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Trumps Sex-Skandal : Der demaskierte Kandidat

War es das mit der Kandidatur um das Präsidentenamt? Donald Trump ist so stark unter Druck wie nie zuvor. Bild: dpa

Nach normalen Maßstäben müsste Donald Trump nach der Veröffentlichung des Videos mit sexistischen Prahlereien politisch erledigt sein. Doch der Präsidentschaftskandidat hat alle Skandale bisher überlebt. Wie stehen seine Chancen nun? Eine Analyse.

           

          Bertram Eisenhauer

          Verantwortlich für das Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bei jedem anderen Kandidaten würde man sagen: Es ist vorbei. Jedem denkbaren anderen Kandidaten würde jetzt der Wahlkampf um die Ohren fliegen, jeder andere müsste nun vor die Kameras treten und erklären: Ich wollte Präsident der Vereinigten Staaten werden, doch das geht nicht mehr. Bei Donald Trump aber waren die Dinge noch nie ganz so eindeutig. Wie oft hat er Axiome des politischen Betriebes in den Vereinigten Staaten außer Kraft gesetzt?

          Obwohl, es stimmt schon: Das gerade öffentlich gewordene Video aus dem Jahr 2005, in denen er im obzön gefärbten Plauderton über sexuelle Übergriffe auf Frauen spricht und sich damit brüstet -- obwohl selbst frisch (zum dritten Mal) verheiratet --, verheirateten Frauen ungestraft nachzustellen, müssten ihn eigentlich politisch erledigen. Zwar prahlte er in der Vorwahlsaison, er könnte auf der Fifth Avenue in New York jemandem in den Kopf schießen und die Leute würden ihn noch immer wählen, und tatsächlich hat er schon früher allerlei Skandalöses überlebt. Als er die muslimischen Eltern eines toten Soldaten beleidigte, dachte man: Das dürfte es gewesen sein; kein amerikanischer Politiker vergeht sich ungestraft an Veteranen und deren Familien. Und dennoch machte er seiner Rivalin Hillary Clinton das Leben weiterhin schwer.

          Dieser jüngste Vorfall jedoch hat ein bisher nicht erreichtes Maß der Widerlichkeit: „Wenn du ein Star bist, lassen sie dich alles machen“, sagt er über Frauen. Welch Hochmut, welche Verachtung. Es ist schwer vorstellbar, wie er jetzt noch Wähler außerhalb der Reihen seiner Hardcore-Sympathisanten erreichen kann – was für ihn in den vergangenen Wochen aber das vorrangige strategische Ziel sein musste, so sehr er sich auch ein ums andere Mal selbst sabotierte. Führende Republikaner, von denen viele nie ein sehr enges Verhältnis zu ihm hatten, gehen jetzt noch mehr auf Distanz zu ihm. Folgenreich wird sein, wie sich jene Wähler verhalten werden, die nie von ihm begeistert waren, die ihn aber unterstützten, weil sie am Ende des Tages aber eben Republikaner waren. 

          Interessant ist, dass es ausgerechnet Äußerungen über Sex sind, die Trumps Bewerbung derart erschüttern. Nicht, weil die Amerikaner, wie man ihnen ja gerne nachsagt, so prüde wären; wer das tut, hat offenbar noch nie ein College von innen erlebt. Doch gibt es so viele andere schwere Zweifel an Trumps Eignung fürs Oval Office – er ist als Geschäftsmann bei weitem nicht so erfolgreich, wie er tut; sein angeblicher Hang zur Wohltätigkeit scheint ebenfalls wenig mehr als Aufschneiderei zu sein; seine ganze Persönlichkeit ist höchst labil --, und am Ende soll er über „locker-room banter“ stolpern, wie er selbst es nannte: die Art Geschwätz, die manche Männer in der Umkleidekabine pflegen?

          Vielleicht hängt das ja damit zusammen, dass es im Kern bei diesem jüngsten Skandalon nicht primär um Sex geht, sondern um grundsätzliche Ideen wie Anstand und Respekt. Und dass Trump diese in vielen Fällen für reine political correctness hält, war ja bekannt. Das Antwortvideo, in dem Trump sich mitten in der Nacht halb entschuldigte, halb trotzig darauf hinwies, Bill Clinton sei viel schlimmer als er, war denn auch ein Akt der Feigheit. Fehlte Trump, der sonst so gerne damit angibt, er verfüge über das „beste Gehirn“ und die „besten Wörter“, der Mut, eine Pressekonferenz zu geben? Seine Berater jedenfalls befürchteten, eine Frage-Antwort-Session könnte außer Kontrolle geraten. Trump, der sonst nie, nie Fehler zugibt, hätte am Ende noch enthüllt, wie unernst sein Bedauern womöglich ist.

          Es gibt schon einen Grund dafür, dass Amerikas Wahlkämpfe so hart und so lang sind. Gerade bei jemandem wie Trump, der zuvor zwar im Licht der Öffentlichkeit stand, der sich aber nie einer echten Überprüfung seiner Ansichten und Absichten unterwerfen musste, dauert es zwar eine Weile; am Ende aber demaskieren die Kandidaten sich doch, nicht komplett vielleicht, aber hinreichend. „Jeder, der mich kennt, weiß, dass diese Worte nicht widerspiegeln, wer ich wirklich bin“, sagte Trump, damals 59, in seiner Erklärung über seine Äußerungen von 2005. Er hat der amerikanischen wie der internationalen Öffentlichkeit bisher keinen Grund gegeben, ihm das zu glauben; zu sehr passt dieses jüngste Beispiel von Frauenverachtung in sein ganzes Charakterbild.

          Am Ende seiner Erklärung gab Trump sich weiter trotzig; „eine Spur von Drohung“ will die „New York Times“ in seiner Stimme vernommen haben, als er sagte: „Wir sehen uns bei der Fernsehdebatte am Sonntag.“ Diese dürfte nun, mehr noch als die erste, ein Showdown werden. Ein beschädigter Kandidat Trump könnte brutal werden. Manch ein politischer Beobachter hat empfohlen, den Ex-Reality-TV-Star Trump zu verstehen als einen Menschen, der sein eigenes Leben als Fernsehserie produziert. Titel: „Trump for President.“ Für gute Einschaltquoten für die nächste Episode hat er gesorgt.

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