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Trump gewinnt Wahl : Das Undenkbare ist geschehen

Entsetzen am Times Square: Clinton-Wähler als die Auszählungsergebnisse einlaufen Bild: Reuters

Es ist eine historische Wahlnacht, an deren Ende ein historisches Ergebnis steht: Donald Trump wird der nächste Präsident der Vereinigten Staaten. Viele in New York hätten das nie für möglich gehalten - und jetzt ist ihr Entsetzen grenzenlos.

          Irgendwann an diesem denkwürdigen Abend, als sich die riesige Leinwand am Time Square in New York immer röter färbt, rot für Donald Trump, beginnen selbst die größten Hillary-Fans nervös zu werden. Der Abend verläuft ganz anders, als sie es erwartet haben, der Republikaner liegt selbst in Staaten in Führung, die in den Umfragen eigentlich eher der Demokratin zugeschlagen worden waren, in Wisconsin, Michigan, selbst in Pennsylvania. Sollte er doch näher an Clinton herankommen als erwartet?

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Es dauert nicht mehr lange, da wird den Clinton-Fans auf dem Time Square klar, dass es wohl noch viel schlimmer kommt: Trump ist nicht nur gleichauf, er hat plötzlich eine echte Chance, wirklich Präsident zu werden. Clinton hingegen ist in vielen Staaten viel schwächer als erwartet, auch wenn die Zahlen wegen der langwierigen Auszählung lange nur erste Hinweise sind. Doch es dauert nicht lange, bis die Menschen in Manhattan und die Beobachter in den Fernsehstudios nicht mehr über die vielen Staaten reden, die Trump gewinnen müsste, um ins Weiße Haus einzuziehen, sondern über die wenigen, mit denen es Clinton vielleicht doch noch schaffen könnte. 

          Schock als Florida an Trump geht

          Als sich um kurz vor elf auf der großen Leinwand auch Florida endgültig rot färbt, der so wichtige Swing-Staat, der allein 29 Wahlmännerstimmen bedeutet, sind die Demokraten auf dem Time Square geschockt. Viele hätten es nie für möglich gehalten, dass Trump jemals so weit kommen und überhaupt ein ernst zu nehmender Gegner für Clinton sein könnte. Und mancher, der jetzt ungläubig vor den Zahlen steht, dürfte sich noch allzu gut an den Juni 2015 erinnern, als Trump hier in New York seine Präsidentschaftskandidatur verkündete. Damals hielten die allermeisten das einen schlechten Scherz, mehr nicht. 

          Doch je später es wird, desto mehr vergeht den Clinton-Anhängern das Lachen. Vor allem, als irgendwann auch noch Ohio rot wird, der andere Swing-Staat, von dem vorher immer gesagt wurde, ihn müsse Trump auf jeden Fall gewinnen, wenn er überhaupt eine Chance haben wolle. Immer mehr Blicke richten sich jetzt plötzlich nach Michigan, einen Staat, den vor diesem Wahltag kaum jemand wirklich auf dem Schirm hatte. Die Beobachter beginnen hektisch zu rechnen: Gewinnt Trump auch dort, könnte das schon für die notwendigen 270 Wahlmännerstimmen reichen.  

          Bisheriges Ergebnis

          Vor dem Hilton-Hotel ein paar Blocks weiter nördlich, in dem Trump seine Wahlparty abhalten will, die jetzt vielleicht eine Siegesparty wird, stehen seine Fans schon seit dem frühen Abend, um für den Republikaner zu trommeln. Als dann langsam klarer wird, dass der Immobilientycoon eine echte Chance auf das wichtigste Amt der Welt hat, sind die Trump-Anhänger völlig aus dem Häuschen. „Drain the swamp“, legt den Sumpf in Washington trocken, rufen sie und schwenken Amerika-Flaggen. Die Stimmung ist euphorisch. „Er führt in Michigan und Florida, das ist toll. Er wird gewinnen“, sagt Keiran, ein junger Mann mit Trump-Kappe. Ein Amerika unter Trump werde vieler seiner Landsleute zuerst abschrecken und erschüttern, fürchtet  er. Aber das Land werde sich schon wieder zusammenraufen.

          Doch so optimistisch wie Keiran sind in New York an diesem Abend nur wenige. Die meisten, die man auf den Straßen befragt, sind eindeutig für Clinton - und jetzt, da es auf Trump hinausläuft, haben sie Angst vor dem, was auf Amerika zukommen könnte.  „Donald Trump ist eine Gefahr für das ganze Land, er ist rassistisch, sexistisch und islamophob. Seine Präsidentschaft wird verheerend für die Integrität Amerikas und seine Stellung in der Welt sein“, fürchtet Autumn Mortali, eine 22 Jahre alte Studentin aus Brooklyn. Aber es gibt auch Stimmen, die die ganze Aufregung um Trump nicht recht verstehen. „Ob Donald Trump oder Hillary Clinton, am Ende ist das doch völlig egal“, sagt Julian, ein junger Mann aus New York. „Beide haben ihre Vor- und ihre Nachteile“ - dass Trump das Land spalten werde, wie viele es jetzt befürchten, glaubt er nicht.

          Die Märkte stellen sich auf schwere Zeiten ein

          Doch die Finanzmärkte haben eine andere Antwort auf einen Präsidenten Donald Trump. Als Donald Trump am Abend immer klarer in Führung geht, erscheinen auf den Bildschirmen am Time Square die Kurse aus Asien. Sie stürzen ab, genau wie der mexikanische Peso, weil man im Nachbarland befürchtet, Trump könne als Präsident seine Ankündigung wahrmachen und eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen, um „bad hombres“ abzuhalten. Die Gold-Preise steigen hingegen in die Höhe. Die Märkte stellen sich vorsorglich schon einmal auf schwere Zeiten ein.

          Als um kurz nach drei in der Nacht endgültig klar ist, dass tatsächlich Trump ins Weiße Haus einziehen wird, tritt der Republikaner unter dem Jubel seiner Anhänger auf deine Bühne im Hilton Hotel. Gerade hat er einen Anruf von Hillary Clinton bekommen, bei dem sie Trump gratuliert und ihre Niederlage eingestanden hat. Trump dankt Clinton für ihre Arbeit im Dienste Amerikas, und auch danach schlägt er vergleichsweise versöhnliche Töne an. „Ich will der Präsident für alle Amerikaner sein“, ruft er seinen Anhängern zu. „Jetzt ist es Zeit, uns zu vereinen.“ Aber wird das reichen? An diesem historischen Wahlabend wirkt Amerika gespalten wie selten zuvor.

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