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Vorwahlen in Iowa : Mit Gott für Trump

Im Auftrag des Herrn: Kraig Moss vor dem Trump-Truck von Julian Raven Bild: Ross

Wie immer vor der Wahl eines neuen amerikanischen Präsidenten richten sich alle Blicke nach Iowa. Hier fangen alle Kandidaten ganz unten an.

          Marlin Bontrager hastet durch den Stall, um seinem Sohn Joshua beim Melken zu helfen. Mit Papiertüchern reibt er die Euter der Kühe ab. „Meine Tage sind jetzt dreigeteilt“, sagt er: „Die Farm, die Mission und die Kampagne.“ Die Farm, das sind vier Dutzend Holstein-Kühe, zwei Ställe voller Mastferkel und zweihundert Hektar Mais unter einer dünnen Schneeschicht im Osten Iowas. Die Mission, das sind monatelange Konzerttourneen, auf denen der baptistische Bauer, seine Frau Becky und seine Kinder Chelsy, Mitchell, Allison, Carson, Joshua, Denver, Taylor, Elizabeth, Hudson und Rebecca von Gott singen. Die Kampagne, das ist der Wahlkampf des Republikaners Ted Cruz. „Ich bin jetzt 48 Jahre alt“, sagt Marlin Bontrager, „aber ich habe noch nie einen Kandidaten für das Weiße Haus erlebt, der meine Werte vertritt wie Cruz.“

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Vor dem Melken ist der 18 Jahre alte Joshua wieder einmal von Hof zu Hof gefahren und hat die Nachbarn aufgefordert, am Montagabend in der Parteiversammlung ihres Bezirks für Cruz zu stimmen. Seine Brüder Mitchell und Denver sitzen seit Stunden unter einem ausgestopften Hirsch im Arbeitszimmer und rufen fremde Leute in ganz Iowa an. Die Nummern gibt ihnen eine App der Cruz-Kampagne vor. Vater Marlin spinnt derweil ein nationales Netz. Er hat die Gruppe „Homeschoolers for Cruz“ mitbegründet. Keines seiner Kinder hat je eine Schule besucht. Und auf ihren Tourneen haben die „Bontrager Family Singers“ Tausende Familien kennengelernt, die sich ebenfalls für Hausunterricht entschieden haben. Mit ihnen treten sie nun in Kontakt.

          Die ersten Entscheidungen fallen

          Wenn die Bontragers in einem ihrer Riesentraktoren oder in dem 14 Meter langen Tourbus den Hof verlassen, müssen sie Acht geben. Auf den Schotterstraßen sind Amische mit schmalen, schwarzen Pferdekutschen unterwegs. Seit 170 Jahren sind die strenggläubigen Reformierten in der Gegend heimisch. Washington und sein Hauptstadt-Zirkus scheinen hier weit, weit weg. Doch zu Beginn jedes Wahljahres verwandelt sich Iowa mit seinen zwanzig Millionen Schweinen, drei Millionen Menschen und zwei Millionen registrierten Wählern in das wichtigste Aufmarschgebiet der amerikanischen Politik.

          Wenn am Montagabend die ersten Entscheidungen im Vorwahlkampf fallen, dann wird der Republikaner Cruz in dem Staat bereits 150 Auftritte absolviert haben. Die Demokratin Hillary Clinton wird in mehr als hundert Privathäusern, Turnhallen oder Pizzerien von Iowa Hände geschüttelt und Selfies geknipst haben, ihr Rivale Bernie Sanders sogar fast hundertsechzigmal. Noch wichtiger ist nur das Heer von Freiwilligen. Ist es in allen 99 Landkreisen strategisch aufgestellt? Kann es in jedem der 1681 Stimmbezirke dafür bürgen, dass die richtigen Leute am Montagabend zum „Caucus“ gehen, wo die Stimmen abgegeben und gezählt werden?


