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Andreas Ross (anr.)

Trump und die Taliban : Von Gnaden der Terroristen

  • -Aktualisiert am

Donald Trump spricht vor dem Weißen Haus am 1. September mit Journalisten nach seiner Rückkehr aus Camp David. Bild: AFP

Tage vor dem Jahrestag von „9/11“ hätte Trump beinah Taliban-Führer in Camp David empfangen. Gut, dass es nicht so gekommen ist. Denn es gibt nichts zu feiern.

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          Donald Trump hatte sich für die heiklen Taliban-Verhandlungen, die Zalmay Khalilzad als Sondergesandter des Außenministeriums führte, monatelang kaum interessiert. Am Ende aber wollte er selbst als genialer Dealmaker dastehen, am liebsten gar als nobelpreisverdächtiger Friedensstifter – daher die Einladung nach Camp David. Als dem amerikanischen Präsidenten klar wurde, dass der politische Preis dafür vermutlich höher sein würde als der Ertrag, sagte er das Treffen genauso kurzfristig wieder ab, wie er es insgeheim anberaumt hatte. Doch selbst daraus musste er eine Show machen. Auf Twitter offenbarte Trump, dass er am Sonntag auf seinem Wochenendsitz im Wald von Maryland sowohl „die wichtigsten Taliban-Führer“ als auch den afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani habe treffen wollen, wegen des Todes eines weiteren amerikanischen Soldaten nun aber statt dessen die ganzen Friedensgespräche abgebrochen habe. Mit dem PR-Coup überraschte er offenbar auch seine eigenen Berater.

          In diesem Fall hat Trump der Öffentlichkeit mit seinem Narzissmus und Entertainer-Instinkt allerdings einen Dienst erwiesen. Denn über lauter Handelskonflikten, Nordkorea-Gipfeltreffen oder Iran-Scharmützeln war beinahe die Dimension dessen untergegangen, worum es bei Khalilzads Gesprächen in Doha im Kern ging: Knapp achtzehn Jahre nach „9/11“ und dem Anfang des Luftkriegs gegen die Taliban verhandelten die Vereinigten Staaten mit den Terroristen, aber ohne die rechtmäßige afghanische Regierung, darüber, wann die Nato wie viele Soldaten aus deren Land abziehen werde – aus einem Land, das die Taliban schon seit vielen Jahren wieder terrorisieren und das sie am liebsten wieder ganz beherrschen wollen. Als wichtigste Gegenleistung gilt in Washington eine Zusage der Mörderbande, dass sie nie wieder Al Qaida oder anderen Terroristen Unterschlupf gewähren würden, um Anschläge in den Vereinigten Staaten zu verüben.

          Man muss kein Zyniker vom Schlage des Nationalen Sicherheitsberaters John Bolton sein, um darin einen Akt zu sehen, der eher auf eine Kapitulation denn auf einen Sieg hinausläuft, jedenfalls auf ein Eingeständnis des Scheiterns. Der Westen hat sich übernommen bei dem Versuch, Afghanistan in eine stabile Demokratie zu verwandeln. Nun verhandelt Amerika über die Köpfe der vermeintlich von der Nato unterstützten Regierung des Landes hinweg mit den Aufständischen. Es hätte gewiss keines weiteren Taliban-Anschlags und keines weiteren getöteten amerikanischen Soldaten bedurft, um die Bitterkeit dieses Augenblicks zu bemerken.

          Das macht die Bemühungen nicht grundsätzlich falsch. Nach fast achtzehn Jahren Krieg haben Amerika und seine Verbündeten wohl tatsächlich keine bessere Wahl. Sie müssen die Taliban als Machtfaktor anerkennen und zugleich ihr Möglichstes tun, um die legitime Regierung des Landes zu stärken, damit sie in den unausweichlichen innerafghanischen Gesprächen nicht zwangsläufig den Kürzeren zieht. Doch Trump sollte nicht glauben, ein solches Ergebnis in einen persönlichen Triumph umdeuten zu können. Es gibt gewiss keinen Grund, die Taliban zu einem Fototermin nach Camp David einzufliegen – vier Autostunden entfernt vom Ground Zero in New York, wo 2001 zwei Flugzeuge ins World Trade Center rasten, und noch näher am Militärflughafen Dover, wohin seit 2001 fast zweieinhalbtausend in Afghanistan gefallene Amerikaner in Särgen zurückgebracht wurden.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

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