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Pete Buttigieg : Zweifache Erleichterung für Amerika

  • -Aktualisiert am

Bürgermeister von South Bend und Bewerber für die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten: Pete Buttigieg Bild: AP

Als Präsident könnte der homosexuelle Pete Buttigieg Amerika endlich von seiner repressiven Vergangenheit befreien. Ein Gastbeitrag.

          Der demokratische Präsidentschaftskandidat Pete Buttigieg machte sich kürzlich über seine sexuelle Besonnenheit lustig, als er erzählte, dass er seinen Ehemann über eine Dating-App gefunden hatte. „Möglicherweise nicht die App, an die Sie denken“, scherzte er Anfang April vor einem äußerst freundlichen, vom „Gay and Lesbian Victory Fund“ versammelten Publikum – ein deutlicher Hinweis auf die schwule Netzwerk-App Grindr. (Buttigieg fand seinen späteren Ehemann, Chasten, der inzwischen erstaunlicherweise zum interessantesten und beliebtesten Wahlkampf-Gatten geworden ist, über die Dating-App Hinge, die stärker auf langfristige Beziehungen ausgerichtet ist.) In seinen zum Bestseller gewordenen Memoiren Shortest Way Home schreibt Buttigieg: „Abgesehen von der Gleichgeschlechtlichkeit war unser erstes Date etwas, das unsere Eltern als typisch und sogar altmodisch hätten empfinden können.“ Das glückliche Paar besitzt ein Haus, hat zwei Hunde und spricht häufig über den gemeinsamen Wunsch, Kinder zu haben. Es gibt keine Hinweise darauf, dass ihre Beziehung nicht monogam wäre.

          Buttigieg ist ein Vorbild für ein konventionelles, bürgerliches schwules Familienleben und zitiert überdies gern ohne jede Ironie die Bibel. Der heterosexuelle Präsident, den Buttigieg zu besiegen hofft (und den unsere selbsternannte „moralische Mehrheit“ scheinheilig unterstützt), ist dagegen zum dritten Mal verheiratet; er bestach eine Pornodarstellerin, um zu verhindern, dass sie ihre ehebrecherische Beziehung öffentlich machte; er wird von mehreren Frauen sexueller Übergriffe beschuldigt, scherzte über ein Date mit seiner Tochter und prahlte, die Vermeidung sexuell übertragener Krankheiten sei sein „persönliches Vietnam“ gewesen.

          Dass ein offen homosexueller Politiker sich selbst überzeugend als jemand darstellen kann, der tugendhafter ist als sein heterosexueller Gegner, zeugt von mehr als nur dem Charakter des gegenwärtigen Präsidenten. Es beweist, wie dramatisch sich die Wahrnehmung der Homosexualität in den Vereinigten Staaten gewandelt hat.

          In der amerikanischen Geschichte wurden Schwule die längste Zeit kriminalisiert, pathologisiert oder religiös verdammt. Der Ausdruck schwuler Sexualität war auf öffentliche Parks, Toiletten und Bäder beschränkt. Treffpunkte von Schwulen wurden regelmäßig überwacht und von der Polizei kontrolliert. In diesem Juni jährt sich zum 50. Mal der historische Stonewall-Aufstand, bei dem eine Gruppe von Schwulen sich in einer Schwulenbar in Greenwich Village gegen die Drangsalierung durch die Polizei wehrte. Selbst wer Schwule widerwillig tolerierte, assoziierte sie mit einer tief verwurzelten Promiskuität, die sie als wahre und gleiche Bürger ungeeignet erschienen ließ. („Die gleichgeschlechtliche Ehe wird die Homosexualität zerstören“, hieß es scherzhaft.)

          Durch die Übernahme traditioneller Familienwerte und sexueller Normen – ein Weg, den der Oberste Gerichtshof 2015 in der Sache Obergefell vs Hodges durch die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe öffnete – stellt Buttigieg die möglichen Erwartungen an einen schwulen Politiker radikal auf den Kopf. Der Bürgermeister von South Bend, Indiana, verweist gern auf die Tatsache, dass er der erste Millenial ist, der sich um das Amt des amerikanischen Präsidenten bewirbt. Außerdem ist er der erste Präsidentschaftskandidat nach der Causa Obergefell. Wie Buttigieg in seinem Wahlkampf immer wieder betont, hätte eine frühere Version seines hochqualifizierten Ich (Harvard-Abschluss, Rhodes-Stipendium, Veteran des amerikanischen Militärs) niemals versucht, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Früheren Generationen schwuler Politiker setzte die sexuelle Orientierung deutliche Grenzen für ihre Karriere. Als Barney Frank, Abgeordneter aus Massachusetts im Repräsentantenhaus, sich 1986 gegenüber dem damaligen Speaker Tip O’Neill outete, antwortete der für seine Offenheit bekannte Bostoner Politiker: „Das ist schade. Ich dachte, Sie könnten der erste jüdische Speaker werden.“

