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Polizeigewalt in Amerika : „Ein wiederkehrender Alptraum“

  • -Aktualisiert am

Eine Frau demonstriert in Minneapolis gegen die brutale Polizeigewalt gegen Afroamerikaner in Amerika Bild: AFP

Wieder ist ein Afroamerikaner nach einem brutalen Polizeieinsatz gestorben. Die beteiligten Beamten aus Minneapolis in Minnesota wurden entlassen. Ähnliche Fälle gehen häufig straflos aus.

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          Die Stimmung war angespannt am Dienstag in Minneapolis. Fernsehbilder zeigten, wie Polizisten mit Tränengas gegen Demonstranten vorgingen – einige sollen die Tränengas-Granaten zurück auf die Beamten geworfen haben. Mehrere Tausend Menschen hatten sich zunächst friedlich versammelt, um ihre Trauer über den Tod von George Floyd auszudrücken und gegen Rassismus und Polizeigewalt zu demonstrieren. Floyd, ein 46 Jahre alter Afroamerikaner, war nach einem brutalen Polizeieinsatz gestorben.

          Das Video eines Passanten verbreitete sich anschließend im Netz. Es zeigt, wie ein weißer Beamter Floyd mit seinem Knie am Genick zu Boden drückt. Minutenlang verharrt er so auf dem Mann, der stöhnt: „Bitte, bitte, bitte! Ich kann nicht atmen! Bitte, Mann!“ Ein Polizist fordert Floyd auf, sich zu „entspannen“. Das Opfer ruft nach seiner Mutter, und: „Mein Bauch tut weh, mein Hals tut weh, alles schmerzt!“ Weitere Menschen sammeln sich um Floyd und die Polizisten, einige protestieren lautstark gegen das Vorgehen. Ein Mann ist auf dem Video zu hören, der sagt: „Er ist nicht mehr ansprechbar!“ Einer der Polizisten widerspricht: Floyd könne schließlich noch reden, also atme er auch. Doch tatsächlich scheint er am Ende des Videos nicht mehr sprechen zu können. Der Beamte gibt den Mann erst acht Minuten nach Beginn der Aufnahme frei – als Sanitäter Floyd auf eine Trage laden. Kurze Zeit, nachdem die Aufnahmen entstanden, starb Floyd im Krankenhaus.

          Was genau passiert ist, bevor das Video einsetzt und woran Floyd später starb, sollen nun die Ermittlungen klären, die das FBI übernommen hat. Die vier an dem Einsatz beteiligten Polizisten wurden inzwischen entlassen. Der Bürgermeister der Stadt Minneapolis, Jacob Frey, bezeichnete dies am Dienstag auf Twitter als richtige Entscheidung. Die örtliche Polizei machte bislang spärliche Angaben zum Tathergang. Sie beschrieb, dass Floyd auf einem Auto gesessen habe und augenscheinlich betrunken gewesen sei, als die Beamten ihn antrafen. Ursprünglich seien sie gerufen worden, um ein Fälschungsdelikt aufzuklären. Die Beschreibung des Täters habe auf Floyd gepasst, der als Wachmann in einem Restaurant arbeitete. Der habe sich widersetzt, als die Beamten ihm Handschellen anlegen wollten. Die Beamten hätten auch bemerkt, dass sich der Mann in einer „medizinischen Notlage“ befunden habe, hieß es. Das Fixieren eines Verdächtigen in dieser Form sei eine reguläre polizeiliche Methode, berichteten Medien. Beamte würden geschult, um dabei keine Atemnot auszulösen.

          Floyd, ein 46 Jahre alter Afroamerikaner, war nach einem brutalen Polizeieinsatz gestorben.

          In den Vereinigten Staaten werden überproportional oft afroamerikanische Männer und immer häufiger auch Frauen Opfer von Polizeigewalt. Schwarze machen dreizehn Prozent der Bevölkerung aus, werden statistisch aber doppelt so oft von Polizisten getötet wie Weiße. Unter den Tätern finden sich Menschen aller Hautfarben, Fachleute gehen aber davon aus, dass institutioneller Rassismus eine wesentliche Ursache des Phänomens ist. Floyds Tod erinnert an ähnliche Fälle. Im Jahr 2014 starb der 43-jährige Eric Garner im New Yorker Stadtteil Staten Island, nachdem ihm der Polizist Daniel Pantaleo minutenlang im Schwitzkasten die Luft abgedrückt hatte. Auch Garner hatte elf Mal hintereinander gefleht: „Ich kann nicht atmen!“ Der Satz wurde zu einem Protestslogan der „Black Lives Matter“-Bewegung, die sich gegen Rassismus, Gewalt und Straflosigkeit stellt. Pantaleo kam später ohne Anklage davon. Erst im vergangenen Jahr wurde er nach lang anhaltenden Protesten entlassen und klagte danach auf Wiedereinstellung. In Baltimore, wo 2015 der 25-jährige Freddie Gray nach einer gewaltsamen Festnahme starb, kam es zumindest zur Anklage. Aber auch dort wurde keiner der sechs beteiligten Polizisten verurteilt.

          „Im grundlegenden menschlichen Sinne versagt“

          Gwen Carr, Eric Garners Mutter, sagte dem Sender NBC, das Video von Floyds Kampf um Atemluft sei „wie ein Déja Vu“ und ein „wiederkehrender Alptraum“ für sie. Vertreter der Stadt Minneapolis schienen kurz nach der Tat anzuerkennen, dass Floyd Opfer rassistischer Gewalt geworden sei. Bürgermeister Frey sagte, in Amerika schwarz zu sein dürfe „kein Todesurteil sein“. Ein weißer Polizist habe einem schwarzen Mann minutenlang sein Knie ins Genick gedrückt. Wenn jemand um Hilfe rufe, müsse man helfen. Die Beamten hätten „in grundlegendem menschlichen Sinne versagt“. Zahlreiche Politiker wie der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden drückten ebenfalls ihr Entsetzen und Mitgefühl aus. Floyds Cousine Tera Brown und Anwalt Ben Crump forderten in einem Fernsehinterview, dass der Polizist wegen Mordes angeklagt werden müsse.

          George Floyd ist für viele Menschen ein weiteres Opfer eines systemischen Rassismus in den Vereinigten Staatem, der jederzeit lebensgefährlich werden kann. Das Coronavirus bringt die strukturellen Benachteiligungen der Afroamerikaner zur Zeit besonders deutlich ins Bewusstsein. In den vergangenen Wochen wurde klar, dass Schwarze mehr als doppelt so häufig an den Folgen einer Infektion mit dem Virus sterben wie Weiße. Bei einem Bevölkerungsanteil von dreizehn Prozent machen sie laut einer Auswertung des „American Public Media Research Lab“ 25 Prozent der Todesfälle aus. In einzelnen Bundesstaaten haben Afroamerikaner eine drei- bis siebenfach höhere Wahrscheinlichkeit, an dem Virus zu sterben. Zu den Ursachen gehören weit verbreitete Armut, damit oft verbundene Vorerkrankungen sowie Arbeitsbedingungen, die Distanz zu anderen Menschen häufig nicht zulassen.

          Die Demonstranten in Minneapolis erinnerten am Dienstagabend daran, dass mehrheitlich weiße Bürger auch hier in den vergangenen Wochen für ein schnelles Ende der Schutzmaßnahmen demonstrierten – ohne Tränengas-Salven befürchten zu müssen.

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