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Ron DeSantis in Florida : Das nützliche Schreckgespenst

  • -Aktualisiert am

Politiker, Veteran, Bolsonaro-Fan: Der republikanische Gouverneurskandidat Ron DeSantis Bild: AFP

Ron DeSantis will Gouverneur von Florida werden. Viele, die Donald Trump lieben, finden auch ihn toll. Wenn er auftritt, sind Hass auf Sozialismus und Begeisterung für Brasiliens nationalistischen Präsidenten stets mit dabei.

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          „Fake News! Schämt euch, schämt euch, schämt euch!“ „Sozialisten, Kommunisten, wir hassen Euch!“ „Ihr macht kein Venezuela aus meinem Florida!“ In Little Havana schreien die Anhänger des Gouverneurskandidaten Ron DeSantis die versammelten Journalisten an. Es ist ein kleines Wahlkampf-Event: keine hundert Menschen sind gekommen, um dem Kandidaten vor der berühmten Bäckerei „Versailles“ zuzuhören. Das Viertel ist eigentlich ein ziemlich friedlicher, fröhlicher Ort: kubanische Restaurants und Bars ziehen Touristen und Einheimische an. Beim Thema Politik kann es aber schon mal etwas lauter werden. Viele Exilkubaner sind hier zu Hause, sie sind oft leidenschaftlich gegen alles, was in Amerika unter dem Label „Sozialismus“ läuft. Ron DeSantis will ihr Freund sein: „Ich will eine Anklage von Raúl Castro sehen“, ruft er und die Menschen vor der Bäckerei jubeln. „Wir stehen zusammen gegen die Diktatur in Venezuela!“ Erfreulich findet DeSantis dagegen die Wahl von Jair Bolsonaro zum Präsidenten von Brasilien. „Und jetzt, mit der neuen Regierung in Brasilien, werden wir sehr gute Beziehungen mit Brasilien haben!“ sagt er.

          Wie sein demokratischer Konkurrent Andrew Gillum tourt DeSantis zur Zeit durch den ganzen Bundesstaat. Der 40 Jahre alte Jurist und ehemalige Staatsanwalt, der 2012 ins Abgeordnetenhaus in Washington gewählt wurde, ist ein Kandidat nach dem Geschmack von Donald Trump. Der Präsident unterstützt ihn enthusiastisch. DeSantis hat eine aktive Militärzeit vorzuweisen, war im Irak stationiert, studierte in Yale und in Harvard. Der Katholik ist Vater von zwei Kindern, die er auch sehr gern im Wahlkampf vorzeigt. In Little Havana lieben manche den Kandidaten auch für den zu Markte getragenen Familiensinn. „Ich vertraue ihm, er ist ein guter Vater und wird ein guter Vater für Florida sein“, sagt Maria Rosario, die vor der Bäckerei Sonnenhüte verkauft. „Ich will keinen Sozialismus, bloß keinen Sozialismus“, sagt ihre Freundin.

          Auch ein paar Rechtsradikale sind gekommen, mit „Proud Boys”-T-Shirts. Die „Proud Boys“ sind ein rechter Männerverein – kürzlich machte ihr New Yorker Club Schlagzeilen, weil mehrere Mitglieder sich in Manhattan eine Schlägerei mit Antifa-Leuten lieferten. Einer dieser „Proud Boys“ hält vor der Versailles-Bäckerei ein Schild hoch, das Andrew Gillum in Nazi-Uniform zeigt. „Der Führer Gross Florida,“ steht da. Könnte der Mann, der das Bild mitgebracht hat, verstehen, wenn sich Holocaustüberlebende davon verletzt fühlen? „Ja, ich verstehe ihren Schmerz, aber sie sollen auch unseren Schmerz verstehen, wenn wir als Nazis bezeichnet werden,“ sagt er. Die „wahren Braunhemden“ seien die Antifas.

          Ein paar Tage später macht DeSantis Halt in Boca Raton, einer der reichsten Gemeinden von Florida. Die Ecke ist berühmt dafür, dass Senioren aus dem ganzen Land sich hier niederlassen und Häuser kaufen – besonders Leute aus New York und anderen Ostküstenstädten. Die Hektik und auch die Vielfalt von Miami sind hier weit weg – das Rentnerparadies ist zu rund neunzig Prozent weiß. John Harrold war schon wählen. Er fährt Uber in Boca, gehört als Afroamerikaner zur kleinen Minderheit. Er ist 62 - und findet es gut, dass er fahren kann wann er will, denn seinen Hauptjob macht er auch freiberuflich.

          Als „Closing Agent” sorgt John dafür, dass Hausverkäufe in der Gegend ordentlich über die Bühne gehen – er ist weder Anwalt noch Immobilienmakler, sondern etwas dazwischen, sagt er. Die hohen Zinsen drücken im Moment die Stimmung. Aber nicht nur die. „Ich war eigentlich immer Republikaner, aber diesmal habe ich für den Demokraten gestimmt. DeSantis macht Stimmung mit feindseligen Sprüchen, dafür bin ich nicht zu haben,“erklärt John. „Klar brauchen wir eine sichere Grenze, aber Obama hat auch viele Leute abgeschoben“, sagt er. „Dass ich fast immer die Republikaner gewählt habe, lag an Ronald Reagan, ich mochte vieles an seiner Politik. Ich bin wirtschaftlich konservativ, aber sozialpolitisch nicht so.“ Was denkt er über die Beschimpfungen von Donald Trump, der schwarzen Kandidaten wie Andrew Gillum und Stacey Abrams in Georgia unterstellt, sie seien nicht geeignet? „Ja, das sind rassistische dog whistles. Das bedeutet Geräusche, die nur Hunde hören, so nennen wir das.“ Damit ist gemeint: Rassisten hören die Botschaft, ohne das Donald Trump sie direkt sagen muss. Trump sei schlecht für das Land, glaubt John. „Er versteht viele Sachen selber nicht. Nehmen Sie die Zölle. Ich fahre einen Volkswagen und es wird nicht mein letzter Volkswagen sein, ein gutes Auto baut ihr da, aber es wird dann teurer. Ich werde es trotzdem kaufen, aber das ist die falsche Richtung.“ Grundsätzlich denke der Präsident oft nicht richtig nach. „Trump versteht nicht, dass er nicht nur der Präsident seiner Basis sein kann, er muss sich auch um uns andere bemühen.“

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