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Virginia entfernt Denkmäler : Plötzlich sind die Tage der Konföderation gezählt

Feindliche Übernahme: Demonstration gegen Rassismus am Denkmal für den Konföderierten-General Robert E. Lee in Richmond Bild: Picture-Alliance

Über Richmonds prächtigstem Boulevard thront ein bronzener Robert E. Lee mit anderen Repräsentanten der Südstaaten. Für viele Afroamerikaner symbolisieren sie andauernde Unterdrückung. Auf einmal kommen die Statuen weg.

          5 Min.

          Es ist eine zynische Feststellung, aber sie bewahrheitet sich seit einigen Jahren immer wieder. Afroamerikanische Bürgerrechtler tun sich vor allem im „Alten Süden“ der Vereinigten Staaten schwer, die Beseitigung von Denkmälern und Symbolen durchzusetzen, die aus ihrer Sicht die Sklaverei glorifizieren – es sei denn, sie bekommen „Hilfe“ von Neonazis und Rassisten. Wenn rassistische Gewalt die Nation erschüttert, werden plötzlich in Hauruck-Aktionen Flaggen eingeholt und Denkmäler geschleift, die noch Wochen vorher als unantastbar galten.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          2015 erschoss ein weißer Rassist neun Afroamerikaner in einer Kirche in Charleston im Bundesstaat South Carolina. Kurz danach fasste das Parlament des Staats einen Beschluss, zu dem es sich in vielen vorherigen Anläufen nicht hatte durchringen können: Die Kriegsflagge der im Bürgerkrieg unterlegenen Konföderation der Südstaaten wurde vom Gelände des Kapitols in Columbia entfernt.

          Zwei Jahre später erschütterte ein Aufmarsch von Neonazis und Antisemiten in der Universitätsstadt Charlottesville im Staat Virginia viele Amerikaner. Vordergründig war es ein Protest gegen die Entscheidung des Stadtrats, ein Reiterstandbild von Robert E. Lee aus einem Park zu entfernen. Lee hatte am Ende des Bürgerkriegs von 1861 bis 1865 die Truppen jener Staaten angeführt, die an der Sklaverei festhalten wollen, und wird trotz deren Niederlage von vielen Amerikanern bis heute als Verkörperung von Anstand, Ehre und Tapferkeit verehrt.

          „Unsere Geschichte wird zerfetzt“, warnt Trump

          Auf einem Fackelmarsch im August 2017 wurde in Charlottesville die Parole „Juden werden uns nicht ersetzen“ gerufen; tags drauf tötete ein Rechtsradikaler eine Gegendemonstrantin, indem er mit dem Auto in die Menge fuhr. Präsident Donald Trump warb für den Erhalt des Lee-Denkmals, weil sonst „Geschichte und Kultur unseres großartigen Landes zerfetzt werden“. Und Trump beteuerte, dass in Charlottesville „auf beiden Seiten gute Leute“ protestiert hätten. In den folgenden Tagen ließen Bürgermeister in etlichen Städten aus Angst vor Ausschreitungen Lee-Statuen und ähnliche Denkmäler demontieren, teilweise ohne Ankündigung und im Dunkel der Nacht.

          General Lee guckt nach Süden: Demonstranten in Richmond am Mittwoch

          Nun erlebt Amerika nach der Tötung des Afroamerikaners George Floyd in Minneapolis einen weiteren solchen Kristallisationspunkt – und nun soll es den vielleicht prächtigsten Denkmälern zu Ehren der Konföderation an den Kragen gehen. Virginias demokratischer Gouverneur Ralph Northam erteilte am Donnerstag die Anweisung, das Lee-Denkmal auf der Prachtstraße Monument Avenue in der Hauptstadt Richmond von seinem Sockel zu nehmen und irgendwo zwischenzulagern, bis über eine künftige Verwendung entschieden sei.

          Das 4,30 Meter hohe Reiterstandbild aus Bronze war im Jahr 1890, 25 Jahre nach dem Sieg der Union und dem offiziellen Ende der Sklaverei, auf einen 14 Meter hohen Marmorsockel gesetzt worden. Die Presse berichtete damals euphorisch darüber, wie 10.000 Bürger den Koloss mit 20.000 Händen an Seilen vom Hafen am James River auf ein brachliegendes Tabakfeld zerrten, das sich bald danach zum vornehmsten Viertel der Stadt entwickeln sollte.

          1890, 25 Jahre nach der Niederlage: In Richmond wird die Lee-Statue enthüllt.

          Richmond war die Hauptstadt der Konföderation gewesen, und Lee sollte auf dem Boulevard nicht lange allein daran gemahnen. Weitere wuchtige Denkmäler aus den Jahren 1895 bis 1929 erinnern an die Generäle J.E.B. Stuart und Stonewall Jackson, an den „Präsidenten“ der Konföderation Jefferson Davis und an den Ozeanographen Matthew Fontaine Maury, der sich für die Südstaaten um die Küstenverteidigung gekümmert hatte. Im Gegensatz zu Lee stehen diese Denkmäler nicht auf einem Grundstück des Staates Virginia, sondern gehören der Stadt. Bürgermeister Levar Stoney kündigte am Mittwochabend an, sie zum 1. Juli ebenfalls entfernen zu lassen. Früher gehe das nicht, sagte Stoney entschuldigend. Denn bis Ende Juni gilt in Virginia noch ein Gesetz, das Kommunen den eigenmächtigen Abbau von Monumenten verbietet, die an die Konföderation erinnern.

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