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Trumps Corona-Politik : Krieg bedeutet Sterben

Wie einsam ist der Präsident? Donald Trump auf dem Weg zu einer weiteren bizarren Pressekonferenz. Bild: AFP

Donald Trump und seine Anhänger verbreiten im Kampf gegen das Coronavirus regelmäßig Kriegs-Metaphern. Nun rufen auch konservative Journalisten die Amerikaner dazu auf, „Mut“ zu beweisen – und an ihre Arbeitsplätze zurückzukehren.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Im Krieg müssen Menschen Opfer bringen und oft auch ihr eigenes Leben einsetzen – für den Sieg ihres Landes, so wollen es zumindest die jeweils Mächtigen. Schon seit einer Weile vergleichen Donald Trump und seine Anhänger den Kampf gegen das Coronavirus mit einem Krieg. So lassen sich auch Opfer einfordern. Immer mehr Trump-Unterstützer meinen, dass die Amerikaner nun auch ihre Gesundheit riskieren sollen – im Dienste der Wiederöffnung der Wirtschaft. Der Lieblingssender des Präsidenten bläst besonders aggressiv zum Kampf. Fox-Moderator Pete Hegseth etwa betonte am Montag bei „Fox and Friends“, es gehe nun darum, dass Menschen „ein bisschen Mut beweisen und da draußen sind“. Kollege Brian Klimeade fragte, wie man Amerikanern angesichts des Virus nun eine „militärische Einstellung“ nahe bringen könne. Die Bürger müssten „dem Feind ins Auge sehen, weil wir keine Wahl haben – an der Seitenlinie zu sitzen, wird das Land zerstören“, so der Moderator.

          Die Frühsendung ist mit einer durchschnittlichen täglichen Einschaltquote von 1,7 Millionen Menschen eine der erfolgreichsten im amerikanischen Fernsehen, und auch Trump nimmt gern Themen von hier auf. Hegseth ist, wie mehrere andere Fox-Macher, ein Berater des Präsidenten. Man müsse sofort öffnen, auch in den „schwierigeren Gegenden“, behauptete er. Als die Sendung lief, hatte die offizielle Zahl der Menschen in Amerika, die nach einer Infektion mit dem Coronavirus starben, gerade die 80.000 überschritten.

          Die Bürgerinnen und Bürger sollten sich selbst als „Kämpfer“ sehen, hatte auch Trump bei seinem Besuch in Arizona in der vergangenen Woche gesagt und dazu aufgerufen, die Wirtschaft möglichst schnell wieder zum Laufen zu bringen. Tags darauf hatten Reporter ihn gefragt, ob er damit meine, dass die Amerikaner sich damit abfinden sollten, dass dafür Menschenleben geopfert würden. Ja, er nenne jetzt die gesamte Nation Kämpfer, bekräftigte Trump daraufhin: „Wir müssen Kämpfer sein, wir können unser Land nicht für Jahre geschlossen halten.“ Trump fordere Bürger wortwörtlich auf, sich selbst in Gefahr zu bringen, wie ein Soldat das tun würde, kommentierte das Magazin „Politico“. Die Brisanz fiel zumindest der neuen Pressesprecherin Kayleigh McEnany auf, die vergangenen Mittwoch versuchte, die Kriegsmetaphern des Präsidenten zu entschärfen. Helden und Kämpfer seien die Bürger, weil sie zu Hause blieben, so McEnany.

          Zumindest die Lesart der Fox-Moderatoren legte nahe, dass das Trump-Lager etwas anderes meinte, nämlich die Rückkehr an die Arbeitsplätze. Um dafür ausreichenden Rückhalt zu organisieren und seine Wahlchancen im November zu verbessern, verbreitete Trump auch in dieser Woche voreiligen Optimismus. Am Montag verkündete er im Rosengarten des Weißen Hauses, die Regierung habe ihre Ziele im Kampf gegen das Virus bereits erreicht.

          „Wir haben die Zeichen der Zeit erkannt und uns behauptet“, sagte der Präsident vor den versammelten Reporterinnen und Reportern. Schon 2021 werde wirtschaftlich „eines der besten Jahre“ werden, allein wegen der steigenden Nachfrage. In jeder Generation seien Amerikaner den Herausforderungen und Entbehrungen ihrer Zeit gerecht geworden – und das sei auch diesmal der Fall, versicherte der Präsident, der sich trotz entsprechender Vorschriften im Weißen Haus noch immer weigert, eine Schutzmaske zu tragen. Später ruderte er etwas zurück und sagte, es sei ihm vor allem um die Testkapazitäten gegangen – mit 80.000 Toten könne natürlich nicht die Rede davon sein, dass man gegen das Virus gesiegt habe. Die Testkapazitäten werden indessen von Fachleuten nicht als ausreichend angesehen, um die Wirtschaft überall wieder zu öffnen.

          Die Wirtschaft soll unbedingt wieder laufen

          Eine zu frühe Öffnung der Wirtschaft kann dazu führen, dass es immer neue Infektionsschwerpunkte im ganzen Land gibt. Wenn dann noch immer weniger Menschen die Abstandsregeln befolgen, könnte es immer mehr vermeidbare Todesfälle geben und die Krankenhäuser könnten wieder an ihre Belastungsgrenze kommen. Vor einem solchen Szenario warnen Experten wie Anthony Fauci, bislang Trumps Coronavirus-Berater, immer wieder. Doch für Trump kommt es auch darauf an, die Forderungen seiner wichtigsten Spender und vieler Industrie-Lobbyisten zu erfüllen. Nicht umsonst stecken hinter den Protesten gegen die Schutzmaßnahmen, die seit Wochen für Schlagzeilen sorgen, auch rechtskonservative Netzwerke wie das der Koch-Brüder. Die Wirtschaft wieder zum Laufen zu bringen, um die Verluste für die Shareholder so gering wie möglich zu halten, ist ihr Ziel. Hinter der Aufforderung, ein „Kämpfer“ gegen das Virus zu sein, steckt eben auch die Aufforderung, sich nicht länger zu Hause zu verstecken, sondern zurück an die Arbeit zu gehen.

          Laut einer neuen Umfrage des Pew Research Centers machen sich mehr als zwei Drittel der Amerikaner deswegen Sorgen und befürchten, die Öffnung in ihrem Bundesstaat könnte zu früh kommen. Im Hinblick auf das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in Trump und letztlich seine Wahlchancen könnte ihm das also eher schaden. Laut einer Befragung des Senders CNN trauen mehr als sechs von zehn Amerikanern den Informationen nicht, die sie von Trump über das Coronavirus bekommen. Das Pew Research Center fand heraus, dass auch unter Republikanern die Zustimmung zum Krisenmanagement der Behörden allgemein sinkt. Fanden noch im März 84 Prozent dieser Wähler, dass die Gesundheitsbehörden einen guten Job machten, sagen das jetzt nur noch 68 Prozent. Laut Pew vertrauen noch 41 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger dem Präsidenten – so hoch sei der Anteil derer, die seine Leistung entweder als gut oder als exzellent bewerteten.

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