          So funktionieren die Vorwahlen in Amerika

          © AP

            In den Vereinigten Staaten haben die Vorwahlen für die Präsidentenwahl begonnen. Die Bewerber müssen sich den Voten der Wähler in den Bundesstaaten stellen. Doch wie funktionieren die Vorwahlen eigentlich?

            Warum gibt es überhaupt Vorwahlen?

            Die Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten wird zwar erst im November stattfinden, doch schon jetzt beginnt die heiße Phase. Anders als etwa in Deutschland üblich werden die Kandidaten der jeweiligen Partei nicht von der Parteiführung oder einem Parteitag bestimmt, sondern in Vorwahlen. In jedem Bundesstaat finden sogenannte „Caucuses“ und „Primaries“ statt. Die dort gewählten Delegierten fahren dann zum jeweiligen Parteikongress. Die Demokraten veranstalten diesen vom 25. bis zum 28. Juli in Philadelphia, die Republikaner vom 18. bis zum 21. Juli in Cleveland. Erst dort werden die jeweiligen Präsidentschaftskandidaten gekürt.


            Wie funktioniert ein „Caucus“?

            Ein „Caucus“ ist eine Wahlversammlung auf Bundesstaatsebene, deren Teilnehmer über die Kandidaten diskutieren und schließlich abstimmen. „Caucuses“ werden oft als besonders demokratisch gelobt, da es einen direkten Austausch der Wähler über die Kandidaten gibt. Als Nachteil wird genannt, dass die Versammlungen oft an Arbeitstagen stattfinden und lange dauern – und damit in der Regel nur solche Wähler kommen, die ohnehin politisch engagiert sind. In der Vergangenheit war die Beteiligung an den „Caucuses“ deshalb oft geringer als an den „Primaries“. Sowohl die Demokraten als auch die Republikaner veranstalten in diesem Jahr 17 solcher Versammlungen.

            Um in den Vereinigten Staaten wählen zu können – und auch, um an den Vorwahlen teilnehmen zu können – müssen sich die Wahlberechtigten bei den Behörden ihres Bundesstaates registrieren lassen. In einigen Staaten müssen sie dabei ihre Parteipräferenz angeben, werden also als Demokrat, Republikaner oder Unabhängiger geführt. An einem geschlossenen „Caucus“ dürfen nur registrierte Wähler der jeweiligen Partei teilnehmen. An einem offenen „Caucus“ dürfen auch registrierte Wähler der jeweils anderen Partei sowie Unabhängige teilnehmen – allerdings darf jeder Wähler nur zu einem „Caucus“. Welches Prozedere angewendet wird, entscheidet die Partei des jeweiligen Bundesstaates.


            Was ist eine „Primary“?

            Die „Primaries“ sind ähnlich organisiert wie die Präsidentschaftswahlen. Jeder Bundesstaat legt ein Datum fest, an dem die Wähler in ihrem Wahllokal abstimmen können. Der Bundesstaat organisiert auch die Auszählung der Stimmen. Beide Parteien tendierten in den vergangen Jahrzehnten zu „Primaries“, da sie diese im Gegensatz zu den „Caucuses“ nicht selbst organisieren und finanzieren müssen.

            Auch bei den „Primaries“ gibt es mehrere Varianten. Bei geschlossenen „Primaries“ dürfen nur die registrierten Wähler einer Partei abstimmen. Unabhängige Wähler dürfen nicht teilnehmen. Bei halboffenen „Primaries“ können sich Unabhängige bei einer der beiden Parteien beteiligen. In einer offenen „Primary“ darf sich jeder Wähler an der Abstimmung der Partei seiner Wahl beteiligen. Welche Form genutzt wird, entscheidet der Bundesstaa.

            In diesem Jahr finden 40 „Primaries“ statt. Zusammen mit den „Caucuses“, kommt man auf 57 Wahlen, obwohl Amerika nur 50 Bundesstaaten hat. Das kommt daher, dass auch im District of Columbia abgestimmt wird, die Briefstimmen von amerikanischen Bürgern im Ausland als eigene Wahl zählen und auch die Bürger in den Überseeterritorien der Vereinigten Staaten, Amerikanisch Samoa, Guam, Nördliche Marianen, Jungferninseln und Puerto Rico, über die Kandidaten der Parteien abstimmen – obwohl sie nicht an der eigentlichen Präsidentenwahl teilnehmen dürfen.


