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Romneys Panne : Nichts bereuen

  • -Aktualisiert am

Mit seinen kommunikativen Entgleisungen bringt sich Mitt Romney um seine Chancen im amerikanischen Wahlkampf. Doch er wählt tapfer die Vorwärtsverteidigung.

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          Erst Clint Eastwoods gespenstischer Monolog auf dem Parteitag in Tampa, jetzt Mitt Romneys politisches Tourettesyndrom in einem vermeintlich geheimen Video - der republikanische Wahlkampf in Amerika nimmt Fahrt auf. Als Ronald Reagan 1984 bei einem vermeintlich nicht aufgezeichneten Mikrofontest vor einer Radioansprache ans amerikanische Volk einen Scherz machte, mit dem er die Sowjetunion für vogelfrei erklärte und den Beginn der Bombardierung dieses Gegners im Kalten Kriege binnen fünf Minuten ankündigte, half ihm alles spätere Beharren auf der Scherzhaftigkeit seiner Aussage nichts: Auch wenn er selbst darin eine satirische Überspitzung des Vorwurfs seiner Kriegstreiberei sehen wollte, meinten viele, er habe nur sein wahres Gesicht gezeigt.

          Genauso sehen viele nun auch die Entlarvung des wahren Romney in jenem „secret video“, das bereits im Mai aufgenommen wurde und jetzt an die Öffentlichkeit gelangt ist. Romney spricht darin in privatem Kreis vor reichen republikanischen Spendern und trifft die Aussage, fast die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung seien Gesellschaftsverlierer, die sich selbst als Opfer sähen und nur Obama wählten, um ihr Recht auf staatliche Rundumversorgung zu zementieren.

          Aus der Geschichte der Kommunikationspannen immerhin scheinen die Republikaner ein bisschen gelernt zu haben, denn Romney reagierte auf die Veröffentlichung dieses Videos mit einer Reagans Cowboymentalität fast noch übertreffenden Haltung des „Ich bereue nichts“. Er habe sich lediglich nicht sehr elegant ausgedrückt, sagte er, was man wiederum fast als Koketterie gegenüber einer Kaste verstehen kann, die wie Dirty Harry rhetorisch lieber erst schießt und dann fragt. Es braucht allerdings auch keinen Think- tank, um zu der Einsicht zu gelangen, dass in einem derartigen Fall von negativer Selbstpropaganda nur noch die Flucht nach vorn helfen konnte. Denn wie stünde Romney vor seinen neoliberalen Wählern da, von denen möglicherweise mehr als die Hälfte die Aussagen aus dem Video voll unterstützt, wenn er sich nun auch noch für diese Aussagen entschuldigen würde?

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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