An ihm arbeiten sich die Demokraten ab, aber an ihm kommen sie nicht vorbei: Donald Trump

          Doch in den 1970ern ging es bergab – in dem Maße, wie traditionelle Industriejobs durch die globale Krise verloren gingen, schwand auch die Zustimmung zur Partei. Gleichzeitig veränderte der Kampf von Schwarzen und Frauen für gleiche Rechte die Gesellschaft nachhaltig, löste aber auch Widerstand aus. 1984 gewann Ronald Reagan in Macomb mit 33 Prozentpunkten Vorsprung, und die Demokraten fragten sich, was passiert war. Sie engagierten Wahlforscher Greenberg.

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