          Der Schwulenaktivist David Mixner beschreibt in seinen Memoiren Stranger Among Friends seine jahrzehntelange Freundschaft mit Bill Clinton, dessen Leben einige Parallelen zu seinem eigenen aufwies. „Der Präsident und ich wurden im Abstand von drei Tagen geboren. Wir beide träumten davon, unserem Land zu dienen„, schrieb er. „Aber es gab einen Unterschied. Er konnte seine Träume verfolgen, während ich das Gefühl hatte, das nicht tun zu können. Bill Clinton wurde als Heterosexueller geboren und ich als Schwuler.“ Nach Ansicht von Sean Strub, einem Schwulenaktivisten, der sich 1990 vergeblich um einen Sitz im Kongress bewarb, ist es der schwule Sex, der das Gefühl weckt, öffentliche Ämter seien unerreichbar. „Als ich mit Männern zu schlafen begann, gehörte es zu den hervorstechendsten Erkenntnissen aus dieser Erfahrung, dass ich mich nicht um ein öffentliches Amt bewerben konnte“, erinnerte er sich 1994 in einem unveröffentlichten Interview mit dem verstorbenen „New-York-Times“-Journalisten Dudley Clendinen.

          Bis vor kurzem hing schwulen Politikern aufgrund der Kriminalisierung und Stigmatisierung der Homosexualität durch die Gesellschaft ein Geruch von Skandal und fragwürdiger Sexualmoral an. Schwule Männer sind nicht anfälliger für sexuelles Fehlverhalten als heterosexuelle, aber solange die gleichgeschlechtliche Orientierung in den Untergrund gedrängt wurde, war es unvermeidlich, dass die politischen Karrieren schwuler Männer zu Demütigungen der einen oder anderen Art führten.

          Gerry Studds, Franks einstiger Kollege in der Kongress-Delegation von Massachusetts, war der erste Kongressabgeordnete, der sich öffentlich als Homosexueller outete, nachdem bekannt geworden war, dass er eine einvernehmliche Affäre mit einem 17-jährigen Pagen hatte. Frank selbst musste später einen Skandal durchstehen, als herauskam, dass er einem männlichen Prostituierten erlaubt hatte, von seiner Wohnung aus seinen Geschäften nachzugehen. Jeremy Thorpe, der frühere Vorsitzende der britischen Liberal Party, dem man einst zutraute, Premierminister zu werden, wurde beschuldigt, er hätte aus Angst vor einer möglichen Aufdeckung seiner Homosexualität seinen angeblichen Liebhaber ermorden lassen. (Das Verfahren endete mit einem Freispruch. Die Geschichte wurde im vergangenen Jahr brillant erzählt in dem BBC-Doku-Drama A Very British Scandal, mit Hugh Grant in der Rolle des auf Abwege geratenen und durchtriebenen Thorpe.)

          Überfällige Befreiung von repressiver Vergangenheit

          Am 50. Jahrestag des Stonewall-Aufstands steht Buttigieg nun für eine längst überfällige Befreiung von dieser repressiven Vergangenheit. Dass er ungeniert über seine Schwulsein spricht – „als bloße Tatsache wie die Haarfarbe und als Teil meiner selbst“ –, stößt sowohl bei der religiösen Rechten als auch bei der gegen Mehrfachdiskriminierung kämpfenden Linken auf Kritik. Beide haben ein Problem damit, wie Buttigieg seine sexuelle Orientierung zum Ausdruck bringt. Die religiöse Rechte stößt sich an der bloßen Tatsache seines Schwulseins, während die Linke ihn nicht für schwul genug hält. Für sozial Konservative, die der Ansicht sind, ein Schwuler sei allein schon aufgrund seiner sexuellen Orientierung nicht für das höchste Amt im Staate geeignet, birgt Buttigieg das Potenzial, das Denken und Fühlen der Menschen in ähnlicher Weise zu verändern, wie Barack Obama dies im Blick auf die Rasse tun konnte. All denen jedoch, die Anstoß an Buttigiegs „assimilationistischer Sicht“ nehmen, muss ich leider sagen, dass der erste Präsident oder die erste Präsidentin aus der LGBT-Community wohl keine farbige Transgenderfrau aus Tenderloin sein wird, sondern eher ein weißer schwuler Cisgendermann aus einem Bundestaat mit republikanischer Mehrheit, der zudem noch wie jemand aus dem mittleren Management einer Papierfabrik aussieht.

          Dass ein schwuler Politiker über einen heterosexuellen Präsidenten absolut glaubwürdig sagen kann, „wenn man sich das Tun dieses Präsidenten ansieht, kann man kaum glauben, dass es das Tun eines Menschen ist, der an Gott glaubt“, dann ist das nicht nur ein Zeichen dafür, dass die religiöse Linke heute die religiöse Rechte erfolgreich auf deren eigenem rhetorischen Terrain angreift. Es zeigt auch, dass Schwule endlich beginnen, in der Politik auf Augenhöhe mit Heterosexuellen zu agieren.

          Pete Buttigieg bietet seinem Land gleich zweifach Erleichterung: Er hat das Potential, uns von einer skandalgeschüttelten Präsidentschaft zu befreien und damit zugleich auch das Verhältnis zwischen dem schwulen und dem heterosexuellen Amerika zum Besseren zu verändern.

          Der Text ist im amerikanischen Original in „The Atlantic“ erschienen. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Michael Bischoff.

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