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Der Präsident und die Frauen : Trump wandelt auf schlüpfrigem Grund

  • -Aktualisiert am

Nikki Haley steht hinter ihrem Präsidenten. Trotzdem findet sie, dass man den Frauen zuhören sollte, die Belästigungsanschuldigungen erheben. Bild: Reuters

Der Umgang des Präsidenten mit Sex-Vorwürfen irritiert. Jetzt haben mehrere Frauen ihre Anschuldigungen erneuert. Ein Richter in New York könnte nun für neuen Ärger sorgen.

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          Eigentlich war die UN-Botschafterin am Sonntag in einer Talkshow, um Donald Trumps Führung von Jerusalem bis Pjöngjang zu rühmen. Zum Schluss aber wurde Nikki Haley auf den besonderen „kulturellen Augenblick“ in Amerikas Geschichte angesprochen – den Umstand, dass es plötzlich so viele Frauen wagten, mächtigen Männern „sexuelle Missetaten“ vorzuwerfen. Haley gab sich „unglaublich stolz auf diese Frauen“.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Gelte das auch für die mindestens zwölf Frauen, die Trump beschuldigen? Nach kurzem Zögern bejahte seine Botschafterin die Frage. „Wir sollten Frauen zuhören, wen auch immer sie beschuldigen.“ Die Republikanerin fügte hinzu: „Und wir haben vor der Wahl von ihnen gehört.“ Heiße das, hakte der Moderator nach, dass die Sache erledigt sei? „Das hat das Volk zu entscheiden“, antwortete Haley. „Ich weiß, dass er gewählt worden ist. Doch Frauen sollten sich immer erklären können. Und wir sollten ihnen zuzuhören.“

          Vermeintliche moralische Überlegenheit

          Ein anderes weibliches Gesicht der Regierung vertritt die gegenteilige Ansicht. Trumps Sprecherin Sarah Sanders bezichtigt die gut zwölf Frauen der Lüge, die Trump vorwerfen, er habe sie unerwünscht geküsst oder begrapscht. Außerdem erklärte Sanders gleichsam die Wähler zu Geschworenen und Trumps Wahlsieg zu seinem Freispruch – die Sache sei seit dem 8. November 2016 erledigt. Doch Haleys Äußerung erinnert daran, dass der Präsident auf schlüpfrigem Grund wandelt. Immerhin hatte er sich die ähnlichen Vorwürfe mehrerer Frauen gegen den Senator Al Franken sofort zu Eigen gemacht und sie verbreitet. Auch der Demokrat bestreitet alle Anschuldigungen – aber er trat vorige Woche zurück, ebenso wie sein Parteifreund John Conyers. Trump dagegen ruft mit Inbrunst zur Wahl des Richters Roy Moore auf, der sich an diesem Dienstag in Alabama um einen Sitz im Senat bewirbt. Die Vorwürfe, Moore habe in den siebziger Jahren minderjährigen Mädchen nachgestellt und mindestens zwei von ihnen sexuell genötigt, bezeichnet zwar auch das Weiße Haus als „beunruhigend“. Doch Trump hebt hervor, dass Moore alles bestritten habe; dass die Vorwürfe zweifelhaft seien, weil sie erst jetzt erhoben würden – und vor allem, dass der Demokrat nicht gewinnen dürfe.

          Nach den Rücktritten in den eigenen Reihen zelebrieren die Demokraten ihre vermeintliche moralische Überlegenheit. Sie fragen tagaus, tagein, warum Trump und Moore nicht dem Beispiel von Conyers und Franken folgten. Republikaner halten dagegen, indem sie die Linken auffordern, alle Spenden des Filmproduzenten Harvey Weinstein und anderer inkriminierter Hollywood-Größen zurückzuzahlen. Kaum einer versteht sich besser als Trump darauf, das Thema zu wechseln.

          „Ja, Donald Trump, Sie haben das gesagt.“

          Wie gut ihm das in diesem Fall gelingt, hängt nun auch vom Ausgang der Wahl in Alabama ab. Sollte Moore in dem Staat gewinnen, würde er in Washington wohl mit einer Untersuchung des Ethik-Ausschusses begrüßt. Das jedenfalls hat Mehrheitsführer Mitch McConnell gesagt, den der christlich-fundamentalistische Kandidat Moore schon als Erzfeind ausgemacht hatte, bevor ihm das Etikett des Kinderschänders angehängt wurde. Auch Alabamas republikanischer Seniorsenator Richard Shelby bekräftigte am Wochenende seine Warnung, dass Moores Wahl finstere Stereotype über ein angeblich rückständiges Alabama bekräftigen würde. Doch Trump hält zu Moore – denn der verspricht, Trump zu helfen, „Amerika wieder großartig zu machen“. Die Frage eines Afroamerikaners, wann das Land denn zuletzt „großartig“ gewesen sei, beantwortete er unlängst so: „Ich finde, es war großartig, als unsere Familien zusammenhielten – auch wenn wir da Sklaverei hatten, sie sorgten füreinander.“ McConnell hatte in den Sex-Vorwürfen eine Chance erkannt, den Republikanern Moore vom Hals zu halten, doch der Präsident sah das anders. Noch mehr könnte für Trump allerdings von einem Richter in New York abhängen. Der muss befinden, ob er die Klage eines angeblichen Trump-Opfers annimmt. Summer Zervos’ war Kandidatin in Trumps Castingshow „The Apprentice“ gewesen und machte schon im Wahlkampf publik, dass er sie 2007 ohne ihre Einwilligung begrapscht und geküsst habe. Nun hat sie den Präsidenten wegen Verleumdung verklagt, weil er sie als Lügnerin abgestempelt habe.

          Sollte der Richter das Verfahren zulassen, dürften Zervos‘ Anwälte andere Frauen vorladen, die Ähnliches ausgesagt haben. Bei einem gemeinsamen Auftritt im Sender NBC schilderten Jessica Leeds, Samantha Holvey und Rachel Crooks am Montag Begegnungen mit Trump, die sich vor mehreren Jahren zugetragen haben sollen. In einer anschließenden Pressekonferenz appellierten sie an den Kongress, eine Untersuchung gegen den Präsidenten einzuleiten. Leeds behauptet, Trump habe ihr in den frühen achtziger Jahren auf einem Flug an die Brüste gefasst und versucht, unter den Rock zu fassen. Und erst vorige Woche berichtete die frühere Fox-News-Moderatorin Juliet Huddy, Trump habe sie 2011 in einem Aufzug plötzlich auf den Mund geküsst. Damals habe sie das nicht als Übergriff empfunden, doch heute sei sie mit 48 Jahren „reifer“, sagte Huddy.

          2005 hatte Trump gegenüber dem Moderator Billy Bush geprahlt: „Weißt du, ich bin automatisch hingezogen zu hübschen – ich fange einfach an, sie zu küssen.Ich warte gar nicht. Und wenn du ein Star bist, dann lassen sie es dich machen“ – zum Beispiel „sie bei der Pussy packen, du kannst alles machen“. Als der Mitschnitt davon einen Monat vor der Wahl publik wurde und führende Republikaner den Kandidaten zum Rückzug aufforderten, sagte Trump den Amerikanern: „Ich habe es gesagt, es war falsch, und ich entschuldige mich.“ Zuletzt aber soll er Vertrauten gegenüber die Echtheit des Videos bestritten haben. Das rief Moderator Billy Bush auf den Plan, der noch einmal bestätigte: „Ja, Donald Trump, Sie haben das gesagt.“ Damals habe er freilich gedacht, alles sei nur Show. „Heute“, so Billy Bush, „wissen wir es besser.“

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