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Wahlparty in Frankfurt : Ein Abend ohne Happy End

Eine Ehrengarde hält zu den Tönen der amerikanischen Hymne die amerikanische Flagge im „Gibson“ Bild: Stefanie Silber

In einem Frankfurter Club trifft sich die amerikanische Community zur Wahlparty. Es wird eine lange Nacht mit Popcorn, Hamburgern und einer Torte.

          Der Abend beginnt mit einer Schlange. Und er endet ohne Happy End. Oder besser: ohne Entscheidung. Denn als James Herman um halb vier auf die Bühne tritt und das Ende der Party verkündet, ist das Rennen um das Weiße Haus noch offen. Auf der großen Leinwand hinter dem amerikanischen Generalkonsul interpretieren die Moderatoren des Nachrichtensenders CNN die jüngsten Teilergebnis aus Florida und Virginia, aber ein Sieger ist noch lange nicht abzusehen. Herman dankt den Gästen für ihr Kommen und für ihr Stehvermögen – dann wird aufgeräumt. Und während im Fernsehen immer wieder die Formulierung „too close to call“ zu hören ist, leert sich der Saal.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Von den gut 1300 Gästen, die sechs Stunden zuvor zur offiziellen Wahlparty des amerikanischen Generalkonsulats in den Gibson-Club an der Frankfurter Zeil geströmt waren, sind die meisten zu diesem Zeitpunkt schon längst zuhause. Nur die Unentwegten stehen noch auf der Tanzfläche vor der Bühne oder sitzen am Rande auf tiefen Lederbänken. Müdigkeit macht sich breit, und weil das Rennen im fernen Amerika so zäh und unabsehbar ist, wird die Geduld aller auf eine harte Probe gestellt.

          Geduld wird den Gäste aber auch schon zu Beginn des Abends abverlangt. Wegen der strikten Sicherheitsvorkehrungen müssen sie um kurz vor zehn in einer langen Schlange vor dem Eingang des Clubs warten. Die Einlass-Kontrollen sind rigoros: nur geladene Besucher, keine Taschen, Ausweiskontrolle. Einzeln müssen die Gäste die Metalldetektoren passieren, dann können sie endlich aus der Kälte in die warmen Räume des Gibson herabsteigen.

          Der Generalkonsul tritt lässig auf

          Auf der Treppe riecht es nach Popcorn, im Saal spielt die Konsulats-Band und vor den Bars herrscht Gedränge. Viele Gäste tragen große Buttons mit der Aufschrift „I voted“, einige haben Hillary-T-Shirts übergestreift, mache sind mit roten „Make America great again“-Kappen gekommen. Überall ist das Licht von Kameras zu sehen, ein Dutzend Fernsehteams schiebt sich durch die Menge. Auf der als VIP-Bereich gekennzeichneten Galerie steht Uwe Becker und unterhält sich mit Kerry Reddington. Während der Frankfurter Stadtkämmerer ganz diplomatisch davon spricht, dass wohl der Beste das Rennen machen werde, ist der aus Kalifornien stammende und seit vielen Jahren in Frankfurt lebende Unternehmer ganz sicher: „Trump wird gewinnen, ist doch klar!“

          Ebenso überzeugt ist Dennis Phillips, allerdings vom Gegenteil. Der Dreiundsiebzigjährige ist Mitglied der „Democrats Abroad“ und sehr zuversichtlich, dass Hillary Clinton die Wahl gewinnt. „Um zwei Uhr ist es gelaufen, wenn Hillary Florida gewinnt“, sagt er mit breitem Lächeln. Trump sei eine Schande für Amerika, meint Phillips, der in Frankfurt schon für Barack Obama Wahlkampf gemacht hat und vor acht Jahren einer der Gründer der Gruppe „Rhein-Main for Obama“ war. „Der kann und darf nicht gewinnen.“

          Generalkonsul Herman – lässig mit Hut, Cargo-Hose und dunklem Hawaiihemd – schneidet derweil zusammen mit Kämmerer Becker auf einem Tisch vor der Bühne eine große Torte mit Motiven der Maskottchen der Republikaner und Demokraten – Elefant und Esel – an. Um die Zeit bis zu den ersten Ergebnissen zu überbrücken, spielt noch einmal die Konsulats-Band. Die Gäste, unter denen bemerkenswert viele junge Amerikaner und Deutsche sind, nehmen an einem „straw poll“, einer Probeabstimmung, und an einem Quiz teil, manche machen Selfies mit lebensgroßen Clinton- und Trump-Pappfiguren. Am Rande der Bühne gibt es Hamburger, Sandwiches und Gulaschsuppe.

          Jubel und Buhrufe

          Als um kurz nach eins dann der amerikanische Botschafter in Berlin, John Emerson, auf der großen Leinwand zugeschaltet wird und im Interview mit der Reporterin Sabine Müller erklärt, wie froh er sei, dass der „fiese Wahlkampf“ nun endlich ein vorbei ist, und wie zentral die deutsch-amerikanischen Beziehungen auch nach der Wahl sein werden, flimmern über die Bildschirme am Rande der Bühne die ersten Zwischenstände aus Florida: Trump liegt mit 51 Prozent vorn. Ein Raunen geht durch die Menge – und die ersten Gäste machen sich auf den Weg nach Hause.

          Eine knappe Stunde später haben sich die Reihen merklich gelichtet, vor den Bars ist plötzlich Platz, und auch auf der Tanzfläche stehen die Leute nicht mehr Schulter an Schulter. Jubel bricht aus, als die CNN-Moderatoren eine Reihe von Bundesstaaten Clinton zuschlagen, Buhrufe folgen, als anschließend einige Trump-Siege prognostiziert werden. Und als der Republikaner ein paar Minuten später die Führung in Florida übernimmt, wird es still im Saal.

          „Bete für uns“

          So zieht sich der Abend dahin. Um kurz vor drei ist kaum noch ein Drittel der Gäste übrig. Manche sind auf den bequemen Lederbänken eingeschlafen, andere vertreiben sich die Zeit damit, Selfies mit Generalkonsul Herman zu machen, der bereitwillig Dutzenden Fotowünschen nachkommt. Kerry Reddington ist noch immer zuversichtlich und lässt noch einmal wissen, wie wenig Verständnis er für jene Republikaner hat, die sich von ihrem Kandidaten distanziert haben. „Klar hat er Schwächen, aber man muss doch zu ihm stehen.“

          Eine dreiviertel Stunde später bläst der Generalkonsul zum Aufbruch. Während er ein letztes Interview gibt, und der CNN-Moderator nach den jüngsten Wasserstandsmeldungen aus Florida, Ohio, Virginia und North Carolina noch einmal betont, wie „erstaunlich gut“ die Wahl für Trump läuft, holen die Gäste ihre Jacken. Schließlich wird pünktlich um vier Uhr der Ton abgedreht. Die Leute wenden sich zum Gehen, und eine Amerikanerin flüstert zum Abschied: „Bete für uns.“

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