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Das Entsetzen der Polizisten : Allein der Glaube fehlt

  • -Aktualisiert am

Eine Frau schreit in Minneapolis während einer Demonstration nach dem Tod von George Floyd einen Polizisten an. Bild: dpa

Selten haben Polizisten in ganz Amerika die Handlungen eines Kollegen so deutlich verurteilt wie im Fall des Todes von George Floyd. Doch für viele Menschen sind die Worte nur Lippenbekenntnisse.

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          Derek Chauvin war in Minneapolis kein Unbekannter, wenn es um Brutalität im Dienst ging. Gegen den Polizisten, der dem Afroamerikaner George Floyd am Montag so lange die Luft abdrückte, bis er starb, gab es bereits ein Dutzend Beschwerden. Keine davon hatte strafrechtliche oder disziplinarische Konsequenzen. Auch nicht, als die heutige Senatorin Amy Klobuchar zuständige Generalstaatsanwältin von Hennepin County in Minnesota war. In ihrer Amtszeit führten zwei Dutzend Fälle, in denen Polizisten Bürger töteten, nicht zu Anklagen. Die Entscheidung darüber überließ Klobuchar damals Geschworenenjuries. Das war so üblich. Aber dennoch werden sich ihre Chancen, neben Joe Biden als Vizepräsidentin ins Rennen zu gehen, jetzt nicht verbessern. Die Politikerin erklärte inzwischen, der Tod von George Floyd schreie nach „einer Art von Anklage“.

          Die Menschen, die in Minneapolis und anderen Städten gegen Rassismus und Polizeigewalt auf die Straße gehen, dürften das für ein Lippenbekenntnis halten. Demonstranten und Polizisten wurden dabei in den vergangenen Tagen zum Teil gewalttätig. Einige Menschen plünderten in Minneapolis Läden und zündeten Gebäude an. In Los Angeles blockierten sie eine Autobahn und einzelne Teilnehmer warfen Steine auf Polizeiautos. Die Beamten griffen Demonstranten mit Tränengas an, in Minnesota rief der Gouverneur die Nationalgarde. Am Mittwoch hatte der Bürgermeister von Minneapolis, Jacob Frey, gefordert, den Polizisten Chauvin festzunehmen: „Ich habe in den vergangenen 36 Stunden vor allen Dingen mit der einen, fundamentalen Frage gekämpft: Warum ist der Mann, der George Floyd getötet hat, nicht in Gewahrsam?“ hatte er gefragt.

          Unterdessen bemühten sich Polizisten im ganzen Land sich von der Tat zu distanzieren, die vollständig auf Video festgehalten worden war. William Johnson, Direktor der National Association of Police Organizations, sagte, er könne „keine juristische Rechtfertigung, keine Rechtfertigung im Sinne von Selbstverteidigung oder irgendeine moralische Rechtfertigung“ für Chauvins Verhalten erkennen. Im ganzen Land versicherten Polizeivertreter, dass der Beamte in Minneapolis nicht für sie stehe. Entgegen ersten Berichten sei auch das Niederhalten eines Festgenommenen mit dem Knie am Genick keine Polizeitechnik, die die Behörden unterstützen. Viele Polizeichefs sagten am Donnerstag, dass sie dieses Vorgehen verurteilten. Art Acevedo, Vorsitzender der Vereinigung von Polizeichefs größerer Städte, sagte dem „Wall Street Journal“, er könne sich an keine so einhellige Verurteilung einer Gewalttat im Dienst erinnern. Er habe von keinem seiner Kollegen eine Rechtfertigung der Tat in Minneapolis gehört, so Acevedo, der Polizeichef von Houston in Texas ist.

          Für viele Menschen, die in Minneapolis, Los Angeles oder New York gegen rassistische Polizeigewalt protestieren sind das Versuche, von strukturellen Problemen abzulenken und den Demonstranten die alleinige Schuld an der Eskalation zu geben. Viele Kommentatoren vertraten die Ansicht, dass sich am strukturellen Rassismus in- und außerhalb des Justizsystems nicht viel geändert habe. Bakari Sellers, ein Lokalpolitiker aus South Carolina, weinte in einer Live-Schalte beim Nachrichtensender CNN. Er wisse nicht, was er seinen Kindern sagen solle, die als Afroamerikaner jederzeit von Polizisten angehalten und getötet werden könnten. Sellers' Vater war ein bekannter Bürgerrechtler, der Ende der 1960er Jahre wegen Aktionen des zivilen Ungehorsams für ein Jahr ins Gefängnis kam.

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