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Präsidentschaftskandidat : Trump und das Establishment

  • -Aktualisiert am

Für Donald Trump war es nach eigenem Bekunden ein großartiger Tag. Bild: dpa

Von wegen Showdown: Einer der mächtigsten Republikaner lobt Donald Trump nach einem Treffen als „warm und wahrhaftig“. Der Wunsch nach Einigkeit ist offenbar größer als die unterschiedlichen Politikentwürfe.

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          Wenn Donald Trump in der Hauptstadt ist, sind immer auch viele seiner Gegner auf den Beinen. „Islamophobie ist unamerikanisch“ steht auf einem Plakat, das die bekannte linke Aktivistin Medea Benjamin vor dem Eingang der Zentrale des Republikanischen Nationalkomitees in den grauen Washingtoner Himmel reckt. Es ist eine Botschaft, die sich nicht nur an den umstrittenen Präsidentschaftsbewerber, sondern auch an die republikanische Führung richtet, mit der sich Trump an diesem Tag verabredet hat. „Wollt ihr wirklich eine Partei sein, die einen Rassisten zum Kandidaten macht?“, ruft ein Demonstrant.

          Viele Amerikaner, darunter auch zahlreiche republikanische Politiker, hatten es geschockt oder zumindest verärgert zur Kenntnis genommen, als Trump Ende vergangenen Jahres ankündigte, dass er als Präsident vorrübergehend allen Menschen muslimischen Glaubens die Einreise in die Vereinigten Staaten verweigern werde. Offenbar Grund genug für Trump, unmittelbar vor seinem so wichtigen Besuch in Washington seine Kritiker etwas zu besänftigen. Die Idee des Einreiseverbots sei doch nur „eine Anregung“ gewesen, erklärte er in einem Radio-Interview am Mittwoch. Beobachter interpretieren das als Signal der Annäherung Trumps an moderate Parteikreise.

          Mit Trumps Zick-Zack-Kurs arrangiert

          Ein Schritt vor, ein Schritt zurück. Es ist nicht das erste Mal, dass der Politik-Neuling, der den Vorwahl-Prozess der Republikaner für sich entschieden hat, seine eigenen Positionen korrigiert. Ob beim Thema Abtreibung, Steuern oder bei verschiedenen außenpolitischen Fragen – kaum jemand weiß, für was Trump eigentlich genau steht. Spötter sagen, er wisse es wohl selbst nicht so genau und habe genau diese Unentschlossenheit zum Erfolgsrezept gemacht. Wie auch immer: Die republikanische Führung, allen voran Paul Ryan, der mächtige Sprecher des Repräsentantenhauses, scheint sich mit Trumps Zick-Zack-Kurs inzwischen arrangieren zu können.  

          Noch in der vergangenen Woche hatte der ranghöchste Republikaner dem Milliardär vorerst seine Gefolgschaft verweigert. Das deuteten innerparteiliche Trump-Gegner wie Mitt Romney bereits als Zeichen eines möglichen Last-Minute-Aufstandes gegen den designierten Kandidaten. Der große Streit allerdings ist nun offenbar abgewendet. Nicht nur preiste Ryan, der Trump am Donnerstag überhaupt erst zum zweiten Mal persönlich gegenübersaß, die Persönlichkeit seines Gesprächspartners als „warm“ und „wahrhaftig“. Er zeigte sich auch zuversichtlich, die Partei zusammenbringen zu können – hinter Trump.

          „Wenige Differenzen“

          Das gemeinsame Treffen, an dem auch der Vorsitzende des Republikanischen Nationalkomitees Reince Priebus, teilnahm, sei „eine ermutigende Begegnung“ gewesen, so Ryan in einer Pressekonferenz. In einer gemeinsamen Erklärung von Trump und Ryan heißt es zudem, dass man entschlossen sei, weiter zusammenzuarbeiten, um die Präsidentschaftswahl im November zu gewinnen. Eine direkte Unterstützung, ein so genanntes „Endorsement“, gibt es von Ryan zwar weiterhin nicht, aber nach dem heutigen Treffen wird dieses wohl nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Man habe ehrlich über die „wenigen Differenzen“ gesprochen, aber festgestellt, dass es „viele wichtige Bereiche“ gibt, in denen es Gemeinsamkeiten gebe.

          Dass Trump den internationalen Handel einschränken und Mindestlöhne erhöhen will – Positionen, die laut Ryan nicht „konservativ“ genug seien – dürften einige der Streitpunkte gewesen sein, über die die beiden hinter verschlossenen Türen diskutiert haben. Doch der Wunsch nach Einigkeit und Harmonie scheint größer zu sein als die unterschiedlichen Politikentwürfe. Es ist ein Tanz zwischen Trump und Partei-Establishment, bei dem nicht klar ist, wer führt und wer geführt wird.

          Ein unberechenbarer Kandidat

          Ryan dürfte darauf spekulieren, dass Trump, wie etwa beim Thema Einreiseverbot für Muslime, weitere wichtige Positionen ändern wird, bevor es in den Wahlkampf im Herbst geht. Gleichzeitig gibt es keine Garantie für Ryan, dass Trump sich im Sinne des Partei-Establishments zähmen lässt. Genauso wie er sein Programm in die eine Richtung ändere, könne er es auch in die andere tun, gibt Matt Lewis, ein renommierter politischer Kommentator zu bedenken. Sollte sich Ryan zu früh zum immer noch äußerst unberechenbaren Kandidaten bekennen, könnte er selbst Schaden nehmen.

          Und Trump? Der will einfach nur Präsident werden und braucht dafür so viel Rückhalt wie möglich, von Seiten der Parteiführung, aber vor allem von Seiten der elitenkritischen republikanischen Basis. Glaubt man der jüngsten Umfrage, dann stehen die Chancen für eine Trump-Präsidentschaft mittlerweile alles andere als schlecht. Der Unternehmer hat ordentlich Boden gut gemacht auf Hillary Clinton, die sich aller Voraussicht nach bei den Demokraten gegen Bernie Sanders durchsetzen wird. Die Wahl im November könnte also knapper werden, als viele Fachleute das noch vor wenigen Wochen für möglich hielten.  

          Trumps Fazit seines Besuchs in der Hauptstadt zumindest fällt positiv aus. Der Tag sei „großartig“ gewesen, „die Dinge laufen sehr gut“, twitterte er kurz vor seinem Abflug aus Washington.  

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