            Nach welchem Prinzip werden die Delegiertenstimmen verteilt?

            In den Vorwahlen der Demokraten gilt das Verhältnisprinzip, ein Kandidat bekommt für den Parteikongress also die Anzahl an Delegiertenstimmen zuerkannt, die der Prozentzahl seiner Wählerstimmen entspricht. Erhält ein Kandidat 60 Prozent der Wählerstimmen, bekommt er auch 60 Prozent der Delegiertenstimmen des jeweiligen Bundesstaats. In fast allen Staaten gibt es dabei ein Hürde: Ein Kandidat bekommt nur Delegierte zugesprochen, wenn er eine bestimmte Prozentzahl – meist 15 Prozent – der Wählerstimmen erringen konnte.

            Die Republikaner verfahren in vielen Bundesstaaten ebenfalls nach diesem System. In einigen ist es jedoch möglich, dass der Kandidat mit den meisten Stimmen alle Delegierten erhält. In anderen Staaten bekommt ein Kandidat sämtliche Wahlmänner zugesprochen, wenn er mehr als 50 Prozent der Wählerstimmen erhält.


            Wie viele Delegierte gibt es pro Bundesstaat?

            Die Parteien legen fest, wie viele Delegierte ein Staat zum Nominierungsparteitag entsenden darf. Bei den Demokraten beruht die Anzahl auf zwei Faktoren: Zum einen darauf, wie viele Stimmen der demokratische Präsidentschaftskandidat der vergangenen drei Wahlen aus dem jeweiligen Staat bekommen hat und zum anderen darauf, wie viele Wahlmänner der Staat ins Gremium zur Wahl des Präsidenten schickt.

            Die Republikaner bestimmen je Wahlbezirk drei Delegierte. Hinzu kommen für jeden Staat mindestens zehn weitere – abhängig unter anderem davon, ob der Staat einen republikanischen Gouverneur hat, eine republikanische Mehrheit im Staatsparlament und wie viele republikanische Abgeordnete im Kongress in Washington.

            In Iowa zum Beispiel, dem Staat, in dem die Vorwahlen beginnen, wählen die Demokraten 44 Delegierte, die Republikaner 30. Die wenigsten Delegierten gibt es bei den Demokraten in Amerikanisch Samoa mit vier, bei den Republikanern haben alle Überseeterritorien bis auf Guam neun Delegierte. Die meisten Delegierten bringt in beiden Parteien das bevölkerungsreiche Kalifornien ein. Die Republikaner vergeben dort 172 Stimmen und die Demokraten 476.


            Was wird von den Delegierten erwartet?

            Die in den „Caucuses“ und „Primaries“ bestimmten Delegierten sind beim jeweiligen Parteikongress daran gebunden, für den Kandidaten zu stimmen, für den sie gewählt wurden. Es gibt bei den Parteitagen jedoch auch unabhängige Delegierte, die frei abstimmen dürfen. Das hat strategische Gründe: Bei unklaren Verhältnissen sollen sie für das aus Parteisicht bessere Ergebnis sorgen. Die unabhängigen Delegierten werden von der Partei bestimmt – meist sind es aktuelle oder ehemalige Amtsträger.


            Wie viele Delegiertenstimmen brauchen die Kandidaten?

            Um die Nominierung der Partei zu erringen, braucht ein Kandidat mindestens die Stimmen der Hälfte der Delegierten plus einen. Bei den Demokraten entspricht das in diesem Jahr voraussichtlich 2026 Delegiertenstimmen. Der republikanische Bewerber muss wahrscheinlich 1051 Delegiertenstimmen auf sich vereinen.



