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Präsidentenwahl 2020 : Wann ist ein Politiker zu alt fürs Weiße Haus?

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Bewerber mit stattlichem Alter – und vielen Fans: Bernie Sanders. Bild: EPA

Das fortgeschrittene Alter einiger Kandidaten für die Präsidentenwahl im kommenden Jahr sorgt in den Vereinigten Staaten für Diskussionen. Sollte wirklich ein Methusalem ins Weiße Haus ziehen?

          Als Barack Obama im Januar 2017 die Amtsgeschäfte an seinen Nachfolger übergab, war der Tribut, den die Jahre als amerikanischer Präsident gefordert hatten, unübersehbar. Obamas Haare waren ergraut, seine Falten sichtbar tiefer geworden und zahlreiche lange Nächte hatten deutliche Ringe unter seinen Augen hinterlassen. Viele deuten diese Alterserscheinungen als Zeichen der extremen Anforderungen, die mit dem höchsten Amt in den Vereinigten Staaten einhergehen. Durch den anlaufenden Präsidentschaftswahlkampf ist das Thema abermals Gegenstand von Diskussionen geworden – denn das potentielle Kandidatenfeld scheint älter denn je.

          Mit Bernie Sanders (77), Elizabeth Warren (69) und Joe Biden (76), der seine Kandidatur noch nicht offiziell bekannt gegeben hat, sind drei der aussichtsreichsten Bewerber auf Seiten der Demokraten zum Zeitpunkt der Wahl deutlich älter 70 Jahre. Auch Amtsinhaber Donald Trump wird 74 Jahre alt sein, wenn er ins Rennen für weitere vier Jahre im Oval Office geht. Könnte einer der vier Kandidaten 2020 tatsächlich eine Mehrheit des Electoral College auf sich vereinen, würde er oder sie zum ältesten Staats- und Regierungschef in der Geschichte der Vereinigten Staaten werden. Zum Vergleich: Seit Konrad Adenauer, der im Alter von 73 Jahren Regierungschef wurde, war in der Bundesrepublik kein Kanzler bei Amtsantritt älter als 66 Jahre.

          Ist ein alter Präsident für jüngere Menschen problematisch?

          Auch wenn der aktuelle amerikanische Präsident nicht als Arbeitstier gilt, verlangt das Amt zweifellos einige körperliche und mentale Leistungsfähigkeit. Heute älter als 70 Jahre alt zu sein, bedeutet jedoch nicht das gleiche wie früher. Bedingt durch den medizinischen Fortschritt und Wandel in der Arbeitswelt steigt die Lebenserwartung seit Jahrzehnten konstant. Dennoch entstehen durch die Kandidaturen der Methusalems aus medizinischer Sicht einige Risiken. Laut Daten des Gesundheitsministeriums der Vereinigten Staaten lebt der durchschnittliche 75 Jahre alte Amerikaner heute noch etwa zwölf Jahre – deutlich länger also als die acht Jahre, die ein Präsident maximal im Weißen Haus verbringen kann. In Hinblick auf etwaige mentale Einschränkungen kommt eine Studie im „Journal of Gerontology“ allerdings zu dem Ergebnis, dass in der Altersgruppe etwa elf Prozent der Menschen an einer Form von Demenz erkranken. Das mag absolut betrachtet wenig erscheinen, stellt jedoch mehr als eine Verdreifachung des Risikos im Vergleich zur nächstjüngeren Altersgruppe, den 65 bis 74 Jahre alten Personen, dar.

          Bernie Sanders und Joe Biden sind die ältesten Politiker aus dem voraussichtlichen Kandidatenfeld für das höchste Amt in den Vereinigten Staaten .

          Nichtsdestotrotz kann nicht einfach vom Alter eines Kandidaten auf dessen Amtseignung geschlossen werden. Wie Ursula Müller-Werdan, Direktorin der Klinik für Geriatrie an der Charité in Berlin, betont, treten chronische Erkrankungen sehr ungleich verteilt in älteren Bevölkerungsgruppen auf. Auch wenn die Mehrzahl der Personen dieses Alters überwiegend beschwerdefrei ist, lassen sich daraus für den Einzelfall nicht mehr als Tendenzen ablesen.

          Das zeigt sich am Beispiel des 82 Jahre alten algerischen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika. Seine Ankündigung, für eine fünfte Amtszeit kandidieren zu wollen, hatte zahlreiche Bürger im März auf die Straßen Algeriens getrieben. Hauptanstoß der Kritik war dabei die seit einem Schlaganfall stark eingeschränkte Gesundheit Bouteflikas. Am Dienstag verkündete der Armeechef, er wolle Bouteflika wegen seiner Krankheit für amtsunfähig erklären. 

          Bei Barack Obama haben acht Jahre als Präsident der Vereinigten Staaten Spuren hinterlassen.

          Und was bedeutet es politisch, wenn der älteste Präsident aller Zeiten seinen Amtseid ablegen würde? Aus Sicht von Daniel Bessner, Assistenzprofessor für Internationale Beziehungen an der University of Washington, wäre dies vor allem aus Sicht jüngerer Menschen problematisch: „Es geht nicht darum, der älteren Generation den Krieg zu erklären. Doch Menschen werden von der Zeit, in der sie geboren werden, maßgeblich geformt. Politiker wie Joe Biden oder Elizabeth Warren können sich daher schlechter in junge Wähler hineinversetzen und deren Interessen vertreten.“ Das sei besonders angesichts des rapiden gesellschaftlichen und technologischen Wandels in den jüngsten Jahrzehnten relevant.

          Allerdings sagt der Wissenschaftler, dass Politiker mit diesem Problem unterschiedlich umgehen könnten. Bernie Sanders etwa sei das Bemühen anzumerken, sich die Belange jüngerer Generationen zu eigen zu machen. Damit sei auch seine Fähigkeit, jugendliche Wählergruppen zu begeistern, zu erklären. Für die Demokraten, deren Sieg bei den Kongresswahlen im vergangen Jahr unter anderem auf dem Zuspruch jüngerer Wahlschichten basierte, sei es aus Sicht Bessners von Vorteil, wenn sich das Führungspersonal der Partei neu aufstellen würde. Mit Nancy Pelosi (78) und Chuck Schumer (68) handelt es sich auch bei den demokratischen Fraktionsführern in den beiden Häusern des Kongresses um Parteiveteranen im fortgeschrittenen Alter.

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