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Pete Buttigieg : Zweifache Erleichterung für Amerika

  • -Aktualisiert am

Bürgermeister von South Bend und Bewerber für die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten: Pete Buttigieg Bild: AP

Als Präsident könnte der homosexuelle Pete Buttigieg Amerika endlich von seiner repressiven Vergangenheit befreien. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Der demokratische Präsidentschaftskandidat Pete Buttigieg machte sich kürzlich über seine sexuelle Besonnenheit lustig, als er erzählte, dass er seinen Ehemann über eine Dating-App gefunden hatte. „Möglicherweise nicht die App, an die Sie denken“, scherzte er Anfang April vor einem äußerst freundlichen, vom „Gay and Lesbian Victory Fund“ versammelten Publikum – ein deutlicher Hinweis auf die schwule Netzwerk-App Grindr. (Buttigieg fand seinen späteren Ehemann, Chasten, der inzwischen erstaunlicherweise zum interessantesten und beliebtesten Wahlkampf-Gatten geworden ist, über die Dating-App Hinge, die stärker auf langfristige Beziehungen ausgerichtet ist.) In seinen zum Bestseller gewordenen Memoiren Shortest Way Home schreibt Buttigieg: „Abgesehen von der Gleichgeschlechtlichkeit war unser erstes Date etwas, das unsere Eltern als typisch und sogar altmodisch hätten empfinden können.“ Das glückliche Paar besitzt ein Haus, hat zwei Hunde und spricht häufig über den gemeinsamen Wunsch, Kinder zu haben. Es gibt keine Hinweise darauf, dass ihre Beziehung nicht monogam wäre.

          Buttigieg ist ein Vorbild für ein konventionelles, bürgerliches schwules Familienleben und zitiert überdies gern ohne jede Ironie die Bibel. Der heterosexuelle Präsident, den Buttigieg zu besiegen hofft (und den unsere selbsternannte „moralische Mehrheit“ scheinheilig unterstützt), ist dagegen zum dritten Mal verheiratet; er bestach eine Pornodarstellerin, um zu verhindern, dass sie ihre ehebrecherische Beziehung öffentlich machte; er wird von mehreren Frauen sexueller Übergriffe beschuldigt, scherzte über ein Date mit seiner Tochter und prahlte, die Vermeidung sexuell übertragener Krankheiten sei sein „persönliches Vietnam“ gewesen.

          Dass ein offen homosexueller Politiker sich selbst überzeugend als jemand darstellen kann, der tugendhafter ist als sein heterosexueller Gegner, zeugt von mehr als nur dem Charakter des gegenwärtigen Präsidenten. Es beweist, wie dramatisch sich die Wahrnehmung der Homosexualität in den Vereinigten Staaten gewandelt hat.

          In der amerikanischen Geschichte wurden Schwule die längste Zeit kriminalisiert, pathologisiert oder religiös verdammt. Der Ausdruck schwuler Sexualität war auf öffentliche Parks, Toiletten und Bäder beschränkt. Treffpunkte von Schwulen wurden regelmäßig überwacht und von der Polizei kontrolliert. In diesem Juni jährt sich zum 50. Mal der historische Stonewall-Aufstand, bei dem eine Gruppe von Schwulen sich in einer Schwulenbar in Greenwich Village gegen die Drangsalierung durch die Polizei wehrte. Selbst wer Schwule widerwillig tolerierte, assoziierte sie mit einer tief verwurzelten Promiskuität, die sie als wahre und gleiche Bürger ungeeignet erschienen ließ. („Die gleichgeschlechtliche Ehe wird die Homosexualität zerstören“, hieß es scherzhaft.)

          Durch die Übernahme traditioneller Familienwerte und sexueller Normen – ein Weg, den der Oberste Gerichtshof 2015 in der Sache Obergefell vs Hodges durch die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe öffnete – stellt Buttigieg die möglichen Erwartungen an einen schwulen Politiker radikal auf den Kopf. Der Bürgermeister von South Bend, Indiana, verweist gern auf die Tatsache, dass er der erste Millenial ist, der sich um das Amt des amerikanischen Präsidenten bewirbt. Außerdem ist er der erste Präsidentschaftskandidat nach der Causa Obergefell. Wie Buttigieg in seinem Wahlkampf immer wieder betont, hätte eine frühere Version seines hochqualifizierten Ich (Harvard-Abschluss, Rhodes-Stipendium, Veteran des amerikanischen Militärs) niemals versucht, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Früheren Generationen schwuler Politiker setzte die sexuelle Orientierung deutliche Grenzen für ihre Karriere. Als Barney Frank, Abgeordneter aus Massachusetts im Repräsentantenhaus, sich 1986 gegenüber dem damaligen Speaker Tip O’Neill outete, antwortete der für seine Offenheit bekannte Bostoner Politiker: „Das ist schade. Ich dachte, Sie könnten der erste jüdische Speaker werden.“

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