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Wahl in Amerika : Donald Trump ist der Kandidat des Mobs

  • -Aktualisiert am

Spaltet die amerikanische Gesellschaft schon jetzt: Donald Trump Bild: AP

Seine Aufrufe sind bösartig, seine Veranstaltungen erinnern an Nürnberg: Mit jedem Tag, den Donald Trump als Präsidentschaftskandidat wahrscheinlicher wird, hassen konservative Juden wie ich ihn ein bisschen mehr. Warum Trump mich zu einem Linken macht – ein Gastbeitrag.

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          Obwohl ich schwul und jüdisch bin, habe ich mich selbst nie als „Minderheit“ in Amerika gesehen. Nennen Sie es das Privileg des Weißen oder auch verblendeten Optimismus, aber das breitgefächerte amerikanische Glaubensbekenntnis hat mich bisher immer davon überzeugt, dass Bill Clinton recht hatte, als er sagte: „Es gibt nichts, was in Amerika falsch läuft, das nicht durch etwas geheilt werden kann, das in Amerika richtig läuft.“

          Dennoch hat mich die zunehmende Wahrscheinlichkeit, dass die Republikaner Donald Trump als nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten nominieren könnten und der Enthusiasmus, den seine populistische, nativistische und chauvinistische Kampagne bei einer schockierend hohen Zahl meiner amerikanischen Mitbürger hervorruft, dazu gebracht zu hinterfragen, ob unsere Gesellschaft nicht auf dem Weg ist, gewaltsam zu zerfallen. Es ist wohlgemerkt das erste Mal in meinen 32 Jahren als Bürger des großartigsten Landes dieser Erde, das ich das tue.

          Seit meiner Zeit in Europa habe ich mich nicht mehr so daran erinnert gefühlt, dass ich jüdisch bin, wie in den letzten Wochen. Als ich in Berlin lebte, schrieb ich für das „Tablet“-Magazin einmal einen Essay. Er handelte von meiner Teilnahme an einer berüchtigten Ausstellung im Jüdischen Museum, die umgangssprachlich als „Der Jude in der Kiste“ betitelt wurde. Zwei Stunden lang saß ich an einem Mittwochnachmittag in einer Plexiglas-Vitrine und schnappte dort Fragen neugieriger Deutscher auf. „Der ,Jude in der Kiste' ist ein ironischer Metakommentar darüber, wie es ist, als Jude im heutigen Deutschland zu leben: Manchmal fühlt man sich als bedrohte Spezies – oder wie es das Museum im Kommentar beschreibt, ,als lebendes Ausstellungsobjekt'“, so schrieb ich damals. „Als Jude in Deutschland ist man kontinuierlich mit seinem Jüdischsein, seinem Anderssein konfrontiert.“ Wenn Europa für einen Juden (oder besser jeden, der nicht weiß und christlich ist) ein beengender, erstickender Ort ist, dann ist Amerika wie eine Brise frischer Luft.

          James Kirchick ist amerikanischer Journalist.

          Als ich im selben Jahr an einem Symposium des „Tablet“-Magazins über jüdische Diaspora teilnahm, bemerkte ich dort, wie erfrischend es sei, nach Amerika und damit in ein Land zurückzukehren, in dem ethnische und religiöse Identitäten kein Thema sind. Auch die Akzeptanz unterschiedlicher persönlicher Identitäten in Amerika fand ich viel tröstlicher als die stickige kulturelle Konformität Europas. Da ich damals oft Beschwerden über den Autoritarismus und den Provinzialismus der politischen Rechten in Amerika zu hören bekam, zitierte ich selbstgefällig und im Stil von Tom Wolfe den verstorbenen französischen Autor Jean-Francois Revel, der einmal geschrieben hat: „Eines der großen unerklärten Phänomene der modernen Astronomie: nämlich, dass die schwarze Nacht des Faschismus immer in den Vereinigten Staaten heraufsteigt, aber nur in Europa landet.“ Und wenn meine europäischen Freunde Bemerkungen über den traurigen Zustand der amerikanischen Rassenverhältnisse machten, fragte ich nur spitz, wann Deutschland denn wohl einen Kanzler wählen würde, der ethnischer Türke sei, oder Frankreich einen algerischen Muslim zum Präsident machen würde. Ich spottete, das Vergleichbarste, das Amerika jemals zu Jean-Marie Le Pen hervorgebracht habe – also einen weißen Nationalisten mit landesweitem politischen Format – sei Pat Buchanan, und bei dem sehe man ja, wie weit er es gebracht habe.

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