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Unruhen in Amerika : Proteste weiten sich aufs ganze Land aus

  • Aktualisiert am

Friedlicher Protest gegen Polizeigewalt in Flint Township, Michigan Bild: AP

Auch in Indianapolis ist bei Unruhen ein Mensch getötet worden. In immer mehr Städten gelten Ausgangssperren, Bürgermeister rufen die Nationalgarde. Chinas Staatsmedien reagieren mit Häme.

          3 Min.

          Bei Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt ist in der amerikanischen Stadt Indianapolis mindestens ein Mensch getötet worden. Das berichtete der Fernsehsender NBC News am Sonntag unter Berufung auf Angaben der Polizei. Dem stellvertretenden Polizeidirektor der Stadt Josh Barker zufolge gab es mindestens zwei Verletzte. Der Ablauf des Vorfalls war zunächst unklar. Auf Twitter schrieb die Polizei, ihre Beamten seien nicht involviert gewesen und hätten nicht geschossen. Man untersuche nun zahlreiche Vorfälle. Zuvor war gemeldet worden, dass auch in Detroit ein Demonstrant sowie ein Polizist in Oakland bei den Unruhen ums Leben gekommen sind.

          Immer mehr Städte in den Vereinigten Staaten verhängten angesichts der mittlerweile nahezu landesweiten, teils gewalttätigen Proteste nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd Ausgangssperren. Die Bürgermeisterin von San Francisco, London Breed, verkündete eine Ausgangssperre von Sonntagabend bis Montagmorgen um 5.00 Uhr Ortszeit (15.00 Uhr MESZ). Zuvor waren Proteste gegen Polizeigewalt in Plünderungen und Vandalismus umgeschlagen. Zudem erbat die Bürgermeisterin Hilfe der Nationalgarde, wie die Zeitung „San Francisco Examiner“ berichtete.

          Gummigeschosse auf Kamerateam

          In Los Angeles wurde ebenfalls die Nationalgarde angefordert, um weitere Ausschreitungen zu verhindern. Bürgermeister Eric Garcetti sagte im Sender Fox News: „Das ist nicht länger ein Protest, das ist Zerstörung.“ In der zweitgrößten Stadt der Vereinigten Staaten galt zudem ebenfalls eine Ausgangssperre, wie in insgesamt mindestens 25 Städten in 16 Bundesstaaten. Aus Chicago meldeten Medien, das Polizeipräsidium habe für die Beamten 12-Stunden-Schichten angeordnet, um die Proteste unter Kontrolle zu bekommen.

          Mitglieder der Nationalgarde blockieren eine Straße in Minneapolis

          Auch die Presse wird zunehmend in die Auseinandersetzung zwischen Polizei und Demonstranten hineingezogen. In Minneapolis wurden am Samstagabend zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters durch Gummigeschosse der Polizei verletzt. Der Vorfall ereignete sich, als Polizisten kurz nach Inkrafttreten der Ausgangssperre um 20.00 Uhr gegen etwa 500 Demonstranten mit Gummigeschossen und Tränengas vorrückten. Aufnahmen des Kameramanns Julio-Cesar Chavez zeigen laut Reuters zu sehen, wie ein Polizist direkt auf ihn zielt. „Ein Polizist, den ich gerade filme, dreht sich um, zielt mit seinem Gummigeschoss-Gewehr direkt auf mich“, berichtete Chavez. Minuten später wurden er und der Reuters-Sicherheitsberater Rodney Seward demnach von Gummigeschossen getroffen, als sie bei einer Tankstelle in Deckung gehen wollten.

          Auf der Filmaufnahme des Kameramannes, die während der Flucht der beiden weiterlief, sind nach Reuters-Angaben mehrere Schüsse zu hören. Seward schreit demnach auf: „Ein Gummigeschoss hat mich im Gesicht getroffen.“ In einer späteren Aufnahme ist zu sehen, wie ein Sanitäter eine Wunde im Gesicht Sewards behandelt. Chavez wurde im Genick getroffen. Beide Männer haben Verletzungen an den Armen. Die Reuters-Mitarbeiter waren nach Angaben der Agentur klar als Pressevertreter zu erkennen. Chavez trug demnach eine Kamera und seinen Presseausweis um den Hals, Seward eine schusssichere Weste mit der Aufschrift „Presse“.

          Ein Sprecher der Polizeidirektion von Minneapolis, der zu dem Vorfall befragt wurde, verlangte eine Kopie der TV-Aufnahme und machte ansonsten zunächst keine Angaben. Das Ereignis ist der bislang letzte Angriff auf Journalisten, die über die Proteste in den Vereinigten Staaten seit dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einem Polizeieinsatz in Minneapolis berichten. Am Freitag wurde ein schwarzer CNN-Journalist vor laufender Kamera festgenommen, als er über die Kundgebungen in der Stadt berichtete.

          Der 46 Jahre alte Afroamerikaner George Floyd war am Montag nach einem brutalen Polizeieinsatz in der Großstadt Minneapolis gestorben. Einer der vier beteiligten weißen Polizisten hatte ihm sein Knie minutenlang in den Nacken gedrückt. Der Afroamerikaner hatte mehrmals um Hilfe gefleht, bevor er das Bewusstsein verlor. Im Krankenhaus wurde er für tot erklärt. In vielen amerikanischen Städten wird deshalb seit Tagen gegen Rassismus und Polizeigewalt protestiert. Trotz Ausgangssperren wurden Supermärkte geplündert, Autos und Geschäfte in Brand gesetzt.

          Häme in chinesischen Staatsmedien

          Chinesische Staatsmedien haben die Unruhen in Amerika am Wochenende für Kritik an Washington genutzt und mit den chinakritischen Protesten in Hongkong in Verbindung gebracht. „Die Vorsitzende des amerikanischen Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, hat die gewaltsamen Proteste in Hongkong einst als ,schönen Anblick' bezeichnet“, schrieb der Chefredakteur der staatlichen chinesischen Boulevardzeitung „Global Times“, Hu Xijin, „nun können die amerikanischen Politiker diesen Anblick von ihren eigenen Fenstern aus genießen.“ Es sei, „als wären die radikalen Randalierer irgendwie in die Vereinigten Staaten geschlichen und hätten ein Chaos angerichtet wie im letzten Jahr“, schrieb Hu mit Blick auf die Demonstranten in Hongkong, die in der chinesischen Sonderverwaltungszone seit Juni vergangenen Jahres immer wieder gegen den Einfluss aus Peking auf die Straße gehen. Peking spricht von Randalierern und macht „ausländische Kräfte“ für die Unruhen verantwortlich.

          In Berlin protestierten am Samstagabend mehr als 2000 Menschen vor der amerikanischen Botschaft gegen Rassismus und Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten.

          Freiwillige helfen bei den Aufräumarbeiten auf den Trümmern eines Gebäudes in Minneapolis.

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