          Die Bontragers lassen nichts unversucht. „Als ich heute früh zum Haareschneiden ging“, sagt Mutter Becky, „war die Friseurin noch unentschieden. Als ich ging, war sie es nicht mehr.“ Warum Cruz? Marlin Bontrager nennt fünf Gründe: Weil er Gott liebe und gottgefällig lebe. Weil er die Religionsfreiheit achte. Weil er die Ehe als einen Bund von Mann und Frau begreife. Weil er den Bürgern ihre Waffen lasse. Und weil er das ungeborene Leben schütze. Der 45 Jahre alte Senator verstehe, ergänzt Becky Bontrager, dass die Familie der Kern jeder gesunden Kultur sei. „Wenn wir uns wieder darauf besinnen könnten, wären wir den Großteil unserer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme los.“ Hätte sie ein Geschäft, sagt die zehnfache Mutter und Hauslehrerin noch, dann wäre es wahrscheinlich ein Catering-Betrieb. „Und da würde ich mich nicht zwingen lassen wollen, auch das Buffet für eine Hochzeit von Homosexuellen zuzubereiten.“ Sohn Denver sagt: „Ich bin für Cruz, weil er uns vor Terroristen beschützen und die Steuern senken wird.“ Er kenne keinen Politiker, fügt der Sechzehnjährige hinzu, „der so wahrhaftig ist wie Ted Cruz“.

          Becky und Marlin Bontrager sind als Mennoniten aufgewachsen, nachdem ihre Eltern jeweils die Amischen mit ihren strengen Regeln verlassen hatten. Beide haben mennonitische Dorfschulen mit weniger als hundert Schülern besucht. Sie glauben nicht, dass sie ihren Kindern etwas Wertvolles vorenthalten. Im Gegenteil: „Wir sind froh, dass wir ihnen die ordinäre Sprache, die Sexualkunde und die sogenannte Kultur aus Hollywood-Filmen und Videospielen ersparen können.“ Einen festen Stundenplan gibt es für die Bontrager-Kinder nicht. „Wenn sie aufwachen, lesen sie zunächst in der Bibel“, erzählt Mutter Becky. „Danach frühstücken wir alle zusammen, und mein Mann liest uns aus der Bibel vor.“

          Außenseiter mit komischem Namen

          Den Rest des Tages sind Tiere zu füttern, Matheaufgaben zu lösen, Mahlzeiten zu kochen und Lieder zu üben. Wenn die Familie auf Tournee ist, unterrichtet Becky im Tourbus. Wochenlang begnügt sich die zwölfköpfige Familie dann mit neun schmalen Matratzen und einer Toilette. Bis vor zwei Jahren musste Becky Bontrager der Behörde für jedes Kind einen Lehrplan einreichen. Vor zwei Jahren hat Iowa diese Auflage abgeschafft. Es gibt hier viele Evangelikale.

          Und es gibt linksliberale Enklaven. Rund fünfzig Meilen nordöstlich der Bontrager-Farm steht Liz Sparks im College-Städtchen Mount Vernon am Ausgang einer Gemeindebücherei und versucht, nicht in Selbstzufriedenheit zu verfallen. Die 63 Jahre alte Frau hätte allen Grund dafür, denn sie hat rund achtzig Leute zu einer Kundgebung für Hillary Clinton gelockt. Das ist kein kleines Publikum zur Mittagsstunde an einem eiskalten Freitag in einem 3200-Seelen-Ort, zumal es am anderen Ende der Straße Konkurrenz gibt: Clintons Mitbewerber Martin O’Malley tritt in der Hochschule auf. Aber Selbstsicherheit ist gefährlich, das hat die Frau mit dem weißen Bubikopf 2008 gelernt. „Damals haben wir Hillarys Sieg für gesichert gehalten und Barack Obama nicht ernst genommen“, sagt Liz Sparks. Der Außenseiter mit dem komischen Namen gewann.

