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Trump und Putin : Die Suche führt nach Russland

  • -Aktualisiert am

Der Bruderkuss – Variante Trump-Putin-Allianz. Bild: AFP

Trump „sucht“ Clintons gelöschte E-Mails und bittet den Kreml um Hilfe. Als Finderlohn könnte Putin sogar auf eine Anerkennung der Krim-Annexion hoffen.

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          Newt Gingrich war einer der wenigen Republikaner, die Donald Trump zu Hilfe eilten. „Die Medien scheinen sich mehr über Trumps Witz zum russischen Hacking aufzuregen“, schimpfte der einstige „Speaker of the House“ und erklärte Piratenbruder Trumps, „als über die Tatsache, dass Hillarys privater Server für Russland zugänglich war.“ Trumps Witz? Selbst schien der Präsidentschaftskandidat das nicht so zu sehen. „Russland, wenn du zuhörst“, hatte er am Mittwoch auf einer Pressekonferenz gesagt: „Ich hoffe, ihr könnt die 30.000 fehlenden E-Mails finden. Ich glaube, unsere Presse würde euch mächtig belohnen!“

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Der demokratische Aufschrei ließ nicht lange auf sich warten. „Dies muss das erste Mal sein“, so Hillary Clintons außenpolitischer Chefberater Jake Sullivan, „dass ein Präsidentschaftskandidat eine fremde Macht aktiv zur Spionage gegen seinen politischen Gegner ermutigt.“ Mit den 30.000 Mails meinte Trump jene Nachrichten, die Hillary Clinton als „rein privat“ einstufte und deshalb nach eigenem Bekunden von ihrem privaten Mailserver löschen ließ, bevor sie eine ähnlich große Menge Mails aus ihrer Zeit als Außenministerin dem State Department zur Veröffentlichung überließ.

          Clinton hätte für ihre dienstliche Korrespondenz eine amtliche Mailadresse benutzen müssen, mit entsprechendem Schutz vor Cyberspionage. Der FBI-Direktor wirft ihr Fahrlässigkeit vor. Doch die veröffentlichten Mails bergen kaum Brisantes. Umso größer ist die Neugier auf die gelöschte Hälfte der Korrespondenz, von der Clinton behauptet, es sei nur um „Yoga-Kurse“ oder die Hochzeit ihrer Tochter Chelsea gegangen.

          Trumps Bewunderung für Wladimir Putin

          Seit einer Woche belastet ein weiterer E-Mail-Skandal Clintons Wahlkampf. Hacker haben etwa 20.000 Nachrichten vom Server der Demokraten-Geschäftsstelle entwendet und der Enthüllungsplattform Wikileaks zugespielt. Manche Mails zeigen, dass sich die zur Neutralität angehaltenen Parteifunktionäre gegen Clintons parteiinternen Rivalen Bernie Sanders verschworen hatten. Das fachte den Aufruhr am Beginn des Parteikonvents an.

          Die Partei hatte schon im Juni mitgeteilt, sie sei Opfer russischer Hacker geworden. Nach Informationen aus der – vom Demokraten Barack Obama geführten – Regierung hatten sich zwei rivalisierende Gruppen, die für russische Dienste arbeiten, Zugang zu dem Server verschafft. So kam die Spekulation auf, dass der Kreml dem erklärten Putin-Bewunderer Trump Wahlkampfhilfe leisten wolle. Nicht nur das Clinton-Team machte sich diese Lesart zu Eigen. Selbst Obama versicherte, „alles ist möglich“. Schließlich, so der Präsident am Dienstag in einem Interview, „hat Donald Trump mehrmals seine Bewunderung für Wladimir Putin zum Ausdruck gebracht“.

          Trump lud tags drauf Journalisten in eines seiner Golfhotels in Florida. Schon auf seinem eigenen Nominierungsparteitag hatte er es kaum ausgehalten, die Bühne Anderen zu überlassen, wie laut sie auch für ihn warben. Immerfort funkte er mit Interviews und Auftritten dazwischen – etwa mit dem „New York Times“-Gespräch, in dem er die amerikanische Bündnistreue gegenüber den Nato-Partnern in Zweifel zog, und zwar am Beispiel der baltischen Nachbarn Russlands.

          „Weiter hergeholt als alles, was ich je gehört habe“

          Nun wollte Trump den Demokraten die Schau stehlen. Wie so oft blieb unklar, ob er seine Antworten auf die erwartbaren Russland-Fragen improvisierte, oder ob die Widersprüche in seinen Worten kalkuliert waren. Er machte sich zunächst lustig über die Vorwürfe, Moskau habe ihm über den Umweg Wikileaks helfen wollen. Vermutlich stecke gar nicht Russland, sondern China oder sonst eine Macht hinter dem Hackerangriff, sagte Trump. Das Gerede über eine Trump-Putin-Allianz sei „weiter hergeholt als alles, was ich je gehört habe“. Schließlich kenne er Putin gar nicht: „Ich habe ihn nie getroffen, ich weiß nicht wer Putin ist.“

          Das hatte im vorigen November noch ganz anders geklungen. Da hatte Trump nämlich über Putin gesagt: „Ich habe ihn sehr gut kennengelernt, denn wir sind beide bei ,60 Minutes‘ aufgetreten, wir waren Stallgenossen, und wir waren sehr gut an dem Abend.“ In der Sendung, auf die Trump anspielte, waren tatsächlich Putin und Trump interviewt worden, allerdings Putin in Moskau und Trump in New York. In Florida fügte Trump nun hinzu, Putin habe ihn als „Genie“ bezeichnet. Dieses Kompliment war in den Medienarchiven zunächst allerdings nicht zu finden.

