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Amerikanische Linke : Selbst ernannte „Drecksäcke“

  • -Aktualisiert am

„Drecksack-Linke“? Anhänger von Bernie Sanders am Morehouse College in Atlanta Bild: Reuters

Alles oder nichts: Wird ihr Favorit Bernie Sanders nicht Präsidentschaftskandidat, wollen linke Anhänger der Demokraten nicht zur Wahl gehen. Auch wenn Trump dadurch im Amt bleibt.

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          Es war einer der spannungsgeladeneren Momente in der Fernsehdebatte der Demokraten am Mittwoch: Kamala Harris, Senatorin aus Kalifornien, warf Tulsi Gabbard vor, die demokratische Partei permanent zu beschimpfen. Die Jahre unter Präsident Obama habe die Abgeordnete aus Hawaii bei Fox News verbracht. Der Angriff war nicht nur eine Retourkutsche für frühere Tiefschläge Gabbards gegen Harris. Er zeigte auch die Nervosität vieler Demokraten gegenüber denjenigen, die wertvolle Stimmen in ihren Nischen festhalten könnten. Und Gabbard hat tatsächlich eine Fangemeinde, die sich an ihrer Vergangenheit nicht stört, weil viele ihrer Unterstützer die Institutionen der Partei ohnehin für korrupt halten.

          Die meisten dieser Wähler kann zur Zeit noch Bernie Sanders binden, der linke Senator aus Vermont. Wähleranalysen zeigen, dass sich seine Anhängerschaft mit der von Gabbard teils überschneidet. Doch da liegt auch das Problem: Die Angst vor den Drittkandidaten bei der eigentlichen Präsidentschaftswahl geht wieder um. Gabbard dementierte kürzlich Gerüchte, sie könnte eine solche Kandidatur vorbereiten.

          Manche Kommentatoren warnen bereits davor, dass sich die Anhänger von Sanders und der anderen Linken Elizabeth Warren nicht so diszipliniert verhalten würden wie gewünscht, wenn ihr Favorit nicht die Vorwahl gewinnt. Recht frisch ist noch die Erinnerung an die Kandidatin Jill Stein, die Hillary Clinton 2016 empfindlich geschadet haben soll. In einigen Staaten, wie Michigan und Wisconsin war der Vorsprung von Donald Trump kleiner als die Zahl der Stein-Stimmen. Wie stark Stein den Ausgang bestimmte, lässt sich zwar nicht mit Sicherheit sagen. Keiner weiß, ob ihre Wähler ohne sie tatsächlich für Clinton gestimmt hätten oder ob sie einfach zu Hause geblieben wären. Es gab aber Bürger, die in den Vorwahlen für Sanders waren und für die Hillary Clinton das Parteiestablishment verkörperte. Manche von ihnen liefen zu Stein über.

          Für die „reine Lehre“

          Damals war die Rede vom „Bernie Bro“, dem Klischee des linken weißen jungen Mannes, der Clinton nicht wählte und lieber Trump als Sieger in Kauf nahm. Zwar stellte sich heraus, dass Sanders' Basis auch damals schon weiblicher und vielfältiger war als es Clintons Fans behaupteten. Doch es gibt auch zur Zeit eine Strömung unter jungen Linken, die offen darüber spricht, dass man nicht automatisch einen anderen Demokraten wie den ehemaligen Vizepräsidenten Joe Biden wählen müsse, wenn Sanders sich nicht durchsetzt.

          Besonders von sich reden machen dabei junge Akademiker in den Metropolen, die sich selbst ironisch „Dirtbag Left“ nennen und einen politischen Nihilismus von links pflegen: Wenn ihr Kandidat nicht gewinnt, dann können sie auch alles an die Wand fahren lassen. Den Begriff „Dirtbag Left“ (etwa: Drecksack-Linke) prägte Amber A'Lee Frost, eine Aktivistin und Kommentatorin, die durch den erfolgreichen Podcast „Chapo Trap House“ aus New York bekannt wurde. Das Schlagwort soll Linke bezeichnen, die sich gegen „politische Korrektheit“ wehren und die „wahren“ Themen der Linken vertreten – die reine Lehre also.

          Im Namen von Arbeitern, seltener gemeinsam mit ihnen, verteidigen ihre Protagonisten eine marxistische Orthodoxie, die sämtliche theoretischen Weiterentwicklungen der vergangenen fünfzig bis hundert Jahre ignoriert. Der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ist das einzige, was aus ihrer Sicht wirklich zählt. Sie kämpfen gegen die Diskursmacht von Feminismus und Antirassismus – Themen, die für sie nur vom wesentlichen ablenken und die man ruhig ins Lächerliche ziehen kann. Dass beide auch marxistische Wurzeln haben, dass sie die Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit und die Mechanismen der Machtverteilung thematisieren, ist für die „Dirtbag Left“ uninteressant bis lästig.

          Feminismus ist für reiche Frauen da

          Die Sanders-Ultras sind weniger in den traditionellen Medien als in Blogs, Podcasts und bei Youtube unterwegs. Anna Khachiyan, eine der beiden Macherinnen des erfolgreichen Podcasts „Red Scare“, erzählt dort, dass sie sehr gern einen reichen Mann treffen und sich aufs Hausfrauendasein verlegen würde. Sicher kann man sich nicht sein, ob das reine Ironie ist, um den Feminismus anzugreifen. Der sei ohnehin nur für reiche Frauen da, glaubt Khachiyan. Das sagen auch viele schwarze Feministinnen, wenn sie die weiße Frauenbewegung kritisieren – aber aus anderen Gründen.

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