          Die Farm, die Mission, die Kampagne: Mitchell (links) und Denver Bontrager sammeln Stimmen für Cruz.

          Eindringlich ermahnt die frühere Anwältin alle Gäste, dass es beim Caucus auf jede einzelne Stimme ankomme. Die Leute im Saal erzählen einander, wie oft sie Hillary Clinton oder ihrem Mann Bill schon die Hand geschüttelt haben. In Iowa kennt man die politische Prominenz eben aus der Nähe. Diesmal ist aber die Kandidatin nicht selbst da. Vier demokratische Senatorinnen sind aus Washington gekommen und verbreiten Frauenpower. Damit stehen in der kleinen Bücherei jetzt immerhin ein Fünftel aller amtierenden Senatorinnen, und neun Prozent aller Senatorinnen der amerikanischen Geschichte. „Jede von uns ist die erste Frau, die ihren Staat je im Senat vertritt“, sagt Tammy Baldwin aus Wisconsin. „Und dazu wäre es vielleicht nie gekommen, wenn nicht vor langer Zeit eine First Lady nach Peking gefahren wäre und verkündet hätte, dass Frauenrechte Menschenrechte sind!“ Hillary Clinton hatte das 1995 vor der UN-Frauenkonferenz gesagt.

          Claire McCaskill aus Missouri blickt durch die Reihen und erzählt: „Meine Mutter nahm mich früher in genau solche Versammlungen mit, und ich fragte sie: ,Warum wird nie eine Frau Präsidentin?‘ Meine Mutter antwortete: ,Eines Tages, wenn eine Kandidatin schon Erfahrung als First Lady, Senatorin und Außenministerin gesammelt hat, dann wird es soweit sein.‘“

          Mazie Hirono, die Hawaii im Senat vertritt und in Iowa schrecklich friert, zählt zur Parteilinken. Sie gibt gleich zu, dass ihr der erklärte Sozialist Bernie Sanders oft aus dem Herzen spreche. „Aber jetzt ist es Zeit für eine Frau!“ Im Lädchen gegenüber habe sie eben einen kleinen Hammer aus Glas gekauft, sagt die fröstelnde Senatorin. Sie spielt auf den berühmten Satz an, mit dem sich Clinton 2008 Obama geschlagen gab: „Auch wenn wir diesmal die höchste gläserne Decke nicht zertrümmern konnten, so hat sie jetzt doch rund 18 Millionen Risse bekommen.“

          Unentschlossene Wahlberechtigte

          Im Wahlkampf hatte Clinton damals stets beteuert, dass sie sich nicht „als Frau“ bewerbe. Diesmal ist das anders. Clinton bezeichnet sich als Feministin und tritt mit dem Chef des größten Abtreibungsanbieters „Planned Parenthood“ auf. Auch das kommt in Iowa gut an - jedenfalls in Orten wie Mount Vernon. „Gerade wir Babyboomer“, sagt Liz Sparks, „haben uns lange gesehnt, für eine so erfahrene Frau stimmen zu können.“

          Auch die meisten Männer in der Bücherei sehen das so. „Nur muss einer der Kollegin aus Hawaii sagen“, lästert einer, „dass man einer gläsernen Decke am besten nicht mit einem gläsernen Hammer zu Leibe rückt.“ Liz Sparks will etwas erwidern, aber da sieht sie im Augenwinkel, wie ein anderer Gast den Raum verlässt. Mit beherztem Griff packt sie ihn am Arm. „Kann ich mich jetzt auf dich und Judy verlassen?“, fragt sie ohne Umschweife. „Auf Judy ja“, sagt der Mann und deutet auf seine Frau, „aber ich schwanke noch zwischen Hillary und Bernie.“

          Hillary Clinton spricht in einem Familienzentrum vor einer Bowlingbahn zu den Bewohnern von Iowa.

