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Korea-Gipfel : Wie erfolgreich ist Trumps Strategie der Unberechenbarkeit?

  • -Aktualisiert am

Donald Trump ist von seiner Nordkorea-Politik vollkommen überzeugt. Bild: dpa

Amerika und Nordkorea bereiten unter Zeitdruck einen historischen Gipfel vor. Donald Trump feiert seinen bisherigen Zick-Zack-Kurs als meisterhaft. Doch viele fürchten seine Sehnsucht nach großen Gesten.

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          Kim Yong-chol ist der ranghöchste nordkoreanische Offizielle, der seit dem Jahr 2000 amerikanischen Boden betreten hat – am Mittwochabend traf er sich zum Dinner mit Amerikas Außenminister Mike Pompeo in einem Hotel in New York. Der 72 Jahre alte ehemalige Geheimdienstchef, der unter drei nordkoreanischen Führern gearbeitet hat, hatte Pompeo schon in Pjöngjang empfangen.

          Die Amerikaner wollen am 12. Juni als Datum für den geplanten Gipfel in Singapur zwischen Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un festhalten, sagte Sprecherin Sarah Huckabee Sanders am Mittwoch. Während Yong-chol in New York ist, treffen sich laut Sanders auch Delegierte beider Staaten in der demilitarisierten Zone auf der koranischen Halbinsel. Donald Trump twitterte, man habe ein „großartiges Team“ für die Vorbereitung des Gipfels zusammengestellt. Zu Yong-chols Reise sagte er: „Angemessene Antwort auf meinen Brief, danke!“

          Bei vielen Beobachtern überwiegt nach wie vor die Skepsis, andere sehen das Ergebnis von Trumps Zick-Zack-Kurs als Erfolg. Der amerikanische Präsident hatte den Gipfel mit einem harschen Brief zunächst abgesagt, dann lobte er die freundlich-abwartende Antwort der Nordkoreaner und gab grünes Licht für weitere Vorbereitungen, um das Treffens doch noch wie geplant abhalten zu können.

          Strategisch oder impulsiv

          Ob Trumps Vorgehen nun impulsgeleitet war oder von langer Hand strategisch geplant – er habe nun Vorteile, meint die Zeitung „Washington Post“: „Präsident Trump hat mehr Optionen als Kim Jong-un. Der Präsident könnte zum Gipfel nach Seoul fliegen und versuchen, ein Abkommen auszuhandeln. Er könnte den Süd- und Nordkoreanern sagen, dass sie weiter an einer Annäherung arbeiten sollen und die Amerikaner einen Schritt zurück treten, oder er kann sagen: Wir sind noch nicht so weit.“ Egal, wie bizarr die Volten der vergangenen Tage auch anmuten mögen, so die Zeitung – Trump stehe vielleicht vor einem diplomatischen Durchbruch.

          Das Magazin „Foreign Policy“ kritisierte den Präsidenten unterdessen für ein Verständnis von Außenpolitik, das dem von Kaiser Wilhelm ähnele, vollkommen Ego-getrieben sei und durch Aktionen wie den wütenden Absage-Brief der vergangenen Woche das Vertrauen in Amerika zerstöre.

          Derweil gibt es aus Sicht der Amerikaner allerdings tatsächlich einen Verhandlungs-Vorteil: Immerhin weicht man von der Forderung einer kompletten atomaren Abrüstung nicht ab und hat die Nordkoreaner dennoch an den Verhandlungstisch gebracht. Und Kim Jong-un machte mit der Freilassung von Gefangenen ein Zugeständnis, ohne dass es dafür eine Gegenleistung gegeben hätte. Zumindest wurde eine solche nicht öffentlich bekannt. „Wir kontrollieren das Tempo“, sagte ein mit den Verhandlungen vertrauter amerikanischer Diplomat.

