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Trumps Sieg über Bagdadi : Ein Triumph zur rechten Zeit

  • -Aktualisiert am

Nicht von allen gemocht: Neben Applaus gab es Buhrufe und lautstarke Forderungen, Trump einzusperren. Bild: AP

Um seinen Erfolg auszukosten, erklärt Amerikas Präsident den Terrorführer für übler als Al-Qaida-Chef Bin Ladin. Das stößt auch Republikanern auf.

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          Als Donald Trump am späten Sonntagabend mit einer kleinen Delegation von Kongressmitgliedern ins Weiße Haus zurückgekehrt war, wandte sich der republikanische Senator Lindsey Graham noch einmal an die Journalisten. Gemeinsam hatte man das fünfte Spiel der Baseball-Finalserie der Washington Nationals gegen die Astros aus Houston besucht. Der amerikanische Präsident war im heimischen Stadion mit ein wenig Applaus, deutlich vernehmbaren Buh-Rufen und dem Widerhall einer Parole seiner berüchtigten Kundgebungen begrüßt worden: „Lock him up“ – sperrt ihn ein, schallte es ihm entgegen.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Graham sagte, bevor er sich in die Nacht verabschiedete: Das habe Spaß gemacht. Gemeint war das Spiel, das die Texaner klar gewonnen hatten. Was er mit Trump denn so beredet habe, wurde er noch gefragt. „Ein guter Wurf ist am Ende wichtiger als ein guter Schlag“, habe der Präsident gesagt. Das sollte wohl den ganzen langen Tag zusammenfassen, der am frühen Morgen mit einem Auftritt im Weißen Haus begonnen hatte, über den später auch einige Mitarbeiter Trumps geäußert haben sollen: Hätte er doch bloß nach dem Statement aufgehört. Das tat er aber nicht. Trump glaubte offenbar, das Ende Abu Bakr al Bagdadis sei eine Wende im Machtkampf mit den Demokraten, gleichsam ein „Hardball“ zur rechten Zeit. Der Präsident kostete den Moment der Fernsehansprache aus und beantwortete schließlich auch Fragen, die ihm keiner gestellt hatte.

          So sagte er etwa, die Operation gegen den IS-Anführer sei der größte Fang, den die Vereinigten Staaten je gemacht hätten, weil Bagdadi der Schlimmste gewesen sei. Sodann: Die Tötung Usama bin Ladins sei sehr bedeutsam gewesen, aber Bin Ladin sei erst durch den Anschlag auf das World Trade Center wichtig geworden. Bagdadi hingegen sei „ein Mann, der ein ganzes ,Land’, ein Kalifat, wie er es nannte, gegründet, hatte“. Der Tod Bagdadis, so die Botschaft, sei einschneidender als der Tod Bin Ladins, was freilich heißen sollte: Er, Trump, habe eine größere Tat vollbracht als seinerzeit Barack Obama. Drei Jahre habe „er“ nach Bagdadi gesucht. Der Präsident vergaß immerhin nicht, seinen Spezialkräften zu danken.

          Obama hatte im Mai 2011 den Befehl für eine geheime Operation erteilt, den Al-Qaida-Führer, der sich im pakistanischen Abbottabad versteckt hatte, zu fassen. Am Vorabend des Einsatzes sprach er beim jährlichen „White House Correspondents‘ Dinner“ und machte sich über Trump lustig, der von ihm verlangt hatte, seine Geburtsurkunde vorzulegen, um nachzuweisen, dass er ein legitimer Präsident der Vereinigten Staaten sei. Obama ließ sich nicht anmerken, dass die nächsten Stunden zu den wichtigsten seiner Präsidentschaft zählen würden. Nach dem Einsatz wandte er sich im Weißen Haus an die Öffentlichkeit und teilte in nüchternem Ton mit, dass „die Vereinigten Staaten eine Operation ausgeführt haben, bei der Usama bin Ladin getötet wurde“.