          An diesem Wochenende wird Sparks sich noch ein letztes Mal über ihre Listen beugen. Sie weiß von 147 unentschiedenen Demokraten im Ort. Außerdem gibt es 52 Wahlberechtigte, über deren Absichten sie noch gar nichts in Erfahrung bringen konnte. Schon im April, kaum dass Clinton ihre Kandidatur offiziell erklärt hatte, war Sparks gebeten worden, alte Adresslisten auf den neuesten Stand zu bringen. „In Wirklichkeit hatten wir aber schon im Sommer 2014 damit begonnen“, sagt die Rentnerin, die für den Aufwand nicht entlohnt wird. „Mit einem Call-Center kommst du in Iowa nicht weit“, erklärt sie. „Aber wenn jeder von uns mit seinen Nachbarn und Kollegen spricht, dann können wir viel erreichen.“

          Julian Raven und Kraig Moss haben weder Nachbarn noch Kollegen in Iowa. Sie leben im Staat New York, wo sie sich kurz vor Weihnachten zum ersten Mal begegnet sind. Doch seit einem Monat fahren die beiden Männer mit einem Lastwagen durch Iowa und werben für Donald Trump, auf eigene Faust. Niemand gibt ihnen Geld dafür. Er folge einem göttlichen Ruf, erklärt Raven. Moss sagt, er folge Raven. Julian Raven ist gebürtiger Brite und wuchs in Spanien auf. Er malte Bilder und betrieb drei Nachtclubs in Marbella: „Sex, Drogen, Rock’n Roll und ein bisschen Kunst, das war mein Leben“, sagt Raven.

          Vor zwanzig Jahren zog er nach Amerika und fand zu Gott. Eines Morgens im vorigen Herbst will er mit einer Vision aufgewacht sein. Zwei Monate lang, so schildert er es, verschanzte er sich danach in seinem Atelier, 16 Stunden am Tag. Heraus kam ein etwa zwei mal fünf Meter großes Gemälde. Es zeigt einen wütend wirkenden Adler, der mit seinen Krallen die amerikanische Flagge zu zerfetzen scheint - und daneben als Pol der Ruhe einen resoluten Donald Trump. „Furchtlos und schamlos“, hat Raven das Bild genannt. „Trump sagt, was er denkt, und er schämt sich nicht, Amerikaner zu sein“, erklärt der Künstler, der selbst erst seit wenigen Monaten Amerikaner ist. „Mal ehrlich: Dieser Kerl hat Eier aus Stahl!“

          Donald Trump lebt vom Regelbruch

          Je mehr er las, desto überzeugter war Raven davon, dass Gott Trump auserwählt habe, um Amerika zu retten. Er mietete den Laster, ließ sein Gemälde auf dessen Seitenwände drucken und machte sich auf die Tausend-Meilen-Reise nach Iowa. Jeden Abend betet er über Skype mit seiner Frau und seinen drei Teenagern. Um sich den Truck leisten zu können, musste Raven einiges von seinem Werkzeug verkaufen. So lernte er Kraig Moss kennen. Der Bauarbeiter mit dem Cowboyhut, der in seiner Freizeit Country-Lieder singt, kaufte ihm für 800 Dollar alte Gerätschaften ab. Moss erzählte Raven, dass er zum ersten Mal in seinem Leben wählen werde - natürlich Trump. Die Männer blieben in Kontakt.

          Moss macht eine schwere Zeit durch. Sein 24 Jahre alter Sohn ist vor zwei Jahren an einer Überdosis Heroin gestorben. Raven überredete Moss, für ein Wochenende nach Iowa zu kommen, um auf einer kleinen Pro-Trump-Kundgebung zu musizieren, die er organisieren wollte. Moss verkaufte das von Raven erstandene Werkzeug wieder, um den Flug zu bezahlen. Es gefiel ihm in Iowa. Fremde Leute winken den Männern aus New York freudig zu, hupen dreimal oder recken den Daumen in die Höhe, wenn sie den Trump-Truck sehen. Moss ließ seinen Rückflug verfallen und blieb bei Raven. Seit Wochen touren die beiden Männer nun durch den Staat. Oft schlafen sie auf den Sofas von Leuten, die sie kurz vorher kennengelernt haben. Ein Trump-Fan aus Florida hat ihnen per Twitter Bonuspunkte seines Vielfliegerprogramms für eine Gratis-Übernachtung im Hotel versprochen. „Und zum Essen“, sagt Kraig Moss, „reicht mir ein Wurstbrot.“

