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TV-Debatte der Demokraten : Neun gegen Biden

  • -Aktualisiert am

Joe Biden (Mitte) am Donnerstag in Texas zwischen seinen Mitbewerbern Pete Buttigieg, Bernie Sanders, Elizabeth Warren und Kamala Harris. Bild: AFP

In der dritten Fernsehdebatte arbeiten sich vor allem die linken Kandidaten um Bernie Sanders abermals am Favoriten Joe Biden ab. Der stolpert beim Thema Rassismus.

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          Da waren es nur noch zehn: Zur dritten Fernsehdebatte der Demokraten waren alle qualifizierten Kandidatinnen und Kandidaten gleichzeitig auf der Bühne. Diesmal übertrug der Sender ABC die Diskussion und die Texas Southern University in Houston war Gastgeberin. Moderator Jorge Ramos wollte am Anfang ein Zeichen setzen und wandte sich auf spanisch an die Zuschauer. „Obwohl wir in schwierigen Zeiten leben, das hier ist auch unser Land“, habe er all jenen gesagt, die lateinamerikanische Wurzeln haben. Kamala Harris, Senatorin aus Kalifornien und ehemalige Justizministerin des Bundesstaates, sprach Präsident Donald Trump anschließend direkt an: „Aber erst habe ich ein paar Worte für Donald Trump, von dem wir alle wissen, dass er zusieht. Also, Präsident Trump, Sie haben die vergangenen zweieinhalb Jahre ununterbrochen damit verbracht, Hass und Spaltung unter uns zu säen. Und deswegen haben wir nichts erledigt bekommen.“

          Wie bei den vergangenen Debatten auch, arbeiteten sich viele Kandidaten danach an dem bisherigen Favoriten Joe Biden ab, der in den Umfragen unter demokratischen Wählern mit über dreißig Prozent führt. Es war das erste Mal, dass er gegen alle seine wichtigsten Konkurrenten gleichzeitig antrat. Doch diesmal ging Biden gleich bei einem der wichtigsten Themen in die Offensive, indem er die Senatoren Bernie Sanders aus Vermont und Elizabeth Warren aus Massachusetts direkt angriff: „Ich weiß, dass die Senatorin sagt, sie ist für Bernie, also ich bin für Barack“, sagte der ehemalige Vizepräsident mit Bezug auf die Gesundheitsreform von Trumps Vorgänger Barack Obama. „Ich denke, Obamacare hat funktioniert.“

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          Abermals debattierten die Kandidaten die verschiedenen Ansätze bei der Krankenversicherung. Zentraler Streitpunkt ist die Frage, ob die privaten Anbieter ganz abgeschafft werden sollten, wie es Sanders und Warren fordern. Biden möchte Obamacare weiterentwickeln, mehrere andere Kandidaten warfen ihm vor, dass dadurch Hunderttausende Amerikaner weiter keine Krankenversicherung haben würden. Besonders Julian Castro griff den ehemaligen Senator aus Delaware scharf an. Biden nutze Obama, wie es ihm gerade passe. Castro, der Wohnungsbauminister in der Obama-Regierung war, behauptete, dass er im Gegensatz zu Biden das „wahre Erbe“ des ehemaligen Präsidenten vertrete. Sowohl Amy Klobuchar, Senatorin aus Minnesota, als auch Pete Buttigieg, Bürgermeister von South Bend in Indiana, positionierten sich näher an Biden. Klobuchar bezeichnete die Pläne einer allgemeinen öffentlichen Krankenversicherung als „schlechte Idee“, Buttigieg sagte, dass man den Bürgern die Wahl lassen müsse, sich privat zu versichern: „Ich habe Vertrauen in die Amerikaner, dass sie die richtige Entscheidung treffen, warum haben Sie keins?“ fragte er.

          Die Kandidaten stritten auch wieder über das Problem des institutionellen Rassismus. Biden stolperte sich durch seine Antwort, als er gefragt wurde, wie er heute über das Erbe der Sklaverei und die anhaltende Benachteiligung von Afroamerikanern etwa im Schulsystem denke. Eltern in ärmeren Vierteln hätten die besten Absichten für ihre Kinder, wüssten aber oft nicht weiter und deswegen müsse es mehr Sozialarbeiter geben, sagte Biden. Diese Eltern wüssten auch nicht, dass man „den Fernseher, ähm, den Plattenspieler“ einschalten müsse, um dem Nachwuchs ausreichend Stimulation zu bieten. Cory Booker, Senator aus New Jersey, sagte, er habe genug von den halbherzigen individualisierten Ansätzen beim Thema Rassismus. Auch auf Twitter kritisierten zahlreiche Linke Biden besonders für diesen Moment in der Debatte. „Nach dem Erbe der Sklaverei gefragt, sagt Joe Biden dass Kinder Psychiater brauchen und ihre Eltern sollten ihnen abends Schallplatten vorspielen. Das ist eine Gedankenwelt und eine Karriere, die passé sind, und nur er weiß das noch nicht“, schrieb etwa Anand Giridharadas, Autor und MSNBC-Kommentator.

          Beto O'Rourke, ehemaliger Kongressabgeordneter aus El Paso, bekam von den anderen Kandidaten Lob für seine Reaktionen auf das rassistisch motivierte Massaker in seiner Heimatstadt, bei dem Anfang August 22 Menschen ermordet wurden. „Ja, zur Hölle, wir werden euch eure AR-15 und eure AK-47 wegnehmen“, sagte er mit Blick auf zwei Sturmgewehre, die in den Vereinigten Staaten in privaten Haushalten zu finden sind. Doch auch hier gibt es zur Zeit einen Konflikt innerhalb der Partei. Im Kongress sind sich längst nicht alle Demokraten einig, wie weit sie in Sachen Waffenbesitz-Kontrolle gehen wollen.

          Die meisten Kandidaten konnten bei der Debatte noch einmal ihre Stärken demonstrieren und zudem manche Unterschiede untereinander herausarbeiten. Dabei überboten sie sich mit Appellen an die Arbeiterschaft. Warren sagte abermals, dass sie die Lobbyisten und die Korruption in Washington grundsätzlich angehen wolle – gegen die großen Probleme wie den Klimawandel könne man sonst nicht effektiv kämpfen. Klobuchar stellte sich als die Kandidatin des Mittleren Westens dar, die im Herzen Patriotin und Kämpferin für die arbeitenden Leute sei. Sanders gab trotz Heiserkeit alles und grenzte seinen Begriff von demokratischem Sozialismus noch einmal deutlich von dem System in Venezuela ab, mit dem Konservative seine Pläne gern vergleichen wollen. Nicolás Maduro sei ein „bösartiger Tyrann“, sagte Sanders. Er vergleiche seine Ziele eher mit den skandinavischen Ländern.

          Am Ende überraschte keiner, auch wenn einzelne, wie Klobuchar, ihr Profil vielleicht noch etwas schärfen konnten. „Viele der Kandidaten hatten starke Momente. Kamala hat sich gut geschlagen, Booker hatte einen starken Abend, ebenso Amy. Aber ich denke nicht, dass sich durch den heutigen Abend viel ändert“, sagte Heidi Heitkamp, bis zur letzten Kongresswahl Senatorin aus North Dakota. Die „Washington Post“ kommentierte, die demokratische Partei sei eine der Gewinnerinnen des Abends: stärker als in vorigen Debatten hätten die Kandidaten gezeigt, dass sie inhaltliche Alternativen zu Donald Trump anbieten könnten.

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