          Trump sehnt sich nach großen Gesten

          Die konservative Kolumnistin Jennifer Rubin ist in der „Washington Post“ weniger optimistisch: „Jeder Gipfel, der auf die vollständige atomare Abrüstung Nordkoreas abzielt, wird scheitern.“ Der Präsident müsse auf skeptische Stimmen, etwa von Geheimdienst-Veteranen, hören. James Clapper, der ehemalige Nationale Geheimdienstdirektor, warnte etwa vor Maximalforderungen. Man müsse überhaupt erst einmal einen Rahmen für die Kommunikation und diplomatische Beziehungen schaffen und dann langsam vorgehen. Der größte Hemmschuh für einen solchen Ansatz sei Trump selbst, meint Rubin: „Er sehnt sich zu sehr nach großen Gesten.“

          Aktuelle Geheimdienstberichte zeigten außerdem, dass Nordkorea kein Interesse daran habe, seine Atomwaffen-Ambitionen vollständig aufzugeben. Auch viele Republikaner sind skeptisch. Floridas Senator Marco Rubio etwa sagte am vergangenen Sonntag, er glaube nicht an Nordkoreas Bereitschaft, abzurüsten. Jonathan Pollack von der „Brookings Institution“ sagte: „So kurz vor dem Gipfel gibt es immer noch keinen Hinweis darauf, dass sich Washington und Pjöngjang auch nur auf eine gemeinsame Definition von atomarer Abrüstung einigen können.“

          Laut dem Magazin „The Daily Beast“ gibt es außerdem Zweifel an der Zerstörung der Atomanlage, die Nordkorea kürzlich vor Journalisten vornahm. Das „Middlebury Institute for International Studies“ habe Satellitenbilder bekommen, die darauf hinwiesen, dass die Anlage vorher gesäubert und Materialien auf Lastwagen abtransportiert wurden.

          Trump lobt seine eigene Strategie

          Donald Trump verbreitet unterdessen weiter Optimismus, was den Gipfel angeht. Er legt Wert darauf, dass er mit seinem Zick-Zack-Kurs planvoll und erfolgreich gehandelt hat – immerhin könne die Zusammenkunft nun stattfinden. Auch die drohenden Töne seines Nationalen Sicherheitsberaters John Bolton, der in den vergangenen Jahren auch schon mal öffentlich über Präventivschläge gegen Nordkorea sinnierte, sind dem Präsidenten zufolge Teil einer wohl kalkulierten Strategie: „Großartiger John Bolton“, sagte er auf einer Veranstaltung in Nashville am Dienstag. Die Nordkoreaner würden immer wieder auf Boltons harte Töne reagieren, Trump selbst stehe daneben quasi besser da: „Sie denken, er ist so böse und hart, dass ich ihn zurückhalten muss.“

          Trumps Anhänger hatten sich bei den ersten Gipfel-Ankündigungen weit aus dem Fenster gelehnt und den amerikanischen Präsidenten schon zu einem Anwärter für den Friedensnobelpreis erklärt. Trump muss die Erwartungen inzwischen eher dämpfen, da er weiß, dass alle Verhandlungen über eine vollständige atomare Entwaffnung langwierig und schwer werden können. Und der Prozess selbst könnte bis zu 15 Jahre dauern, schätzen Experten der Stanford-Universität in Kalifornien.

          Kenner Nordkoreas weisen darauf hin, dass Kim Jong-un sein Land modernisieren will – und wenn die Amerikaner ihn überzeugen könnten, dass er das mit ihrer Hilfe schaffen könnte, dann wäre die atomare Abrüstung eine realistische Gegenleistung. Trump hatte am Wochenende getwittert, er sehe großes ökonomisches Potential in dem Land. Und sein Außenminister Mike Pompeo hatte in diesem Monat gesagt: „Wir können Bedingungen für echte wirtschaftliche Prosperität im Land schaffen, die mit der des Südens mithalten kann. Das muss nicht der amerikanische Steuerzahler machen, das machen amerikanisches Know How, Wissen, Unternehmer und Risiko-Investoren, die an der Seite der nordkoreanischen Bevölkerung arbeiten, um eine belastbare Wirtschaft für sie zu schaffen.“

          Andere warnen davor, dass zu viel Gerede über amerikanische Hilfe Kim Jong-un verärgern könnte. Der wolle in erster Linie wirtschaftliche Beziehungen zu China und Südkorea, und zwar ohne die Belastung amerikanischer Sanktionen. „Das letzte, was Kim will, ist, seine Atomwaffen aufzugeben, nur damit sein Land dann überrannt wird von amerikanischen Geschäftsleuten und Investoren“, schrieb Eric Talmadge, Bürochef von „Associated Press“ in Pjöngjang.

          Vorerst reden die Amerikaner aber nicht über die Lockerung von Sanktionen – noch ist das Vertrauen dafür nicht da. Ein wenig kamen sie Nordkorea allerdings wohl entgegen: Wegen des anstehenden Gipfels soll die Ankündigung eines geplanten neuen Sanktionspakets erst einmal aufgeschoben worden sein.

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