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Unterwegs in Baltimore : So denken Schwarze über Trump

  • -Aktualisiert am

Freddie Gray wurde überlebensgroß auf einer Mauer in Baltimore verewigt. Bild: Reuters

Baltimore ist zu zwei Dritteln schwarz und seit Jahrzehnten fest in der Hand der Demokraten. Eigentlich müsste das Hillary-Land sein. Doch so einfach ist es nicht.

          Also frage ich, weil Sie die Verantwortung auf sich genommen haben, unsere nächste Generation aufzuziehen und zu erziehen, warum Sie darauf bestehen, Hass und Chauvinismus zu verbreiten? Sir, Sir, Sir, Sir Donald Trump, solange Sie nicht hier neben mir sind, wird alles, was Sie tun, scheitern.“

          Die Frau, die diese Worte spricht, sie vom kleinen Bildschirm ihres Smartphones abliest obwohl sie die Sätze eigentlich so gut wie auswendig kann, ist dünn, um die 40 Jahre alt, und sie ist schwarz. Sie nennt sich „simply Sherri,“ einfach Sherri. Sie hat einen leichten Sing-Sang in ihrer Stimme, in dem eine Mischung aus Leidenschaft und Wut mitschwingt, wenn sie darüber spricht, was es heißt eine Frau zu sein, noch dazu eine schwarze, und in einem Land zu leben, dass vielleicht am Dienstag Donald Trump zum Präsidenten wählt.

          Wenn Baltimore für das ganze Land wählen könnte, wäre das ein Ding der Unmöglichkeit. Seit 1967 ist die Stadt im Bundesstaat Maryland fest in der Hand der Demokraten. Die jetzige Bürgermeisterin ist Demokratin, und eine Schwarze, wie zwei Drittel der rund 622.000 Einwohner. Sie tritt am Dienstag nicht mehr an, ihre Nachfolgerin wird wahrscheinlich wieder eine Demokratin. Eigentlich müsste das hier alles Hillary-Land sein. Denn Afroamerikaner wählen Clinton, so heißt es zumindest.

          „Es ist hier nicht automatisch demokratisch,“ sagt Ken Brown, der Sherris Auftritt, genau wie den der vielen anderer Poeten, die an diesem Abend im „Red Emma’s“ am Mikrofon stehen, organisiert hat. Er wird bald einer der vielen Besitzer des Cafés sein, in dem auch Bücher verkauft werden. Denn das „Red Emma's“ ist ein Kollektiv; die Mitarbeiter teilen sich das Café, die Gäste sind Sozialisten, Künstler, Aktivisten. Brown selbst sei bei den Demokraten ausgetreten, sagt er. „Sie sind zu konservativ geworden.“

          „Frieden, Gerechtigkeit, Poesie“ ist das offizielle Motto im „Red Emma’s“ in Baltimores Künstlerviertel an diesem Abend, doch eigentlich geht es genau um das, was Sharon mit ihren paar Zeilen ausgedrückt hat. Es geht um Polizeigewalt, um Freddie Gray, der hier letztes Jahr in Polizeigewahrsam gestorben ist, um Segregation, um eine „rassistische Klassengesellschaft, die uns zahm halten will,“ sagt Brown, darum, dass „unsere Hände hochzuhalten uns noch nie gerettet hat, nicht mal in der Kirche,“ wie die Poetin Girl Genius es ausdrückt.

          Ken Brown in Baltimore im „Red Emma´s“

          Bei diesem Vers lässt Brown, der selbst unter dem Namen Analysis Gedichte schreibt, seinen Stift fallen — ein Zeichen der Anerkennung, weil dieser Vers alles ausdrückt, und man selbst nichts mehr hinzuzufügen hat, erklärt er.

          Baltimore hat es im April 2015 auf genau diesen Gründen in die Nachrichten geschafft, weil „Hände hoch“ Freddie Gray nicht gerettet hat. 25 Jahre alt war Gray, als er verhaftet wurde, weil er ein illegales Schnappmesser bei sich getragen haben soll – und schwarz. Während der Verhaftung erlitt er schwere Verletzungen, medizinische Aufmerksamkeit blieb ihm während des Transports im Polizeiwagen verwehrt. Später erlag er im Krankenhaus seinen Verletzungen. Sechs Polizisten, die in den Fall verwickelt waren, wurden angeklagt — und inzwischen alle für nicht schuldig befunden.

          Umfragen

          Nach der Beerdigung Grays eskalierte die Situation in Baltimore: Einige der Demonstranten, die gegen Polizeigewalt gegen Schwarze protestierten, plünderten Geschäfte, zerstörten Autos und Eigentum. Der Gouverneur von Maryland, Larry Hogan, verhängte den Ausnahmezustand, die Bürgermeisterin eine nächtliche Ausgangssperre.

          Hillary Clinton bezeichnete die Unruhen damals als „herzzerbrechend“ und rief zu einem Ende rassistischer Ungerechtigkeiten und „racial profiling“ durch Polizisten auf. Trump dagegen profilierte sich schon damals als „Law and Order“-Kandidat, wenn auch nicht wortwörtlich. Er machte Obama für die Randale verantwortlich und behauptete, die Polizei in Baltimore habe „die Stadt zerstören lassen“ — alles auf Twitter, natürlich. Bernie Sanders war der einzige einzige Präsidentschaftsbewerber, der die Gegend der Stadt, in der Gray verhaftet wurde, besuchte und sich dort mit Bürgern und Aktivisten unterhielt. Wenn auch erst einige Monate später.

          Im „Red Emma’s“ hätten sie lieber den selbst-erklärten Sozialisten im Weißen Haus gesehen als Clinton oder Trump. Das wird deutlich, als Megan Rickman nach dem Mikrofon greift und sagt „Ich weiß, unsere Optionen sind irgendwie Scheiße. Ich hätte auch lieber Bernie gehabt. Aber geht wählen. Viele Menschen haben hart dafür gekämpft, dass wir es können.“ Rickman ist eine Weiße, aber als sie diese Worte ausspricht klatschen, pfeifen und schnipsen ihre rund 50 Zuhörer wild mit den Fingern.

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