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Transatlantisches Verhältnis : Die Deutschen verzweifeln an Amerika

Partner oder Kontrahenten? Präsident Trump, Kanzlerin Merkel im November 2018 bei den Feierlichkeiten zu 100 Jahren Kriegsende in Paris Bild: Reuters

Die Amerikaner hingegen nehmen keine Verschlechterung der Beziehungen wahr, zeigt eine neue Studie. Was die Bedeutung der Nato angeht, sind sich die Befragten auf beiden Seiten des Atlantiks ziemlich einig.

          Die Deutschen betrachten die deutsch-amerikanischen Beziehungen zunehmend mit großer Sorge – die Amerikaner hingegen sehen das bilaterale Verhältnis weiter positiv. Das ist das Ergebnis einer Studie des Washingtoner Pew Research Centers und der Körber-Stiftung. Demnach gaben in einer Umfrage im Herbst 2018 sieben von zehn befragten Amerikanern an, dass sich ihr Gefühl gegenüber Deutschland im letzten Jahr nicht stark verändert habe – zwei Prozentpunkte mehr als 2017. In Deutschland bezeichneten hingegen 73 Prozent der Befragten die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten als schlecht – eine Steigerung im Vergleich zum Vorjahr um 17 Prozentpunkte.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Nahezu drei Viertel der Befragten hierzulande sind demnach auch der Ansicht, dass Deutschland sich von Washington lösen und sich in der Außenpolitik von den Vereinigten Staaten emanzipieren müsse. Hingegen plädieren rund zwei Drittel der Amerikaner dafür, die Beziehungen zu Deutschland und den europäischen Verbündeten so eng wie bislang zu belassen. In Deutschland plädierten demnach nur 41 Prozent der Befragten für eine stärkere Kooperation mit den Vereinigten Staaten – in Amerika gaben das sieben von zehn Befragten an. Zugleich wünschen sich in Deutschland fast doppelt so viele wie in Amerika eine stärkere Zusammenarbeit mit Russland (69 zu 35 Prozent).

          Prinzipiell wünschen sind die Befragten in beiden Ländern aber engere Bande mit denselben Partnern: Großbritannien, Frankreich und China. Vor allem in Deutschland belegt die Umfrage das starke deutsch-französische Band: 82 Prozent der Deutschen würden die Achse Berlin-Paris gern gestärkt sehen – mit Abstand der größte Wert unter allen Ländern. Für 61 Prozent der Deutschen ist Frankreich der wichtigste Partner, danach folgen – mit großem Abstand – die Vereinigten Staaten (35 Prozent), Russland (17 Prozent) und China (12 Prozent). Bei den Amerikanern ist das Bild diffuser – einen so eindeutigen Lieblingspartner wie in Deutschland gibt es für sie nicht. 78 Prozent der Amerikaner wünschen sich eine stärkere Zusammenarbeit mit London; 37 Prozent sehen Großbritannien als wichtigsten außenpolitischen Partner. Danach folgen China (26 Prozent), Kanada (25 Prozent), Israel (12 Prozent) und Russland (10 Prozent).

          Auch die Bedeutung der Nato, deren Legitimation von Donald Trump vor allem zu Beginn seiner Präsidentschaft angezweifelt wurde, wird auf beiden Seiten des Atlantiks weiterhin hoch geschätzt: Unter den Amerikanern hatten 64 Prozent der Befragten eine positive Meinung über das Bündnis, in Deutschland 63 Prozent. Auch bei der Bewertung Chinas herrscht in beiden Ländern weitgehend Einigkeit – im negativen Sinne: In Amerika äußerten sich lediglich 38 Prozent positiv über das Land, in Deutschland war die Zahl mit 39 Prozent der Befragten quasi auf Augenhöhe.

          Interessant ist die Frage, ob Deutschland und Europa höhere Verteidigungsausgaben anstrengen sollten: Mit 43 Prozent stimmen mittlerweile mehr Deutsche dieser Forderung zu als Amerikaner (39 Prozent). Vor einem Jahr war das Verhältnis noch umgekehrt: 2017 plädierten 45 Prozent der Amerikaner für eine Erhöhung der deutschen und europäischen Ausgaben, aber nur 32 Prozent der Deutschen. Insgesamt sind sich Befragte beider Länder in ihrer Bewertung der Nato aber weitgehend einig. Angesichts der heftigen innerdeutschen Debatte über Trumps Forderung nach einem stärkeren finanziellen Engagement Deutschlands und Europas in der Nato und dem umstrittenen Zwei-Prozent-Ziel ist das durchaus bemerkenswert. 

          Auch beim Thema Handel sind die Gemeinsamkeiten auf beiden Seiten des Atlantiks groß. Zwar stimmten in Amerika mit 74 Prozent deutlich weniger Befragte dem Satz zu, Handel mit anderen Ländern sei gut (Deutschland: 89 Prozent). Insgesamt betrachtet, wird der Handel in beiden Ländern damit aber weiter als sehr wichtig betrachtet.

          Deutliche Unterschiede ergeben sich, wenn man auf die beiden politischen Lager in Amerika blickt. So unterstützten Republikaner und ihnen nahestehende Befragte deutlich stärker Trumps Strafzölle auf Güter aus Deutschland und anderen europäischen Ländern (72 Prozent). Unter den Demokraten stimmten lediglich 26 Prozent Strafzöllen zu. Auch bewerteten Republikaner das Verhältnis zu Deutschland gemeinhin positiver als demokratische Befragte (81 zu 64 Prozent).

          Das Vertrauen der Amerikaner in die deutsche Kanzlerin ist in beiden politischen Lagern nur noch durchschnittlich ausgeprägt: Unter den Demokraten gaben 67 Prozent der Befragten an, sie hätten „Vertrauen“ zu Angela Merkel. Bei den Republikanern sagten das nur 47 Prozent – 20 Prozentpunkte weniger.

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