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Nationalismus : Trumps Ideologie kommt aus Frankreich

Ihre Ideologie schwappt über den Atlantik: Die Vorsitzende des Front National, Marine Le Pen, und ihre Nichte Marion Marechal-Le Pen. Bild: Reuters

Es heißt, Trump könnte Le Pen im Wahlkampf helfen. Dabei ist es umgekehrt: Sein Stratege Stephen Bannon orientiert sich an französischen Nationalisten.

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          Die Freiheitsstatue in New York zeugt davon, dass Frankreich sich als geistiger Pate der amerikanischen Unabhängigkeit sieht. Tatsächlich waren die Ideen der Französischen Revolution nach Amerika exportiert worden, bevor sie in Paris zum Sturm auf die Bastille führten. Von einem ähnlichen Kalender träumt Marine Le Pen heute. Sie hat im Machtwechsel in Washington einen Sieg ihres Ideenguts ausgemacht.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Stephen Bannon, der Chefideologe und Berater Donald Trumps im Weißen Haus, hat bei etlichen Anlässen seine Bewunderung für „die Frauen Le Pen“ bekundet. Langsam tritt zutage, wie sehr das Programm „America First“ von den Thesen des Front National zur „nationalen Präferenz“ inspiriert war. „Wir fragen immerzu, ob die Trump-Bannon-Welle nach Europa schwappen wird und ob Trump Marine Le Pen hilft“, sagte die Politikwissenschaftlerin Alexandra de Hoop Scheffer, die den German Marshall Fund in Paris leitet, kürzlich in einem Interview. „Aber wir sollten besser darauf schauen, in welcher Weise Trump von dem Programm der extremen Rechten in Europa und in Frankreich beeinflusst wurde.“

          Bannon begeistert von Charles Maurras

          Die Konterrevolution des „America First“ gründet auf einem ideologischen Fundament made in France. Bannon ist ein glühender Bewunderer des katholischen Intellektuellen Charles Maurras, der einst einen „integralen Nationalismus“ predigte. Maurras erfand für die rechtsextreme Bewegung Action Française den Slogan „La seule France“: Allein Frankreich. Die Ernennung Marschall Pétains zum Chef des Kollaborationsregimes mit der Devise „Arbeit, Familie, Vaterland“ bezeichnete Maurras als „göttliche Überraschung“.

          Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er wegen Kollaboration mit den Nazis verurteilt und verbrachte seinen Lebensabend im Gefängnis. Er starb 1952 und wird in Frankreich vor allem in monarchistischen und rechtsextremen Kreisen gelesen. Ein hoher französischer Diplomat in Washington berichtete unlängst dem Korrespondenten des „Figaro“ von einem Gespräch mit Bannon. Trumps Berater habe ihn mit der Äußerung überrumpelt: „Das Zeitalter der Aufklärung ist vorbei. Haben Sie Charles Maurras gelesen?“

          Das wirkliche Land gegen das legale Land

          Auf Maurras geht die Unterscheidung zwischen dem wahren Land („pays réel“) und dessen institutioneller Fassade („pays légal“) zurück. Trump und Le Pen eint, dass sie sich als Verteidiger des „pays réel“ anpreisen und behaupten, das Volk gegen das politische Establishment des „pays légal“ zu verteidigen. Le Pen ist nicht zufällig mit dem Slogan „Im Namen des Volkes“ in den Wahlkampf gezogen. Seit langem behauptet sie, dass eine verkrustete politische Elite die Interessen des Volkes in Frankreich verrät.

          In der Zeitschrift „France Amérique Magazine“ berichtete Bannons anonym bleibender Gesprächspartner aus der französischen Botschaft – mutmaßlich Botschafter Gérard Araud –, dass Maurras „der Guru“ Bannons sei. Trump repräsentiere nach Bannons Worten das wirkliche Land aus Fleisch und Blut gegen das abstrakte, legale Land. Botschafter Araud hatte nach dem Wahlsieg Trumps getwittert: „Eine Welt bricht zusammen.“

          Der Kampf gegen das Establishment

          „Diese Leute hassen uns, aber wir haben das Volk. Es steht das legale Land gegen das reale Land. Ich bin mit dem realen Land“, sagte Bannon über seinen Kampf gegen das politische Establishment. Maurras hat weit über den Front National hinaus die Köpfe in Frankreich wieder erobert. In der Presse ist ständig vom „wahren Land“ die Rede.

          Auf den Bestsellerlisten steht ein Buch der Journalistin Anne Nivat mit dem vielsagenden Titel „In welchem Frankreich leben wir?“ Nivat, eine frühere Kriegsreporterin, beschreibt darin eine rechtzeitig vor dem Wahlkampf begonnene Expedition ins „pays réel“. An Maurras’ Ablehnung der vorgeblich den Volkswillen verfälschenden Institutionen inspirierte sich auch der rechtsbürgerliche Präsidentschaftskandidat François Fillon, als er Justiz und Medien anprangerte und von einem „demokratischen Hold-up“ sprach.