          Sollte Russland wirklich die Demokraten-Server ausspioniert haben, sagte Trump etwas später, dann zeige das nur, wie wenig Respekt Moskau noch vor Amerika habe. Putin nehme Obama nicht ernst, führte Trump aus, er habe schockierenderweise sogar das „N-Wort“ benutzt – „ihr wisst doch alle, was das N-Wort ist?“ Die „Fact-Checker“ der amerikanischen Zeitungen können sich denken, dass Trump mindestens „Neger“ meinte. Aber auch von dieser angeblichen Putin-Äußerung fehlt jede Spur.

          Appell an Moskau: Findet Clintons E-Mails

          Er wisse „gar nichts“ über Putin, bekräftigte Trump wieder und wieder – nur so viel: Einen Oberbefehlshaber Trump werde der russische Präsident respektieren. Dann plazierte er seinen Appell an Moskau, die Clinton-Mails zu „finden“.

          Es dauerte lange, bis ein Reporter nachfragte, ob Trump denn gar nichts dabei finde, die russische Regierung um Cyberspionage in Amerika zu ersuchen. „Das muss der Präsident entscheiden“, antwortete Trump – und meinte Putin. „Wahrscheinlich“ habe Russland die Mails vom Clinton-Server längst, „und wenn ich ehrlich bin, dann will ich die lesen“. Die nächste Nachfrage einer Reporterin würgte Trump ab: „Sei still!“

          Clintons Berater Sullivan gab sich fassungslos. Wenn eine ausländische Macht in Amerika spioniere, dann sei das keine Frage der Parteipolitik, sondern der nationalen Sicherheit.

          Mike Pence droht „schwere Folgen“ an

          Trumps Stab fürchtete offenkundig, dass der Schuss, mit dem ihr Chef die Medien von den Demokraten ablenken wollte, nach hinten losgegangen sei. Auf Twitter verbreitete Trump bald eine zahmere Version, wonach Russland die Clinton-Mails, „sollte es sie haben“, dem FBI überlassen möge. Sein Vizepräsidentschaftskandidat Mike Pence gab eine Erklärung zum Fall der geklauten Demokraten-Mails heraus: „Wenn Russland es war und sich so in unsere Wahlen einmischt, dann versichere ich, dass beide Parteien und die Regierung der Vereinigten Staaten dafür sorgen, dass das schwere Folgen hat.“

          Zu diesem Zeitpunkt hatte sich noch gar nicht herumgesprochen, dass Trump Putin in der Pressekonferenz ein weiteres, potentiell viel größeres Geschenk gemacht hatte. Er war gefragt worden, ob er die von Russland 2014 annektierte ukrainische Halbinsel Krim als russisches Territorium anerkennen und die Sanktionen aufheben würde. „Das gucken wir uns an“, antwortete Trump aufgeschlossen und/oder überfragt, „ja, das gucken wir uns an.“

          Er wolle nichts lieber, als ein gutes Verhältnis zu Moskau, erklärte Trump, damit man „gemeinsam“ den „Islamischen Staat“ bezwingen könne. Paul Ryan, der amtierende Nachfolger von Newt Gingrich als „Speaker“ und sporadische Trump-Kritiker, ließ seinen Sprecher vorsichtshalber bekräftigen, dass Putin ein „Schurke“ sei. Der Kreml müsse sich aus der amerikanischen Wahl heraushalten.

          Die Demokraten reden und es geht um Trump

          Als am Abend die Prime Time anbrach, waren die Fernsehkameras natürlich wieder auf die Demokraten-Bühne gerichtet. Im Mittelpunkt blieb Trump trotzdem. Vizepräsident Joe Biden sprach sein Urteil „Er hat keine Ahnung“ so eindringlich, dass Abertausende in der Halle den Satz mehrmals wiederholten. Das gleiche gelang Tim Kaine, der im Januar Bidens Büro übernehmen will. Clintons „running mate“ bezeichnete Trump in einer ansonsten betulichen Rede als notorischen Lügner und verkündete, man könne ihm „nicht ein Wort glauben“. „Nicht ein Wort! Nicht ein Wort“, skandierten die Delegierten.

          New Yorks früherer Bürgermeister Michael Bloomberg, einst ein Republikaner und jetzt formal ein Unabhängiger, beschrieb seinen Mitmilliardär Trump als gefährlichen Spalter. Bloomberg eroberte das skeptische Publikum mit dem Plädoyer, „eine geistig gesunde, kompetente Person“ ins Weiße Haus zu schicken.

          Dann kam Obama. Er rühmte und herzte Hillary Clinton, pries voller Zuversicht die Vereinigten Staaten und zerpflückte wie beiläufig Trumps Positionen. „Jeder, der unsere Werte bedroht, wird scheitern“, versicherte der Präsident. Das gelte für „Faschisten, Kommunisten, Dschihadisten und einheimische Demagogen“. „Homegrown demagogue“: Mit diesem spitzesten aller Pfeile auf den politischen Gegner verabschiedete sich Barack Obama von seiner Partei. Da war es auf den Tag genau zwölf Jahre her, dass er ihr zum ersten Mal aufgefallen war – mit einem flammenden Plädoyer zur Überwindung der politischen Gräben in den Vereinigten Staaten von Amerika.

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