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Internationale Beziehungen : Trump will die Weltordnung zerstören – na und?

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Die obsessive Berichterstattung der Medien über den Trump-Putin-Gipfel, die ihn wie einen hochklassigen Boxkampf behandelten, wobei die Nachrichtensender ganze Teams nach Helsinki schickten und pausenlos darüber berichteten, ist ein Beispiel für die simplifizierende Reduktion der amerikanisch-russischen Beziehungen auf rein persönliche Aspekte und behindert jede ernsthafte Analyse. Trotz all des Geredes über Trumps „an Landesverrat grenzendes“ Verhalten gleich nach dem Besuch (und sein Verhalten war in der Tat moralisch verwerflich) gab es im Gefolge dieses verheerenden Auftritts dennoch keinerlei wirkliche politische Konzessionen an Russland.

Von der Ausweisung russischer Diplomaten über die Sanktionen gegen einzelne russische Staatsangehörige und Unternehmen bis hin zu vermehrten Waffenverkäufen an die Ukraine und eine verstärkte Unterstützung der Nato (!) ist die Haltung der Vereinigten Staaten gegenüber Russland härter als jemals zuvor seit dem Ende des Kalten Kriegs. „Trump und die Vereinigten Staaten sind im Augenblick nicht ganz dasselbe“, klagte ein Vertrauter eines russischen Finanzmagnaten kürzlich mit durchaus mehr als nur ein wenig Unterstatement gegenüber der „Financial Times“.

Trumps Rhetorik ist noch keine Politik

Ein verbreitetes Missverständnis bezüglich amerikanischer Präsidenten (einschließlich Trumps Vorgänger) meint, sie könnten durch ihre bloße Anwesenheit auf der internationalen Bühne die Welt verändern. Wer Trumps Rhetorik so behandelt, als wäre sie bereits Politik, der fördert eine simple Geschichtstheorie der „großen Männer“.

Celeste Wallander, die unter Präsident Obama im Nationalen Sicherheitsrat arbeitete, schreibt in „Foreign Policy“, wegen Trumps Verhalten müssten die Amerikaner „der Tatsache ins Auge sehen, dass die größte Bedrohung für die Nato heute möglicherweise die Vereinigten Staaten selbst“ seien – und nicht das Land, das erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg auf europäischem Boden Territorien annektiert hat, dessen Militärdoktrin die Nato als den Hauptgegner darstellt und das atomare Angriffe auf Nato-Staaten simuliert. Wenn die größte Bedrohung für die Nato dessen mächtigstes Mitglied sein sollte, dann verhalten die übrigen Bündnispartner sich jedenfalls nicht so.

Ja, eine Handvoll führender europäischer Politiker – vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Außenminister Heiko Maas – haben wiederholt erklärt, Europa könne sich nicht länger voll auf die Vereinigten Staaten verlassen, wie dies in der Vergangenheit der Fall gewesen sei. Aber wie Trumps angebliche Zerstörung der liberalen Weltordnung ist auch ihre Suche nach alternativen Arrangements, die den Status quo umgehen oder ersetzen sollen, nahezu vollständig rhetorischer Art.

Abgesehen von der Aktivierung der Initiative zur Stärkung der militärischen Zusammenarbeit in der EU (der Ständigen Strukturierten Zusammenarbeit SSZ), die schon lange vor Trump konzipiert wurde und keineswegs die Nato ersetzen soll, gibt es kaum Anzeichen dafür, dass die europäischen Politiker sich tatsächlich auf eine postamerikanische Zukunft vorbereiteten. In Asien wiederum wird „Trumps Fokussierung auf China als Großmachtrivalen ihn oder eine zukünftige Administration zwingen, die amerikanischen Bündnisse aufzufrischen oder zur erweitern, statt sich daraus zurückzuziehen“, schreiben Daniel Deudney und John Ikenberry dazu in „Foreign Affairs“.

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