          Werden wohl keine Freunde mehr: Donald Trump und  Fox-News-Moderatorin Megyn Kelly

          Trump ist erst fünfzigmal in Iowa aufgetreten. Er hat inzwischen einsehen müssen, dass man sich Hilfe, wie Ted Cruz sie von den Bontragers oder Hillary Clinton von Liz Sparks erhält, nicht einfach kaufen kann, erst recht nicht im letzten Moment. Doch Trump lebt vom Bruch eherner politischer Regeln. Am Donnerstag boykottierte er die Fernsehdebatte der Republikaner in Iowas Hauptstadt Des Moines, weil der Sender Fox News nicht bereit war, eine ihm missliebige Moderatorin auszutauschen. Wieder überschlugen sich die Kommentatoren in Häme. Doch für eine hastig anberaumte Veteranen-Gala, die Trump drei Kilometer von der Debatte entfernt ausrichtete, standen schon vier Stunden vor Beginn mehr als tausend Menschen bei Minusgraden Schlange - Hunderte mehr, als der Saal später fassen würde. Als Julian Raven das sieht, vertreibt diebische Freude kurz den feierlichen Ernst in seinen Worten. „Jeden Tag fällt ihm etwas Neues ein“, frohlockt er, „und keiner von den anderen weiß, wie ihnen geschieht.“

          Bete oder werde Beute

          Raven und die Familie Bontrager sind sich immerhin darin einig, dass Amerika am Abgrund stehe. Marlin Bontrager sagt, für das Land stehe so viel auf dem Spiel wie zuletzt im Zweiten Weltkrieg und davor zu Abraham Lincolns Zeiten. Denn der nächste Präsident werde bis zu vier Oberste Richter ernennen - „und das, wo wir nur noch eine Richterstimme vom endgültigen Verlust unserer Freiheit entfernt sind“. Bontrager begreift nicht, dass sich zuletzt immer mehr Evangelikale für Trump ausgesprochen haben. „An diesem Mann ist doch rein gar nichts biblisch“, schimpft der Landwirt. Er erinnert daran, dass Trump sich einmal brüstete, „Sex mit den schönsten Frauen der Welt gehabt zu haben“. Dass er kürzlich versicherte, Gott noch nie um Vergebung gebeten zu haben. Und dass sich seine dritte Ehefrau nackt für das britische Männermagazin „GQ“ fotografieren ließ. „Wie könnten wir so jemanden zum Oberbefehlshaber machen?“

          Müsste Julian Raven das nicht auch so sehen? Schließlich lautet sein Lebensmotto: „Pray or be prey“ - Bete oder werde Beute. Aber er ist sich seiner Sache sicher. „Viele Evangelikale meinen, Gott müsse uns einen frommen Anführer nach ihrem Ebenbilde schicken, einen Heiligen. Aber das stimmt nicht.“ Triumphierend greift Raven zu einer abgegriffenen Bibel voller Lesezeichen auf dem Armaturenbrett. Er schlägt das Buch des Propheten Jesaja auf und liest vor, wie Gott den Perserkönig Kyros als seinen „Gesalbten“ auserkoren habe, obwohl der gar nicht an Gott glaubte. „Trump hat gesündigt, wie ich und wie wir alle“, sagt Julian Raven. „Aber wenn Gott einen persischen Heiden erwählen kann, weil er damals einfach der beste Führer war, dann kann er uns auch Donald Trump schenken.“

          Am Montag auf der Seite „Ereignisse und Gestalten“ Zone der Zerstörung: Wie die Zerschlagung von Staaten und der Holocaust zusammenhängen.

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