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Wahlkampf der Trump-Gegner : Was wird aus Warren?

  • -Aktualisiert am

Elizabeth Warren spricht am Donnerstag vor ihrem Haus in Massachusetts mit Journalisten. Bild: AP

Auch Senatorin Elizabeth Warren steigt aus dem Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur aus. Ihre Anhänger hoffen auf einen Neuanfang, der sie so nah wie möglich ans Oval Office führt.

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          Sie brauche noch etwas Raum zum Nachdenken, sagte Elizabeth Warren am Donnerstag. Nachdem die Senatorin aus Massachusetts ihre Vorwahl-Kampagne beendet hatte, wollte sie weder dem Linken Bernie Sanders noch dem Favoriten der Moderaten, Joe Biden, eine Wahlempfehlung aussprechen. Durch Warrens Rückzug ist das vielfältigste Bewerberfeld, das die Demokraten je hatten, auf zwei alte, weiße Männer zusammengeschrumpft.

          Das Ende von Warrens Kampagne kam schrittweise. Im Herbst hatte sie in Umfragen noch weit vorn gelegen. Zuletzt hatte sie mit einem starken Debattenauftritt den inzwischen ebenso ausgeschiedenen Milliardär Mike Bloomberg beschädigt. Aber die ersten Vorwahlen zeigten deutlich, dass Warren keine Chance gegen die beiden Favoriten hatte. Die Siebzigjährige belegte in Iowa, New Hampshire, Nevada und South Carolina den dritten, vierten und fünften Platz. Auch am „Super Tuesday“, an dem die meisten Stimmen vergeben werden, konnte sie keinen Bundesstaat für sich erobern. Sogar in ihrer Heimat Massachusetts verlor sie gegen Biden.

          Warren, die früher Jura-Professorin an der Elite-Universität Harvard war und die Behörde für Verbraucherschutz im Finanzwesen ins Leben rief, ist für die Detailliertheit ihrer politischen Pläne bekannt. Die Senatorin, die als junge Frau einmal Republikanerin war, rückte in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter nach links. Mit Sanders teilt Warren unter anderem die Forderung nach einer gesetzlichen Krankenversicherung für alle Bürger. Aus ihrem Ausspruch „Ich habe einen Plan dafür“ wurde Warrens Motto. Ihre Fans hielten sie für eine etwas jüngere, weibliche, vielleicht wählbarere Alternative zu Sanders – dessen Anhängerschaft erwies sich aber als weit größer und demographisch breiter aufgestellt.

          Warrens Anhänger beklagten in den vergangenen Wochen, dass die großen amerikanischen Fernsehsender und Zeitungen ihrer Kandidatin zuletzt nicht so viel Platz eingeräumt hätten wie ihren männlichen Wettbewerbern. Dass Sexismus und Anti-Intellektualismus bei ihrem schlechten Abschneiden eine Rolle spielten, ist wahrscheinlich. Beispiele dafür fanden sich in zahlreichen Kommentaren von Journalisten, Politikbeobachtern und Privatpersonen. Immer wieder wurde über Warrens „likability“ diskutiert, ihrer Fähigkeit also, eine Sympathieträgerin sein zu können. Der „Boston Herald“ nannte sie selbstgerecht und brüsk, „New York Times“-Kolumnist Bret Stephens bezeichnete sie als eine „know-it-all“, eine Besserwisserin. „Amerika hat Elizabeth Warren für ihre Kompetenz bestraft”, kommentierte die Zeitschrift „The Atlantic“ ihr Ausscheiden. Frauen würden für Ehrgeiz, der ohne Entschuldigung und Selbstironie daherkomme, nach wie vor sanktioniert.

          Die Akribie, mit der die Senatorin an ihr politisches Programm ging, sei als „belehrend“ und „herablassend“ abqualifiziert worden. Das habe sich als unauflösliches, vielen Frauen vertrautes Dilemma erwiesen: Je mehr Warren ihre Eignung für das höchste Amt unter Beweis gestellt habe, desto „rechthaberischer“ hätten viele Männer sie gefunden. „Wenn Sie sagen, ja, es gab Sexismus in diesem Wahlkampf, dann sagen alle: ‚Jammerlappen‘“, so die Senatorin am Donnerstag. „Wenn Sie sagen, nein, da war kein Sexismus, dann denken Millionen von Frauen, auf welchem Planeten leben Sie?“

          Warrens Problem blieb, dass sie ihre Skeptiker nicht widerlegen und ihre Anhängerschaft nicht verbreitern konnte. Es waren vor allem Weiße mit College-Ausbildung und höheren akademischen Abschlüssen, die sich für die Senatorin begeisterten. Zu wenige also. Viele Afroamerikaner über vierzig favorisieren Biden, und Bürger ohne höhere Abschlüsse finden sich sowohl in dessen als auch in Sanders' Kampagne eher wieder. Auch viele Feministinnen aller Hautfarben halten zu Sanders, weil ihnen dessen Inhalte und die Stärke seiner Bewegung wichtiger sind als sein Geschlecht.

          Kandidatin für die Vizepräsidentschaft?

          In den letzten Tagen waren die Forderungen aus dem Sanders-Lager lauter geworden, Warren möge ihre Kandidatur zurückziehen. Viele hielten es für einen strategischen Fehler der Senatorin, dass sie am „Super Tuesday“ überhaupt noch im Rennen war. Sanders-Fans warfen ihr vor, keine „echte Progressive“ zu sein. Enttäuschte Anhänger von Warren, die sich auf Twitter äußern, wollen nun in der Tat für den Linken aus Vermont stimmen. Auch ihre bislang errungenen Delegierten könnten sich Sanders anschließen. Ob Sanders alle 64 ehemaligen Warren-Stimmen auf sich vereinen kann, ist aber noch offen.

          Im innerparteilichen Wahlkampf könnte Warren trotz ihres Rückzugs noch für wichtige Akzente sorgen. Möglicherweise wird ein Kandidat inhaltliche Forderungen übernehmen, die sie in die Debatte getragen hat. So gelten ihre Vorschläge zur Steuerreform und zur Krankenversicherung als besonders detailliert. Warrens Anhänger hoffen, dass die Senatorin ihre Vorstellungen an vorderster Stelle einbringen kann – als Kandidatin für die Vizepräsidentschaft etwa, im Kabinett eines demokratischen Präsidenten, oder gar als Mehrheitsführerin in einem zurückeroberten Senat.

          Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hatte es im Vorspann geheißen, mit Warren habe die letzte Frau ihre Ambitionen auf die Kandidatur aufgegeben. Tulsi Gabbard kandidiert jedoch noch.

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