          Angst vor dem „großen Austausch“

          Als überzeugte Maurras-Anhängerin gibt sich Marion Maréchal-Le Pen zu erkennen. Die Abgeordnete besuchte im vergangenen Mai sogar die Jahresversammlung der „Action Française“. Die Nichte der Präsidentschaftskandidatin ließ durchblicken, dass sie der Republik als Staatsform nicht sehr gewogen ist. „Frankreich ist mein Land, die Republik ist ein Regime, aber wir können beides nicht gleichstellen“, sagte sie. Sie sei es leid, immer an „republikanische Werte“ erinnert zu werden. Die Nation stehe bei ihr über der Republik: „Wir brauchen Prinzipien, Werte, wir brauchen Meister, denen wir folgen können, und wir brauchen auch einen Gott.“

          In der Bestimmung der Feinde sind sich Trump und Le Pen einig. Als äußeren Feind haben beide den Islam und den Islamismus ausgemacht. Als innere Feinde gelten ihnen Verweichlichung und Werterelativismus. Die Zuwanderungswellen sieht Marine Le Pen als Bedrohung für die abendländische Kultur. Ohne sich offen zu dem französischen Schriftsteller Renaud Camus zu bekennen, teilt sie doch dessen Einschätzung, dass Frankreich (und ganz Europa) von einem „großen Austausch“ („le grand remplacement“) bedroht ist. Die „weiße“ Bevölkerung werde nach und nach von außereuropäischen Einwanderern ersetzt.

          Chefstratege Stephen Bannon zeigt sich von den „Frauen Le Pen“ stets sehr beeindruckt.

          Beide nutzen These der „Überfremdung“

          Le Pen drückt diese These, die auch bei Bannon durchschimmert, literarisch verdeckt aus. Ihr Standardwerk ist dabei die 1973 veröffentlichte Dystopie Jean Raspails „Das Heerlager der Heiligen“. Auf dem Höhepunkt der europäischen Flüchtlingskrise im September 2015 twitterte Le Pen, Frankreich stehe vor einer Invasion durch die Einwanderer. „Ich empfehle den Franzosen, das Heerlager der Heiligen zu lesen oder wieder zu lesen“, schrieb sie.

          Im Januar darauf äußerte Bannon: „Das Problem Europas ist die Einwanderung. Das ist heute eine weltweite Frage, eine Art Heerlager der Heiligen.“ Die Idee einer von Überfremdung heimgesuchten französischen Hauptstadt kolportierte auch der amerikanische Präsident, als er sagte, sein Freund Jim traue sich nicht mehr nach Paris. „Paris ist nicht mehr Paris“, sagte Trump.

          Autor Raspail warnte vor Selbstaufgabe Frankreichs

          Der greise Autor Jean Raspail, der im 17. Arrondissement von Paris wohnt, will diese vorgebliche Selbstaufgabe Frankreichs vorhergesehen haben. Der Schriftsteller Michel Houllebecq sagte kürzlich, Raspails Buch sei ihm eine Inspirationsquelle für seinen Roman „Die Unterwerfung“ gewesen. Als Genugtuung gilt Raspail, dass einer seiner schärfsten Kritiker vor 30 Jahren, der damalige Regierungssprecher Präsident Mitterrands, Max Gallo, ihm heute visionäre Fähigkeiten zubilligt. Gallo dankte Raspail 2006 für seine „prophetische Gabe“.

          Im „Heerlager der Heiligen“ geht es um die Invasion indischer Massen, die Europa überfluten, dessen Völker demoralisiert und von ihren politischen Eliten verraten wurden. Raspail sagt, es sei egal, woher die Einwanderer kommen, die Inder seien für ihn nur eine Parabel. Die „Armada des Elends“ landet bei Raspail an der Côte d’Azur. Der Autor beschreibt, wie das Land sich kampflos den Invasoren ergibt, infolge einer lange zuvor begonnenen Wertezersetzung.

          Le Pen möchte Frankreich „wieder erobern“

          Raspail sieht Europa als bedrohten Kontinent, der Selbstbehauptung als unmoralisch ablehnt, allein auf wirtschaftliche Gewinnmaximierung aus ist und das Gemeinwohl opfert. Der 91 Jahre alte Franzose sagte kürzlich, die Flüchtlingskrise setze „30 Jahren der Beleidigungen und Verleumdungen ein Ende“. Er sei sein ganzes Leben lang durch die Welt gereist und habe als Mitglied der „Gesellschaft französischer Entdecker“ etliche aussterbende Völker beschrieben. Er sei kein Rassist, sondern wolle die europäische Zivilisation retten. Raspail sagte, er träume von einer europäischen Reconquista.

          Le Pen hat diese Idee einer Wiedereroberung Frankreichs durch die alteingesessenen Franzosen zu einem Leitmotiv des Wahlkampfes gemacht. Sie gibt vor, dass die EU Frankreich dazu zwinge, seine Grenzen offen zu halten, und deshalb eine nationale Renaissance verhindere. Sie instrumentalisiert das Gesetz über die Trennung von Staat und Religion, um den Islam aus dem Straßenbild zu verdrängen. Im Namen der Laizität will sie ein allgemeines Kopftuch-Verbot durchsetzen. Sie hat zudem versprochen, Doppelstaatsbürgerschaften nicht länger zuzulassen, es sei denn, es handelt sich um Franzosen mit einer anderen europäischen Staatsbürgerschaft.

          Die nationale Präferenz hat sie in „nationale Priorität“ umgetauft. Als Präsidentin will sie alle Beschäftigungsverträge von Ausländern mit einer Sondersteuer belegen. Seit langem preist sie einen „Wirtschaftspatriotismus“ mit protektionistischen Maßnahmen an, die Bannons „economic nationalism“ ähneln. Kürzlich sagte Le Pen: „Ich habe mir nicht Trump als Modell gewählt, er ist es, der umsetzt, was ich seit Jahren fordere.“

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