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Präsidenten-Landsitz Camp David : Weltpolitik in der Bergidylle

Im Jahr 1978 vereinbarten der israelische Regierungschef Menachem Begin (rechts) und Ägyptens Präsident Anwar al Sadat (links) den israelisch-ägyptischen Friedensvertrag in Camp David Bild: ddp images/AP

Franklin D. Roosevelt suchte im Jahr 1942 einen Ort der Ruhe - und fand Camp David. Der offizielle Landsitz amerikanischer Präsidenten wurde von Republikanern geliebt; die Demokraten haben ihn in die Geschichtsbücher gebracht.

          Vor der Auffahrt zu „Camp # 3“ ist Schluss. Das kann man verstehen, denn auf der Karte mit den Zufahrtsstraßen und Wanderwegen, die der freundliche Park-Ranger am Besucherzentrum ausgehändigt hat, ist ein „Camp # 3“ gar nicht eingezeichnet. Aber auch zum Zeltplatz „Owens Creek“ geht es heute nicht weiter, weil ein freundlicher Park-Ranger seinen Dienst-Pick-up quer über die Straße gestellt hat.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Auf dem Parkplatz „Hog Rock“ stehen vier Männer mit Wanderschuhen und Sonnenbrillen und schauen umher. Man erkennt sie so leicht als Beamte des Secret Service, wie man die Streifenhörnchen als solche erkennt, die über die felsigen Pfade huschen. Mitten im Wald des „Catoctin Mountain Park“ liegt hier Camp David, der offizielle Landsitz amerikanischer Präsidenten.

          Hier konnte Roosevelt durchatmen

          Ausgewählt hat den Ort 1942 Franklin D. Roosevelt. Der Präsident, wegen einer Polio-Erkrankung gehbehindert und meist an den Rollstuhl gebunden, suchte einen Ort der Ruhe. Dieser Ort sollte zugleich fernab von Washington sein, wo ihn der Zweite Weltkrieg nicht losließ und dessen stickiges Klima sein Asthma verschlimmerte; und er sollte nicht mehr als 100 Kilometer vom Weißen Haus entfernt liegen und somit in weniger als zwei Autostunden zu erreichen sein. Roosevelts Berater hatten dem Präsidenten mehrere Orte vorgeschlagen.

          Der letzte war ein Lager mit einfachen Blockhütten im „Catoctin Mountain Park“ im Norden von Maryland, der 1935 im Rahmen des Aufbauprogramms des „Second New Deal“ als Naherholungsgebiet eingerichtet worden war. Als Roosevelt am späten Nachmittag des 22. April 1942 zum ersten Mal die einfachen Blockhütten von „Camp # 3“ in den Catoctin-Bergen sah, rief er aus: „Hier ist Shangri-La!“ In der frischen Bergluft auf gut 570 Metern Höhe konnte Roosevelt durchatmen - im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.

          Camp David im Bundesstaat Maryland

          Diesen Namen für seinen neuen Landsitz hatte Roosevelt dem 1933 erschienenen Roman „Lost Horizon“ des britischen Schriftstellers James Hilton entlehnt. Wie das fiktive Halbparadies Shangri-La im Himalaja, das Hilton in seinem Bestseller beschreibt, sollte das bis dahin als „Camp # 3“ oder auch als „Camp Hi-Catoctin“ bekannte Blockhütten-Lager gleichsam ein Ort außerhalb der Erdenzeit sein, wenigstens für ein verlängertes Wochenende.

          Roosevelt kam oft und gerne herauf in sein „Shangri-La“. Als ersten Gast beherbergte Roosevelt dort vor fast genau 70 Jahren Winston Churchill. Dem britischen Premier wurde es in der Abgeschiedenheit bald zu eintönig: Er ließ sich in die nahe Ortschaft Thurmont hinunterfahren, wo er im Restaurant „Cozy“ ein kaltes Bier trank und der Bedienung ein paar Münzen zum Füttern der „Juke Box“ gab. Das „Cozy“ gibt es heute noch, das kalte Bier dort auch und statt der „Juke Box“ ein kleines Museum zur Geschichte des Präsidentensitzes in den Bergen.

          Tennisplätze, Schwimmbäder, Kegelbahn

          Nach dem Tod Roosevelts im April 1945 fiel „Shangri-La“ an seinen Nachfolger Harry Truman. Der konnte den Wanderwegen und Bächen wenig abgewinnen und ließ sich an Wochenenden und in den Ferien lieber nach Key West in Florida fliegen, wo er Poker spielte und Whiskey trank. Truman erwog gar die Schließung des Landsitzes. Trumans Nachfolger Dwight D. Eisenhower, der den Sitz nach seinem Enkel in „Camp David“ umbenannte, traf sich hier im September 1959 mit dem sowjetischen Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow. Präsidentenenkel David Eisenhower erzählt, dass alle Welt nach dem Amtsantritt John F. Kennedys 1961 erwartet habe, dass der neue Präsident das Lager abermals umbenennen werde - etwa nach seiner Tochter in „Camp Caroline“.

          Doch der Präsidentenlandsitz und auch dessen Name blieben. Im Lauf der Jahre kamen zahlreiche Häuser hinzu; Tennisplätze, Schwimmbäder, eine Kapelle, eine Kegelbahn und ein kleiner Golfplatz wurden gebaut. Lyndon B. Johnson kam so gut wie nie nach Camp David - wie überhaupt alle Demokraten im Weißen Haus der Abgeschiedenheit der Catoctin-Berge weniger abgewinnen konnten als republikanische Präsidenten.

          Begin: „besseres Konzentrationslager“

          Unter Richard Nixon wurden Flüge mit dem Hubschrauber „Marine One“ Routine für Präsidenten. Vom Weißen Haus zum neuen „Helipad“ in Camp David waren es dann nur noch 20 Minuten. Gerald Ford liebte Camp David und machte im Winter Ausfahrten im Schneemobil. Reagan kam so oft wie kein anderer Präsident heraus und ritt durch den Wald. George H.W. Bush lud Michail Gorbatschow und andere Staatslenker in den Golfcart zu Ausfahrten über asphaltierte Waldwege. George W. Bush berief vier Tage nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eine Sitzung seines Sicherheitskabinetts in Camp David ein.

          In die Geschichtsbücher aber wurde Camp David vom demokratischen Präsidenten Jimmy Carter gebracht: 1978 vereinbarten der israelische Regierungschef Menachem Begin und Ägyptens Präsident Anwar al Sadat nach fast zwei Wochen Geheimverhandlungen dort den israelisch-ägyptischen Friedensvertrag. Begin bezeichnete Camp David hernach als „besseres Konzentrationslager“. Bill Clinton hatte mit dem Landsitz weniger Glück: Im Jahr 2000 scheiterte der Anlauf zum Friedensvertrag „Camp David II“ mit Palästinenserchef Jassir Arafat und dem israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak. Einen multinationalen Gipfel wie das Treffen der Staats- und Regierungschef der G-8-Gruppe an diesem Wochenende hat Camp David noch nicht erlebt.

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