          Anders als Trump am Sonntag verzichtete er darauf, Details plastisch zu beschreiben. Obama hob wie schon sein republikanischer Vorgänger George W. Bush hervor, dass Washington keinen Krieg gegen den Islam führe. Bin Ladin sei kein islamischer Führer gewesen. Später fragte er seinen Vorgänger Bush, ob er mit ihm an einer Gedenkfeier an „Ground Zero“, dem Standort des World Trade Centers in New York, teilnehmen wolle. Dieser lehnte ab: Er wolle nicht im Scheinwerferlicht stehen. Dass Trump den Tod Bagdadis in drastischer Weise beschrieb und hervorhob, dass er wie ein Feigling gewinselt und geschrien habe, sei nicht einer voyeuristischen Neigung geschuldet gewesen, so später seine Mitarbeiter. Der Präsident habe deutlich machen wollen, was der Terroristenführer, der für den grausamen Tod Tausender verantwortlich sei, für ein Typ gewesen sei.

          Auch Obama war es wichtig, den Sympathisanten Bin Ladins ein realistisches Bild über ihren Anführer zu geben. Er verzichtete aber auf Spott bei seinem Auftritt und sorgte stattdessen dafür, dass die Nachricht veröffentlicht wurde, auf dem Gelände in Abbottabad habe man allerlei pornographisches Material gefunden. Beide Präsidenten wollten eine postume Heiligenverehrung verhindern – jeder auf seine Weise. Trump war nicht danach, den militärischen Erfolg als Moment zu zelebrieren, in dem die Amerikaner ihre parteipolitischen Stammeskämpfe vergessen sollten. Im Gegenteil. Der Präsident brach mit der Tradition, einen kleinen Kreis von Kongressmitgliedern beider Fraktionen über geheime Operationen vertraulich zu unterrichten.

          Nancy Pelosi, die „Sprecherin“ des Repräsentantenhauses, beklagte hernach, das Weiße Haus habe Russland über den Einsatz informiert, bevor es dem Kongress Kenntnis gab. Trump hatte im Weißen Haus auf Nachfrage mitgeteilt, dass er auf eine Unterrichtung verzichtet habe, um die Operation geheim zu halten. Washington sei extrem „undicht“. Zwar wird aus dem Regierungsapparat tatsächlich viel an die Medien von Beamten durchgestochen, die sich verpflichtet fühlen, die Öffentlichkeit über Chaos und Skandale im Weißen Haus zu informieren. Kongresspolitikern allerdings zu unterstellen, sie nähmen in Kauf, eine streng geheime Militäroperation zu gefährden, empfinden die Demokraten als ungeheuerlich. Pelosi erinnerte deshalb daran, dass die Terrormiliz „Islamischer Staat“ nach dem Tod ihres Anführers Bagdadis eine Gefahr bleibe, weshalb Trumps Beschluss, die amerikanischen Soldaten aus Syrien abzuziehen, ein schwerer Fehler sei. Sie dankte auch nicht nur dem eigenen Militär für den heldenhaften Einsatz, sondern auch den Partnern in der Region, womit sie hauptsächlich die syrischen Kurden meinte.

          Es passte ins Bild, dass die „New York Times“ schon kurz nach dem Auftritt Trumps im Weißen Haus berichtete, der kurzfristige Abzugsbefehl des Präsidenten habe die Planungen der Operation im Verteidigungsministerium, die seit dem Sommer im Gange gewesen seien, gestört und das Pentagon gezwungen, den Einsatz schneller auszuführen, um auf die militärischen Fähigkeiten der eigenen Streitkräfte in der Region zurückgreifen zu können. Auch sei der Anteil der nachrichtendienstlichen Erkenntnisse, die Washington von den Kurden erhalten habe, bedeutsamer gewesen, als Trump es darstellt habe.

          Derlei Hinweise aus den Sicherheitsbehörden bestätigen Trump freilich in seiner Annahme, dass Teile des Regierungsapparats gegen ihn arbeiteten. Trotzig legte er am Montag nach: „Wir haben einen Mann gefasst, der schon vor langer Zeit hätte gefasst werden müssen.“

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