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Vorwahlen in Iowa : Mit Gott für Trump

Moss macht eine schwere Zeit durch. Sein 24 Jahre alter Sohn ist vor zwei Jahren an einer Überdosis Heroin gestorben. Raven überredete Moss, für ein Wochenende nach Iowa zu kommen, um auf einer kleinen Pro-Trump-Kundgebung zu musizieren, die er organisieren wollte. Moss verkaufte das von Raven erstandene Werkzeug wieder, um den Flug zu bezahlen. Es gefiel ihm in Iowa. Fremde Leute winken den Männern aus New York freudig zu, hupen dreimal oder recken den Daumen in die Höhe, wenn sie den Trump-Truck sehen. Moss ließ seinen Rückflug verfallen und blieb bei Raven. Seit Wochen touren die beiden Männer nun durch den Staat. Oft schlafen sie auf den Sofas von Leuten, die sie kurz vorher kennengelernt haben. Ein Trump-Fan aus Florida hat ihnen per Twitter Bonuspunkte seines Vielfliegerprogramms für eine Gratis-Übernachtung im Hotel versprochen. „Und zum Essen“, sagt Kraig Moss, „reicht mir ein Wurstbrot.“

Werden wohl keine Freunde mehr: Donald Trump und  Fox-News-Moderatorin Megyn Kelly

Trump ist erst fünfzigmal in Iowa aufgetreten. Er hat inzwischen einsehen müssen, dass man sich Hilfe, wie Ted Cruz sie von den Bontragers oder Hillary Clinton von Liz Sparks erhält, nicht einfach kaufen kann, erst recht nicht im letzten Moment. Doch Trump lebt vom Bruch eherner politischer Regeln. Am Donnerstag boykottierte er die Fernsehdebatte der Republikaner in Iowas Hauptstadt Des Moines, weil der Sender Fox News nicht bereit war, eine ihm missliebige Moderatorin auszutauschen. Wieder überschlugen sich die Kommentatoren in Häme. Doch für eine hastig anberaumte Veteranen-Gala, die Trump drei Kilometer von der Debatte entfernt ausrichtete, standen schon vier Stunden vor Beginn mehr als tausend Menschen bei Minusgraden Schlange - Hunderte mehr, als der Saal später fassen würde. Als Julian Raven das sieht, vertreibt diebische Freude kurz den feierlichen Ernst in seinen Worten. „Jeden Tag fällt ihm etwas Neues ein“, frohlockt er, „und keiner von den anderen weiß, wie ihnen geschieht.“

Bete oder werde Beute

Raven und die Familie Bontrager sind sich immerhin darin einig, dass Amerika am Abgrund stehe. Marlin Bontrager sagt, für das Land stehe so viel auf dem Spiel wie zuletzt im Zweiten Weltkrieg und davor zu Abraham Lincolns Zeiten. Denn der nächste Präsident werde bis zu vier Oberste Richter ernennen - „und das, wo wir nur noch eine Richterstimme vom endgültigen Verlust unserer Freiheit entfernt sind“. Bontrager begreift nicht, dass sich zuletzt immer mehr Evangelikale für Trump ausgesprochen haben. „An diesem Mann ist doch rein gar nichts biblisch“, schimpft der Landwirt. Er erinnert daran, dass Trump sich einmal brüstete, „Sex mit den schönsten Frauen der Welt gehabt zu haben“. Dass er kürzlich versicherte, Gott noch nie um Vergebung gebeten zu haben. Und dass sich seine dritte Ehefrau nackt für das britische Männermagazin „GQ“ fotografieren ließ. „Wie könnten wir so jemanden zum Oberbefehlshaber machen?“

Müsste Julian Raven das nicht auch so sehen? Schließlich lautet sein Lebensmotto: „Pray or be prey“ - Bete oder werde Beute. Aber er ist sich seiner Sache sicher. „Viele Evangelikale meinen, Gott müsse uns einen frommen Anführer nach ihrem Ebenbilde schicken, einen Heiligen. Aber das stimmt nicht.“ Triumphierend greift Raven zu einer abgegriffenen Bibel voller Lesezeichen auf dem Armaturenbrett. Er schlägt das Buch des Propheten Jesaja auf und liest vor, wie Gott den Perserkönig Kyros als seinen „Gesalbten“ auserkoren habe, obwohl der gar nicht an Gott glaubte. „Trump hat gesündigt, wie ich und wie wir alle“, sagt Julian Raven. „Aber wenn Gott einen persischen Heiden erwählen kann, weil er damals einfach der beste Führer war, dann kann er uns auch Donald Trump schenken.“

Am Montag auf der Seite „Ereignisse und Gestalten“ Zone der Zerstörung: Wie die Zerschlagung von Staaten und der Holocaust zusammenhängen.

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