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TV-Duell Obama gegen Romney : Boxkampf mit zwei Siegern

  • -Aktualisiert am

Diesmal durften sich die Duellanten näher kommen - und Obama machte dabei einen kampfeslustigen Eindruck Bild: REUTERS

Den ersten verbalen Schlagabtausch entschied Herausforderer Romney für sich. Beim zweiten Fernsehduell ist Obama viel kampfeslustiger. Das Publikum steht beim „Stadthallentreffen“ auf der Seite des Präsidenten. Aber auch Romney kann punkten.

          Im zweiten Duell durften beide Lager zufrieden sein. Anders als in der ersten Fernsehdebatte vom 3. Oktober in Denver in Colorado war Obama in der Nacht zum Mittwoch an der Hofstra Universität in Hempstead im Bundesstaat New York mit jeder Faser dabei.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Anders als beim ersten verbalen Schlagabtausch, den der republikanische Herausforderer Mitt Romney eindeutig gewonnen hatte und der ihm in allen Umfragen einen deutlichen Aufschwung gab, war der Präsident kampfeslustig. Und anders als in Denver gab es in Hempstead deshalb nicht nur einen Sieger (Romney), sondern zwei.

          Augenblicke höchster Spannung

          Das Format der zweiten Debatte war buchstäblich das eines Boxkampfes mit Worten. Die Kandidaten standen nicht hinter Pulten festgenagelt wie in Denver, sondern sie durften sich von ihren Hockern erheben, mit dem Mikrofon in der Hand umhergehen, konnten sich sogar so weit aufeinander zu bewegen, dass man in den Augenblicken höchster Spannung gar mit Handgreiflichkeiten rechnete.

          Zudem wurden die Fragen des Abends, dessen Format im Jargon amerikanischer Kandidatendebatten „Stadthallentreffen“ (town hall meeting) heißt, von Zuschauern im Saal gestellt. Die Moderatorin Candy Crowley vom Nachrichtensender CNN sekundierte hin und wieder mit eigenen Fragen und versuchte, den Kandidaten in etwa die gleiche Redezeit zuzuteilen.

          Moderatorin Candy Crowley von CNN versuchte die Redezeit der Kandidaten ausgewogen zu halten

          Am Ende hatte freilich Obama drei Minuten länger reden dürfen als Romney. Zudem ergriff Crowley beim Streit um den Anschlag auf das amerikanische Konsulat im libyschen Benghasi, bei dem am 11. September vier Amerikaner getötet worden waren, für Obama Partei und deutete eine halbe Lüge des Präsidenten in eine ganze Wahrheit um.

          Auch das Publikum stand eindeutig auf der Seite Obamas, was bei Veranstaltungen an Universitäten selbstverständlich ist, weil dort Lehrkörper und Studentenschaft in großer Mehrheit Anhänger der Demokraten sind. Bei Obamas Finten und Haken mit Worten und Argumenten wurde zustimmend geraunt.

          Das Publikum in Hempstead war eindeutig auf der Seite von  Präsident Obama

          Beim skandalösen Urteilsspruch der Moderatorin Crowley im Libyen-Streit zugunsten Obamas brach sogar Beifall aus, obwohl sich das Publikum mit Zustimmungs- und Missfallenskundgebungen hätte zurückhalten müssen.

          Romney war wie schon in Denver in der Debatte über Wirtschaft, Steuern und Schulden stark. Er rechnete Obama ein ums andere Mal vor, was er als dessen monumentales Scheitern beschrieb: hohe Arbeitslosigkeit (23 Millionen Menschen ohne bezahlte Beschäftigung); Zunahme der Staatsschuld um gut eine Billion Dollar pro Haushaltsjahr auf jetzt 16 Billionen Dollar; jeder Sechste lebt in Armut; 47 Millionen Amerikaner erhalten Lebensmittelbezugskarten; die Hälfte der Universitätsabsolventen findet keinen ihrer Ausbildung angemessenen Job.

          Der Präsident und seine Frau Michelle nach dem Duell, das für ihn besser verlief als das erste

          Er warf Obama vor, die Öl- und Erdgasförderung auf Staatsland zu behindern und damit die Energie- und Benzinpreise in die Höhe zu treiben. Seinen stärksten Moment hatte Romney vielleicht, als er auf Obamas Vorwurf, er, Romney, betreibe bei seinen Steuersenkungsplänen falsche Zahlenspiele, erwiderte: Wer Schulden und Defizit so anhäufe wie Obama, sei vielleicht nicht der beste Rechenlehrer.

          Obama sparte in Hempstead nicht mit Angriffen gegen Romney. Er rief in seinem Schlusswort die Rede seines Herausforderers auf einer Veranstaltung zum Sammeln von Parteispenden vom Mai Erinnerung, bei welcher Romney 47 Prozent der Bevölkerung als Bezieher von Sozialleistungen mit Anspruchshaltung diffamiert hatte.

          Romneys Frau Ann scheint den gleichen Farbgeschmack wie Obamas Gattin zu haben

          Obama hob mehrfach den Reichtum Romneys hervor, prangerte die niedrige Steuerquote seines republikanischen Herausforderers an und warf Romney vor, er habe sein Geld in chinesische Firmen investiert und bei Banken in karibischen Steuerparadiesen angelegt. Über Romneys Steuer- und Wirtschaftsplan in fünf Punkten sagte Obama: „Er hat einen Ein-Punkte-Plan, und das ist, sicherzustellen, dass für die Leute an der Spitze andere Regeln gelten.“

          Auch im Streit über den Anschlag auf das Konsulat in Benghasi konnte Obama die Oberhand behalten. Empört wies er die Unterstellung Romneys zurück, seine Regierung habe die Öffentlichkeit über die Hintergründe der Tat hinters Licht geführt: „Die Andeutung, dass jemand in meinem Team irreführend gehandelt hat, als wir vier der Unseren verloren haben, ist beleidigend“, sagte der Präsident.

          Begleitheft für den Boxkampf beim „Stadthallentreffen“

          Und er behauptete, er habe schon am Tag nach dem Vorfall diesen als einen Terroranschlag bezeichnet – was freilich nicht den Tatsachen entspricht. Vielmehr hatte der Präsident bei einer Ansprache im Rosengarten des Weißen Hauses ganz allgemein gesagt, Amerika werde jeden Terroranschlag sühnen und sich nicht einschüchtern lassen – ohne konkreten Bezug auf Benghasi.

          Moderatorin Crowley gab Obama im Streit mit Romney recht, was ein grober Verstoß gegen das Neutralitätsgebot und zudem sachlich falsch war. Am Ende wird dieser einzige außenpolitische Debattenpunkt freilich nicht den Ausschlag dafür geben, wie die Zuschauer das Fernsehduell bewerten, denn im Mittelpunkt stand abermals die Wirtschaftspolitik.

          Die Zuschauer sahen Obama in einer Blitzumfrage vorne

          Und obwohl in einer Blitzumfrage von CNN 46 Prozent der Befragten sagten, Obama habe die Debatte „gewonnen“, während nur 39 Prozent Romney vorne sahen, überzeugte Romney deutlich mehr Zuschauer davon, dass er die bessere Wirtschaftspolitik mache und auch ein besserer politischer Führer sei.

          Der Einfluss der zweiten Kandidatendebatte auf den Wahlkampf und die Wählermeinung dürfte begrenzt sein, was ein Vorteil für Romney als klarer Sieger der ersten Debatte ist. Die dritte und letzte Debatte findet am 22. Oktober in Boca Raton in Florida statt. Dann soll es um Außenpolitik gehen.

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